Leben ist Information. Einen Gott gibt es nicht. Das ist das Weltbild von Craig Venter, der Biochemiker, der erst das Genom entschlüsselte und nun ein fortpflanzungsfähiges Bakterium erschaffen hat. Die Schöpfung der Zukunft, findet sie im Labor statt? Und ist das ethisch und moralisch überhaupt verantwortbar? „Nun, wenn Gott es nicht gewollt hätte, dass wir das tun, dann hätte er uns nicht die Mittel dazu gegeben“, diese Überzeugung eint das Biochemiker-Paar Elsa (Sarah Polley) und Clive (Adrien Brody) aus SPLICE, Vincenzo Natalis neuem Werk, an dem er zehn Jahre lang gearbeitet hat. Sie wollen wissenschaftlich an ihre Grenze und darüber hinaus gehen, mehr tun, als durch die Kreuzung verschiedener DNA von Tieren fleischklopsartige Proteinlieferanten wie Ginger und Fred heranzüchten.

Foto: © Senator

Ein Hybridwesen zwischen Mensch und Tier soll erschaffen werden, doch der Auftraggeber, ein großes Pharmaunternehmen, blockt aus Angst vor der Öffentlichkeit und moralischen Instanzen des Staates. Darum operieren sie heimlich auf eigene Faust hinter verschlossenen Türen und schenken „Dren“ (Delphine Chanéac, Abigail Chu) das Leben. „Dren“ (von hinten gelesen „NERD“, der Name des Labors von Elsa und Clive) ist ein zentaurartiges Fantasiewesen mit einer Unzahl von Eigenschaften verschiedener Spezies.

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Sie kann unter Wasser atmen wie ein Fisch, hat Flügel wie ein Drache, springt wie ein Känguru durchs Zimmer und hat Emotionen wie ein Mensch. Je länger das Paar Dren unter ihrer Obhut hat, desto schwieriger wird es, sie zu verbergen und den mechanistischen Forscherblick auf sie zu bewahren. Nachdem Clive und Elsa die moralische Grenze überschritten haben, verlieren sie mehr und mehr die Kontrolle über ihre eigenen Geschöpfe: während einer Presseerklärung zerfleischt sich ihre Neuzüchtung Ginger und Fred, weil Ginger ihr Geschlecht gewechselt hat und die beiden Männchen auf dem engen Raum ärgste Rivalen sind. Und die androgyne Schönheit Dren? Auch sie macht eine Metamorphose durch, vom Kind zur Frau zum Mann, vom Schmusetier zur Bestie…

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Das Hybride bestimmt die Machart des gesamten Films, der ein Genremix aus Sci-Fi, Horror und Thriller ist. Zu Beginn ist die Atmosphäre steril, klinisch, ein Labor im blauen Licht. Clive und Elsa sehen Leben unter dem Aspekt der wissenschaftlichen Erforschung und der wirtschaftlichen Wertschöpfung. Lebewesen sind in ihren Augen Produkte, die sich erzeugen und patentieren lassen. Aus dem Gleis gerät das Projekt, als anders geartete Elemente mit einfließen, nämlich die Psyche und Sexualität. Der Eintritt des Animalischen in das Labor-Leben der beiden Wissenschaftler ist nicht nur mit einem Übergang von Science Fiction / Thriller zu Horror, sondern auch mit einer Überschreitung der Geschlechtergrenzen verbunden. Ausschließlich weibliche Organismen haben die Fähigkeit, ihr Geschlecht zu wechseln. Generell auffallend ist, dass Regisseur Vincenzo Natali (CUBE 1997, CYPHER 2002, NOTHING 2003, GETTING GILLIAM 2005) großen Wert auf die Figurenpsychologie legt und generell den dominanten Part an die weiblichen Figuren vergibt, was für dieses Genre ungewöhnlich ist.

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In einem Interview mit „Buzzine“ meinte Natali, er habe sich bei der Entwicklung der Figur der Elsa an Lady Macbeth orientiert. Die zwischen weiblich und männlich oszillierende Delphine Chanéac überzeugt mit ihrer mimischen Bandbreite und Verwandlungskunst. Natali setzt Animationen vergleichsweise sparsam ein, so dass insbesondere Chanéac hinsichtlich ihrer Körperbeherrschung gefordert ist und dies auf sagenhaft Art meistert, obwohl sie an der Seite von überzeugenden Charakterdarsteller(inne)n wie Adrien Brody und Sarah Polley bestehen muss.

LiebhaberInnen von Mary Shelleys Frankenstein und der beiden Frankensteinfilme von James Whale, aber auch David Cronenberg-Fans kommen bei SPLICE garantiert auf ihre Kosten.

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° Originaltitel: Splice

° Deutscher Titel: Splice – das Genexperiment

° Produktionsländer: Kanada, Frankreich, USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Vincenzo Natali

° Darsteller: Adrien Brody, Sarah Polley, Delphine Chanéac, Abigail Chu, Brandon McGibbon

° Drehbuch: Vincenzo Natali, Antoinette Terry Bryant, Doug Taylor

° Produktion: Steven Hoban

° Kamera: Tetsuo Nagata

° Musik: Cyrille Aufort

° Schnitt: Michele Conroy

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