Als unabhängiger Regisseur, der seine inhärent regimekritischen Filme außerhalb des strikt reglementierten Studiosystems Thailands dreht und mitproduziert, hatte Apichatpong Weerasethakul immer wieder Probleme mit der Zensurbehörde. Autobiographische Begebenheiten lässt er stets in seine Filme einfließen. Da er selbst schwul ist, war auch Homosexualität ein bedeutendes Thema seiner Filme. In TROPICAL MALADY, der aus einem Plot mit zwei Stories besteht, genießt ein verliebtes schwules Pärchen das Nachtleben mit Kino und Karaoke. Das urplötzliche Verschwinden des einen Jungen wird mit einer alten Thai-Sage erklärt, die besagt, der Abtrünnige würde sich in ein wildes Tier verwandeln, das sich über die Lebenden hermacht. 2004 wurde er in Cannes als erster thailändischer Film mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. THE ADVENTURE OF IRON PUSSY (2003), in Ko-Regie mit Michael Shaowanasai gedreht, ist ein parodistischer Spionagethriller mit einem Transvestiten in der Hauptrolle.

Foto: © Sayombhu Mukdeeprom / Illumination films (past lives) & kickthemachine

UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN hat keinen queeren Bezug, changiert innerhalb des Plots aber wie sein preisgekrönter Vorgänger TROPICAL MALADY zwischen den Bewusstseinsebenen: das Unterbewusste und Unbegreifliche bricht irritationslos in die erlebte Gegenwart ein. Der metaphysische Diskurs über die Reinkarnation, das Erinnern und Vergessen gewann dieses Jahr die Goldene Palme im Wettbewerb von Cannes und konnte ohne Zensureingriffe veröffentlicht werden.

Foto: © Sayombhu Mukdeeprom / Illumination films (past lives) & kickthemachine

Der nierenkranke Boonmee (Thanapat Saisaymar) spürt, dass seine Tage gezählt sind und kehrt zum Sterben in sein im Nordosten Thailands gelegenes Farmhaus zurück. Umsorgt und gepflegt wird er von seiner Schwester Jen (Jenjira Pongpas), einem entfernteren Verwandten und einem laotischen Immigranten. Während des gemeinsamen Mahls erscheinen Boonmees verstorbene Ehefrau und sein verloren geglaubter Sohn in Gestalt eines Affengeistes mit glühend aufleuchtenden roten Augen. Physisch begibt sich Boonmee mit letzten Kräften auf Pfade, die tief durch den Dschungel führen und dessen Ziel eine geheimnisvolle Höhle, seine Geburtsstätte, ist. Eine geistige Rückführung bringt ihn in frühere Seinszustände…

Foto: © Sayombhu Mukdeeprom / Illumination films (past lives) & kickthemachine

Wenn die Prinzessin der eingebauten Mikroerzählung sich über die ungetrübte Wasserquelle des Flusses beugt, sieht sie ihr vernarbtes Angesicht in makelloser Schönheit und Güte widergespiegelt. Das, was sie sieht, ist eine Projektion ihrer Erinnerung, ihrer Sehnsüchte oder auch pures Zauberwerk. Der Regisseur selbst scheint aus dem Wels zu sprechen, der sich als Erschaffer des trügerischen Spiegelbildes zu erkennen gibt, denn Apichatpong Weerasethakuls Filme sind pure Projektion. Erst aus der Phantasie des Publikums ergeben sich vielschichtige Bedeutungsebenen – sogar dann, wenn sich auf der Oberflächenstruktur ein dokumentarisch anmutendes Alltagsleben abspielt.

Plakat: © Movienet Film GmbH

° Originaltitel: Loong Boonmee raleuk chat

° Englischer Titel: Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives

° Produktionsländer: Thailand, England, Frankreich, Deutschland, Spanien, Niederlande

° Produktionsjahr: 2010

° Regie: Apichatpong Weerasethakul

° Spiel: Thanapat Saisaymar, Jenjira Pongpas, Sakda Kaewbuadee

° Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul

° Produktion: Simon Field, Keith Griffiths, Apichatpong Weerasethakul

° Kamera: Yukontorn Mingmongkon, Sayombhu Mukdeeprom

° Schnitt: Lee Chatametikool

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