VERGEBUNG

„Ihr habt keine andere Wahl“ schmettert Alexander Zalachenko (Georgi Staykov) dem Sektionschef der Sicherheitspolizei entgegen und lehnt sich dabei selbstsicher in seinem Krankenhausbett zurück. Der Schwerverwundete lässt sich auf keine Diskussionen ein, wenn er seine Forderungen durchsetzen will. Nachdem er selbst die Axtschläge seiner Tochter Lisbeth überlebt hat, erklärt er sich selbst als unüberwindbare Festung und scheint keinen Gegner mehr zu fürchten, obwohl seine Erzfeindin auf derselben Station liegt, nur ein paar Türen von ihm entfernt. Die gefährliche Gehirnoperation, bei der man ihr die Kugeln aus dem Kopf entfernte, hat sie gut überstanden. Nun warten Polizei und Psychiatrie ungeduldig darauf, sie wieder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Weder Fäuste noch Computerviren kann Lisbeth Salander (Noomi Rapace) diesmal der schweren Anklage entgegensetzen.

Foto: © Yellow Bird Pictures (Knut Koivisto)

Den Part der Verteidigerin übernimmt Mikael Blomkvists Schwester Annika (Annika Hallin), die Rechtsanwältin ist. Während also Anwältin und Klientin im einen Zimmer über Beweismaterial debattieren, ereignet sich im Zimmer nebenan die gnadenlose Vollstreckung des Urteils: ein paar Schüsse liefern den treffsicheren Beweis, dass es immer eine Alternative gibt und Zala wohl doch ein Normalsterblicher ist. Ein starker Gegner wurde beseitigt, doch die Jagd geht trotzdem weiter. In der Schusslinie stehen von jetzt an auch der investigative Journalist Mikael Blomkvist und Erika Berger, die verantwortliche Redakteurin der Millennium-Redaktion. Die Verschwörung gegen Lisbeth Salander – das Thema der aktuellen Ausgabe – zieht weite Kreise bis in die Regierung; das Medienspektakel um ihren Prozess weckt schlafende Hunde und bringt das Grauen aus der Zeit ihrer Internierung ans Tageslicht….

Nahezu selbstständig hat sich im Laufe der beiden ersten Teile der Millennium-Trilogie VERBLENDUNG und VERDAMMNIS die Figur der Lisbeth Salander zum heimlichen Dreh-und Angelpunkt des Stoffes und Publikumsmagneten entwickelt. Es ist fraglich, ob den Verfilmungen der drei Romane von Stieg Larsson ohne diese extrem starke Frauenrolle jemals zu so viel an Beachtung geschenkt worden wäre. Diese Dominanz einer Figur innerhalb eines fest gefügten Ensembles kann einem Film jedoch auch zum Verhängnis werden. Zumal dann, wenn die Dramaturgie sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt und ihr wenig Raum zur Entfaltung gibt. Viel Action kann sie nämlich im letzten Teil nicht bieten, da sie vom Krankenbett direkt in die Gefängniszelle verfrachtet wird. Dadurch verlagert sich das Zentrum der Handlung auf die bisher in den Schatten gestellte Hauptfigur Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist). Ergebnis des Ganzen ist, dass dessen erhöhte Präsenz die vergleichsweise physische Passivität von Lisbeth Salander noch stärker zutage treten und die eher fernseh- denn leinwandtaugliche Kinematographie spürbar werden lässt.

Foto: © Yellow Bird Pictures (Knut Koivisto)

Die Überschreitung von Gattungsgrenzen zwischen Fernseh- und Kinofilm geht mit einem Genremix von Thriller, Gerichtsdrama und Krimi einher. Die düstere monochromatische Farbgebung passt einwandfrei zu der unaufdringlichen und gut auf die Handlung abgestimmte Atmo zusammen.

Dramaturgisch ist der als Höhepunkt der Trilogie angepriesene letzte Teil sehr darauf angelegt, die Auflösung des Gordischen Knotens hinauszuzögern, um die Spannungskurve ansteigen zu lassen und die Erwartungshaltung der auf Gerechtigkeit Hoffenden nicht gleich zu erfüllen. Ein Großteil des Plots entfällt auf die Gerichtsverhandlung, die mit einem klaren Vorteil der Anklage beginnt. Leider tendiert der weitere Prozessverlauf zu sehr in Richtung Entlastung als auf überraschende Enthüllung.

Ein Hollywood-Remake des Dreiteilers ist in Planung. Mit Spannung darf man also erwarten, wie sich das kommerzielle Kino eine Lisbeth Salander vorstellt, doch die Schauspielerin, die sich an diese Rolle wagt, wird es schwer haben, bei einem Vergleich mit Noomi Rapace nicht zu verblassen. Mit ihrer coolen Attitüde und dem unverkennbaren Goth Punk Look hat sie dem Spektrum an Frauenbildern im Film eine neue Dimension gegeben.

Foto: © Yellow Bird Pictures (Knut Koivisto)

° Originaltitel: Luftslottet som sprängdes

° Deutscher Titel: Vergebung

° Produktionsland: Schweden, Dänemark, Deutschland

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Daniel Alfredson

° Darsteller: Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Annika Hallin, Anders Ahlbom, Georgi Staykov, Micke Spreitz

° Drehbuch: Jonas Frykberg, Ulf Ryberg, Stieg Larsson (Romanvorlage)

° Produktion: Jon Mankell

° Kamera: Peter Mokrosinski

° Musik: Jacob Groth

° Schnitt: Mattias Morheden

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