THEMBA

Die letzten drei Packungen meiner Panini-Sticker habe ich seit WM-Ende aufgehoben. Ich wollte die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika gedanklich noch nicht abschließen und wartete auf ein besonderes Ereignis, das mich wieder in dieselbe Euphorie versetzen könnte. Nach meinem letzten Kinobesuch habe ich dann die verbleibenden Bilder eingeklebt, denn mit THEMBA – DAS SPIEL SEINES LEBENS war so ein Ereignis plötzlich da. THEMBA ist zwar kein queerer, aber wie PRECIOUS ein relevanter Beitrag zum Thema HIV und AIDS.

Foto: © alpha medienkontor

In kräftigen, satten Farben mit intensiver Leuchtkraft und einem prächtigen Panorama erzählt Stefanie Sycholt die ergreifende Geschichte von Leid und Hoffnung und von einem kleinen Wunder. Themba (Emmanuel Soquinase, Junior Singo) lebt mit Mutter Mandisa (Simphiwe Dana) und Schwester Nomtha (Mihile Mtakati, Anisa Mhlungula) abseits eines kleinen Dorfes, auf einem Hügel im Eastern Cape. Seine große Leidenschaft ist der Fußball, über den er die finanzielle Notlage, in die die Familie seit dem Verschwinden des Vaters geraten ist, vergisst.

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Mandisa liest auf der Straße einen wildfremden Mann auf (Luthando: Patrick Mofokeng), der sich als Verwandter ausgibt. Schnell gewinnt er das Vertrauen der Mutter, nur Themba kann ihn nicht leiden und stellt sich gegen ihn. Nie wird jemand seinen Vater ersetzen können; das verdeutlicht er Luthando am ersten Abend. Mit seinem besten Freund Sipho (Melabantu Maxhama, Kagiso Mtetwa) und ein paar anderen Jungs stellt Themba eine Mannschaft, die „Lion Strikers“ auf. Das Team bewirbt sich für ein Jugendturnier – und wird eingeladen. Der Leiter der All Star Academy John Jacobs (Jens Lehmann) erkennt das Talent von Themba und fördert es.

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Thembas Mutter verliert ihren Job auf der Teeplantage und Luthando ist keine Hilfe, nur eine zusätzliche Last. Mandisa hat keine Wahl; sie muss nach Kapstadt gehen, wenn sie die Familie durchbringen will und lässt die Kinder bei Luthando zurück. Drei Jahre später: Luthando ist seit Mandisas Abreise immer seltener nüchtern anzutreffen. Eines Nachts begrabscht er Nomtha. Themba greift ein. Luthando schlägt ihn in seinem blinden Hass bewusstlos und missbraucht ihn.

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Das Geschwisterpaar macht sich auf den Weg nach Kapstadt, um die Mutter aufzusuchen. Sie finden sie schließlich abgerissen und todkrank in einem der Slums am Rand der Stadt. Als Themba erfährt, dass sie AIDS hat und Luthando sie infiziert hat, ist er sich sicher, dass er den Virus ebenfalls in sich trägt, doch an seinem Traum von einer Profi-Fußballerkarriere hält er fest…

Fragwürdig ist, warum die Wahl für die Rolle des Fußballtrainers auf Jens Lehmann fiel und womit er beim Casting überzeugen konnte (mal abgesehen von seiner Keeper-Prominenz). Gegen die anderen tragenden Figuren wirkt seine Darbietung wächsern und ziemlich blutleer.

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Der Einbruch von geballtem Unheil in Thembas Familie durch Luthando mag etwas konstruiert wirken, zumal weder Mutter noch Kinder auf ihn angewiesen sind. Er hat keine Autorität inne und andere Unterkunftsmöglichkeiten wären vorhanden gewesen. Bedrückend echt eingefangen hat Kameramann Egon Werdin die forcierte Intimität in der kleinen Hütte. Der Schlafraum ohne Trennwand oder Türen strahlt nicht die geringste Behaglichkeit aus.

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Wenn Themba enttäuscht, wütend oder entsetzt ist, dann läuft er einfach davon, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Er reagiert sich an der Umwelt ab, wirft Steine ins Meer. Wenn er Fußball spielt, ist alles um ihn herum wie ausgelöscht. Die Kamera ist mittendrin im Spiel, drängt sich zwischen den Ball und die Sportler, als gäbe es kein außen. Im Abseits stehen hingegen jene, bei denen AIDS ausgebrochen ist. Sie ziehen sich zurück, verbergen sich vor der südafrikanischen Gesellschaft, die die Krankheit als Stigma, Fluch oder Bestrafung der Götter ansieht. Zuerst Siphos Mutter, dann Mandisa, die vor Scham den Kontakt zu ihren Kindern abbricht und zuletzt Luthando, dessen Schicksal wir von Sipho erfahren. Mythen um ihren Erwerb, Verlauf und die Befreiung von ihr werden gesponnen. Ärztliche Hilfe nimmt niemand freiwillig in Anspruch, als sei es eine Schande, mit dem Virus infiziert zu sein. Der junge Themba unterscheidet sich insofern von den anderen Figuren, als der HIV-Test seine Initiation in Gang setzt und er die öffentliche Anerkennung als Neuzugang von Bafana Bafana für ein Outing nutzt.

Cover: © alpha medienkontor

° Originaltitel: Themba

° Deutscher Titel: Themba – Das Spiel seines Lebens

° Produktionsland: Deutschland, Südafrika

° Produktionsjahr: 2010

° Regie: Stefanie Sycholt

° Spiel: Junior Singo, Emmanuel Soquinase, Simphiwe Dana, Jens Lehmann, Melabantu Maxhama, Anisa Mhlungula, Mihile Mtakati, Kagiso Mtetwa, Patrick Mofokeng

° Drehbuch: Stefanie Sycholt, Lutz van Dijk

° Produktion: Ica Souvignier, Michael Souvignier , Josef Steinberger

° Kamera: Egon Werdin

° Musik: Annette Focks

° Schnitt: Hansjörg Weißbrich

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