Bei der allwöchentlich stattfindenden MonGay-Reihe im Kino International wurde gestern (vor dem offiziellen Kinostart am Donnerstag) SÉRAPHINE von Martin Provost gezeigt. Die mit sieben Césars ausgezeichnete Künstler-Biopic fokussiert einen Lebensabschnitt von Séraphine Louis, einer der „naiven“ Malerei zugeordneten Künstlerin, die heutzutage auch als Séraphine de Senlis bekannt ist.

Wir schreiben das Jahr 1912. Tagsüber bestreitet Séraphine (gespielt von Yolande Moreau) ihren Lebensunterhalt mit harter körperlicher Arbeit – als Haushälterin, Wäscherin und beim Fleischer. Nachts in ihrer ärmlichen Kammer beginnt sie fieberhaft und wie unter Trance zu malen – herrliche Bilder, mit einem Rot von derartiger Intensität und Leuchtkraft, als sei die Leinwand aus Fleisch und der Pinsel der Künstlerin ein Messer, mit dem sie es aufritzt bis es zu bluten beginnt. Die exakte Mischung für das Rezept ihrer außergewöhnlichen Farben nahm die Künstlerin leider mit ins Grab. Bekannt ist nur, dass sie sich organischen Materialien wie Ton, Pflanzen, Blut und Wachs bediente. Ihre Werke kennen kein Bildzentrum oder die Aufteilung in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Die Blätter, Früchte und Blüten wuchern wie Unkraut über die gesamte Fläche, als würden sie sich selbst reproduzieren und danach verschlingen. An Augen, Korallen, Innereien oder verpuppte Insekten lassen einen die Auswüchse denken – lieblich und dämonisch zugleich. Auf Vertikalfahrten und Schwenks über die monumentalen Leinwände folgen Reaktionen der Betrachter. Die Bilder lösen Rührung, Verblüffung, Bewunderung, Entsetzen aus. Séraphine ist in ihrer starken Gläubigkeit davon überzeugt, dass die Malerei eine Eingabe ihres Schutzengels sei, die ihr auferlegt wurde. Der künstlerische Schaffensprozess gleicht einem religiösen Ritual, das mit einem Gesang ausklingt.

Foto: © Arsenal Filmverleih

Foto: © Arsenal Filmverleih

Durch einen glücklichen Zufall wird der deutsche Kunstkenner Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur), bei dem Séraphine als Haushälterin angestellt ist, auf ihre außergewöhnliche Gabe aufmerksam. Er beginnt, sie zu fördern, doch als der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ausbricht, muss er fliehen. Gesellschaftlich weit voneinander entfernt, sind Séraphine und Wilhelm Uhde dennoch Seelenverwandte. Beide leben sehr zurückgezogen und sind anderen Menschen gegenüber abweisend. Auch Wilhelm Uhde nimmt trotz seines Wohlstandes eine Außenseiterrolle in der Gesellschaft ein, da er schwul ist und Junggeselle bleiben will. Der Film deutet seine Homosexualität sehr zaghaft an. Fast scheint es, als würde er wie Séraphine asexuell leben.

Erst 15 Jahre später kehrt Uhde mit seiner Schwester Anne Marie (Anne Bennent) zurück nach Frankreich. Auf einer Ausstellung der ortsansässigen Künstler findet er, wonach er suchte: Bilder von Séraphine. Er unterstützt sie und verspricht eine Ausstellung all ihrer Werke in Paris. Als die Wirtschaftskrise Europa erreicht hat, muss er jedoch seine Pläne zurückstellen. Der mentale Zustand von Séraphine verschlechtert sich indessen. Ihre Genialität weicht mehr und mehr ihren Wahnvorstellungen…

Martin Provost und sein Kameramann Laurent Brunet tasten sich sehr vorsichtig und respektvoll an die Künstlerin heran. Provost geht wahrscheinlich von der Prämisse aus, dass es filmtechnisch unmöglich ist, die Welt so abzubilden, wie sie Séraphine sah. Die Kamera bleibt daher auf Distanz, in der objektiven Perspektive verharrend. Auch versucht er nicht, ihre Psyche durch den Film transzendent zu machen, geschweige denn sie oder Uhde zu glorifizieren. Es bleibt dem Zuschauer selbst überlassen, Antworten zu finden. Vieles bleibt unausgesprochen, offen oder sprichwörtlich im Dunkeln, denn in einigen Passagen ist die Szenerie so spärlich ausgeleuchtet, dass nur vage zu erkennen ist, was auf der Leinwand tatsächlich passiert. Die Biografie von Séraphine Louis unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von anderen Künstlerleben: Armut, Entsagung, Beschwerlichkeit, Psychosen. Allerdings sind es auch nicht die Ereignisse, sondern die visuellen Eindrücke und der schauspielerische Ausdruck einer sagenhaften Yolande Moreau, die den Film ganz behutsam, wenn auch über eine etwas zu lange Strecke, tragen.

Foto: © Arsenal Filmverleih

Foto: © Arsenal Filmverleih

° Originaltitel: Séraphine

° Produktionsland: Frankreich

° Produktionsjahr: 2008

° Regie: Martin Provost

° Darsteller: Yolande Moreau, Ulrich Tukur, Anne Bennent, Nico Rogner

° Drehbuch: Martin Provost, Marc Abdelnour

° Produktion: Miléna Poylo, Gilles Sacuto

° Kamera: Laurent Brunet

° Musik: Michael Galasso

° Schnitt: Ludo Troch

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