SŒUR SOURIRE

Den innerlichen Zwiespalt eines Gläubigen hatte Stijn Coninx bereits 1992 mit dem Arbeiterepos DAENS (PRIESTER DER ENTRECHTETEN) porträtiert. Seine tabulose und detailbesessene Ehrlichkeit brachten dem flämischen Regisseur damals eine Oscarnominierung und Adelung zum Baron ein. Nicht minder rebellisch und couragiert ist auch die Hauptperson seines aktuellen Biopic SOEUR SOURIRE – DIE SINGENDE NONNE, das am Freitag im Rahmen der L-Filmnacht im CinemaxX zu sehen war und noch im Herbst diesen Jahres im Kino starten wird. Der Film erzählt vom Aufstieg und Fall von Jeannine Deckers (1933-1985), die mit ihrem Chanson „Dominique“ Anfang der Sechzigerjahre internationale Popularität erlang, ihre musikalische Erfolgskarriere jedoch nach Austritt aus dem Dominikanerinnenorden nicht fortsetzen konnte. Der auf circa fünf Lebensjahre komprimierte Plot stellt einzelne wahrheitsgetreu übernommene Stationen der historischen Figur in einen fantasievoll erdichteten Kontext.

Foto: © Edition Salzgeber

Gefangen und doch frei sieht sich Jeannine (Cécile De France), noch im Elternhaus wohnend, in naher Zukunft. Als ob sie unter verschiedenen Lebensmodi wählen könnte! Hält die Mutter doch Ausschau nach dem passenden Schwiegersohn und sieht den Schulfreund Pierre bereits in der Rolle des tüchtigen Ehemanns, der mit ihrer Tochter einmal die Konfiserie übernehmen wird. Entwicklungshilfe in Afrika mit Kusine Françoise (Marie Kremer) oder ein Studium an der Kunstakademie solle sich Jeannine mal schleunigst aus ihrem Dickkopf schlagen. Bereits an die Ecke gedrängt, sieht sie die nächtliche Kussattacke ihrer besten Freundin Annie (Sandrine Blancke) bloß als weitere Repression. In Anbetracht von Jeannines Wankelmütigkeit wirkt ihr Entschluss, in ein Kloster einzutreten, wie ein übereilter Fluchtversuch. Auch im späteren Verlauf des Films wird deutlich, dass ihr die innere Überzeugung, die Berufung, fehlt. Das matriarchalische Gefüge des Elternhauses mit einer verhärmt freudlosen Mutter verkehrt sich innerhalb der Klostermauern von Fichermont spiegelbildlich zu einem institutionalisierten mit einer gleich gearteten Autoritätsperson (der Mutter Oberin), der gegenüber sich Jeannine qua Ordensgelübde zum Gehorsam verpflichtet.

Foto: © Edition Salzgeber

Coninx verhaltene Kritik an Kirche und Gesellschaft wird von dem schonungslos gezeichneten Charakterbild der Protagonistin in den Schatten gestellt. Die barmherzige, gottesfürchtige und selbstlose Nonne können wir nicht mal in Konturen erkennen. Weltliche Sehnsüchte diktieren ihr die Abkehr vom eingeschrittenen Weg und leiten die innere Wandlung ein. Der Preis ist die Aufgabe ihres Traums von einem Leben in Afrika. Ihre Unfähigkeit, zu lieben, ist mitunter auch in ihrer Egozentrik begründet.

Foto: © Edition Salzgeber

Der Film legt nahe, dass der finanzielle Ruin der Sängerin in dem Rufmord der Boulevardpresse (wegen der lesbischen Wohngemeinschaft) sowie der emanzipatorischen Songtexte („The Golden Pill“) begründet ist. Kloster und Orden hingegen scheinen nur indirekt Verantwortung an dem Scheitern der Künstlerkarriere zu tragen. In Wahrheit aber waren es Steuereinforderungen in unermesslicher Höhe, die das belgische Finanzamt wegen der millionenfachen Plattenverkäufe nachträglich geltend machte. Als Ordensschwester an ein Armutsgelübde gebunden, hatte Jeannine Deckers den Erlös an das Kloster abgetreten. Ihr rechtmäßiges Handeln hat sie ohne die Fürsprache von Kloster und Orden nicht beweisen können. Die Schuldentilgung beschäftigte sie lebenslang. Im Alter von 51 Jahren wählte sie den Freitod und nahm Annie auf diesem letzten Weg mit.

Foto: © Edition Salzgeber

In der Darstellung der lesbischen Liebesbeziehung der beiden Frauen geht der Film gleichsam zaghaft um, fast so, als würde die Protagonistin aus einer Laune heraus handeln. Ihre sexuelle Orientierung scheint – genau wie ihre Religiosität – wenig glaubwürdig. Ein für seinen Verismus bekannter Regisseur wie Stijn Coninx hätte durchaus klarer Stellung beziehen können. Seine Regieführung ähnelt in der Hinsicht ein bisschen an den Hit der Titelheldin: ein unbekümmertes Geträller, das schnell in Vergessenheit gerät – durchaus unterhaltsam, zwar naiv, aber mit ehrlichen Absichten. Die singende Nonne hat ebenfalls das Zeug zum Publikumsliebling, wenn auch nur vorübergehend.

Plakat: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Sœur Sourire

° Deutscher Titel: Sœur Sourire – Die singende Nonne

° Produktionsländer: Belgien, Frankreich

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Stijn Coninx

° Spiel: Cécile De France, Sandrine Blancke, Chris Lomme, Marie Kremer, Jo Deseure, Jan Decleir, Filip Peeters, Christelle Cornil

° Drehbuch: Stijn Coninx, Ariane Fert, Chris Vander Stappen

° Produktion: Eric Heumann, Marc Sillam

° Musik: Bruno Fontaine

° Schnitt: Philippe Ravoet

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