ROCK HAVEN

Unbändige Meereswogen umspülen die rauen, zerklüfteten Felswände und lassen eine weiße Schaumkrone zurück. Dünne Halme neigen ihr Haupt unter der Wucht des peitschenden Windes. Wie dahingestellt, in dieser wilden, ungestümen Landschaft sticht die knallweiße Kirchturmspitze fast bedrohlich in das tiefe Blau des Himmels. Obgleich durch die Montage miteinander verbunden, scheinen sie nichts gemein zu haben: das von Menschenhand erbaute Gotteshaus und die ihren eigenen Gesetzen folgende, noch unberührte Natur. Eben genauso wenig wie die beiden Protagonisten: der streng gläubige Brady (Sean Hoagland), der mit seiner Mutter (Laura Jane Coles) von Kansas nach Kalifornien gezogen ist und der liberal aufgewachsene Nachbarsjunge Clifford (Owen Alabado).

Foto: © Edition Salzgeber

Ihre erste Begegnung verdeutlicht dies. Brady läuft mit der Bibel unter dem Arm vor Clifford weg, obwohl er sich von ihm hingezogen fühlt. Der Kampf gegen das eigene Naturel ist sein Konflikt. Widerstand von Autoritätspersonen hat er weniger zu befürchten, denn sowohl die Mutter als auch der Priester (gespielt von David Lewis) sind keine verbohrten Despoten. Schließlich lässt sich Brady dann doch von seinen Gefühlen überwältigen. Trotzdem ist er nicht überzeugt davon, dass seine Liebe zu Gott mit der zu Clifford vereinbar sein könnte. (Seltsamerweise nimmt er die Heilige Schrift wörtlich. Als Bibelschüler müsste er eigentlich mit der Exegese vertraut sein.) Er muss ein Opfer bringen, um an einer Erfahrung reicher zu werden…

Foto: © Edition Salzgeber

Wenige Minuten Filmzeit genügen, schon wird man sich des unverkennbaren Inszenierungsstils von David Lewis gewahr – den langen Einstellungen mit der behäbigen Kameraführung, aber vor allem seiner spezifischen Vorliebe, eine der Hauptrollen an die Natur zu vergeben. Auch in seinem jüngsten Film REDWOODS unterbrachen lange Einstellungen von Landschaftsaufnahmen immer wieder die filmische Handlung. Die Natur scheint sie zu kommentieren und das Verborgene der Persönlichkeit offen zu legen. Herkunft spielt dabei eine große Rolle. Durch eine zufällige Begegnung mit einem Ortsfremden brach in REDWOODS das Gefühlschaos in ein wohlgeordnetes, aber still stehendes Leben ein. In ROCK HAVEN wird das Kreuz durch den Unglauben an sich selbst zur Last. Newcomer Sean Hoagland bringt diesen Widerstreit zwischen Geist und Körper sehr glaubwürdig zum Ausdruck. Eindringlich aufgezeigt wird dieser Zwiespalt in drei Duschszenen, in denen er sich graduell von seiner Körperlichkeit abkehrt. Zunächst erlebt er das Duschen in Gedanken an Clifford als lustspendende Wohltat, dann reinigt er sich von seinen Sünden und am Ende soll kaltes Wasser sein „falsches“ Verlangen abtöten.

Foto: © Edition Salzgeber

Hoagland mimt den unsicheren Streber, dessen Verkrampfung sich erst in Gegenwart des sinnlichen Cliffords löst. Auf humorvolle Weise wird Bradys Selbstverleugnung inszeniert, wenn Clifford ihm Tricks beibringt, wie man ein Mädchen verführt. Überhaupt ist die Phase der Annäherung zu Clifford und der Verliebtheit das Herzstück des Films. Jene Strecken sind amüsant, romantisch, leidenschaftlich, sehr sinnlich und ohne Scheu vor Nacktheit. Danach gerät die Story etwas ins Stocken und wird ein wenig rührselig, ungeachtet bleibt der positive Eindruck bestehen.

In Berlin wird der Film übrigens heute Abend im Rahmen der Gay-Filmnacht gezeigt – um 20 Uhr im CinemaxX am Potsdamer Platz.

Für alle anderen Städte, klickt ihr hier.

Cover: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Rock Haven

° Produktionsland: Kanada

° Produktionsjahr: 2007

° Regie: David Lewis

° Darsteller: Sean Hoagland, Owen Alabado, Laura Jane Coles, Katheryn Hecht

° Drehbuch: David Lewis

° Produktion: David Lewis, David Wang

° Kamera: Christian Bruno

° Musik: Jack Curtis Dubowsky

° Schnitt: David Lewis

° DVD VÖ̈: 27.04.2010

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