SHERLOCK HOLMES

Den Gegner ablenken, ihm einen Kinnhaken versetzen, danach ein Tritt in die Magengrube, zusätzlich ein Schlag in den Solarplexus. Ein zweiter Kinnhaken, um den Kiefer auszurenken. Physische Rekonvaleszenz des Opfers: sechseinhalb Wochen. Vollkommene Genesung: unwahrscheinlich. Etwa in der Art sehen die analytisch-rationalen Überlegungen eines Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) aus, wenn Guy Ritchie Regie führt. Der scharfsinnige Detektiv hat für seine Wing Chun Kung Fu- und Bartitsu-Kampftechnik Inverness-Mantel und Deerstalker-Hut abgelegt. Wenn er seine Muskeln im Ring spielen lässt und dadurch seinen Frust abbaut, hat er schlagkräftige Argumente dafür. Sein Partner Dr. Watson (Jude Law) will nämlich die Zusammenarbeit beenden, aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen und Mary (Kelly Reilly) heiraten. Nicht einmal durch den Schwarzmagier Blackwood (Mark Strong), der mit einer Reihe blutrünstiger Ritualmorde London in Angst und Schrecken versetzt, lässt sich Watson von diesem Vorhaben abbringen – vorerst jedenfalls nicht. Mit Charme und Raffinesse schafft es Holmes doch immer wieder, ihn um den Finger zu wickeln. Die mysteriöse Auferstehung Lord Blackwoods ist somit der Beginn einer turbulenten und kniffligen Verfolgungsjagd an die Spitze aller sechs Ecken des Hexagramms…

Foto: © Warner Bros. Pictures

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Auf der Rezeptionsebene war man hingegen nahezu besessen von dem Gedanken, der Dämon der Homosexualität lauere zwischen der Männerfreundschaft von Holmes und Watson. Lange vor dem deutschen Kinostart war man schon bemüht gewesen, diese These ihren Anhängern auszutreiben. Nachdem Andrea Plunkett, die Inhaberin der US-Rechte an den Romanfiguren Sir Arthur Conan Doyles, mit Konsequenzen gedroht hatte, werden jegliche homoerotischen Bezüge vonseiten der Regie und des Schauspielerstabes brav dementiert. Zuvor hatte Downey noch in der US-Fernesehsendung „Late Show with David Letterman“ seine Späße damit getrieben. Das Lachen scheint ihm nun aber vergangen zu sein. Warum die Aufregung?, fragt man sich, wenn man den Film gesehen hat. Insbesondere Jude Law hat – abgesehen von seiner Rolle als Lord Alfred ‘Bosie’ Douglas in WILDE von Brian Gilbert (1997) – schon weitaus grenzwertigere Rollen gespielt. So den Gigolo Joe in AI (2001) von Steven Spielberg und absolut skurril: Harlen Maguire in ROAD TO PERDITION (2002) von Sam Mendes.

In dem Holmes-Watson-Gespann kann ich dagegen lediglich zwei Dandys erkennen – mehr nicht. Holmes stellt sich gegen Watsons Heiratspläne, weil dieser durch die Ehe in ein bürgerliches Leben eintreten würde, was Holmes wiederum nur ablehnen kann. Dem Film hätte es besser getan, wenn die sexuelle Orientierung der beiden in der Schwebe geblieben wäre. Stattdessen wird ihre vermeintliche Heterosexualität durch zwei Alibi-Frauen (Rachel McAdams als Gangsterbraut Irene Adler und Kelly Reilly als Mary Morstan) auf nahezu lächerliche Weise betont. Zu dumm, dass in den Machtkämpfen zwischen Holmes und Irene aber auch nicht der Funke einer erotischen Anziehungskraft entfachen will und die Tatsache, dass Irene immer wieder Herrenanzüge trägt, liefert noch einen zusätzlichen Anhaltspunkt für das Hineininterpretieren eines queeren Subtextes. Anstatt sich aber über diese albernen Diskussionen zu ärgern, ob die Charaktere nun schwul oder hetero angelegt seien, sollte man lieber den Film genießen, denn der ist mit seiner geheimnisvoll düsteren viktorianischen Kulisse, der spannungsgeladenen Story in exzellenter Vertonung von Hans Zimmer und seiner sagenhaften Mischung aus Action und Komik absolut sehenswert.

Foto: © Warner Bros. Pictures

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° Originaltitel: SHERLOCK HOLMES

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Guy Ritchie

° Darsteller: Robert Downey Jr. , Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Eddie Marsan, Robert Maillet

° Drehbuch: Michael Robert Johnson, Anthony Peckham, Simon Kinberg

° Produktion: Dan Lin, Joel Silver, Lionel Wigram

° Kamera: Philippe Rousselot

° Musik: Hans Zimmer

° Schnitt: James Herbert

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2 responses so far, want to say something?

  1. Fabian says:

    Hihi, das hätte ich gar nicht gedacht, dass Sherlock Holmes auch so interpretiert werden kann. Muss ich mir noch ansehen …

  2. Sabbi says:

    Ich war zwar noch nie ein großer Sherlock Holmes-Fan, aber der Film ist super! Da hat Guy Ritchie wirklich gute Arbeit geleistet… Zwar hält sich der Film nicht wirklich an die Literaturvorlage , aber ich darüber sehe ich mal großzügig hinweg. Die wenigsten Buchvorlagen werden ganz genau umgesetzt. Insofern find ich das persönlich auch nicht weiter schlimm…

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