PRECIOUS

“Precious” stand auf dem Kissen, auf das die Mutter ihr Kleinkind bettete. So wurde dies der Spitzname des Mädchens, ohne Programm zu sein. Wie etwas Kostbares hatte man Claireece „Precious“ Jones (Gabourey Sidibe) nie behandelt. Kaum drei Jahre alt, verging sich der Vater an ihr. Nun erwartet sie bereits das zweite Kind von ihm. Das erste kam mit dem Down Syndrom zur Welt. Wegen ihrer Schwangerschaft flog sie von der Schule und wird von Mutter Mary noch mehr gehasst (überragend: Mo’Nique, die für ihre Rolle mit dem Golden Globe, dem BAFTA und dem OSCAR als Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde). Precious habe ihr den Mann weggenommen und ihr Leben zerstört. Nicht nur mit Schimpfwörtern, sondern auch Pfannen wirft sie um sich. Vor die Tür geht sie nur, um sich die „Stütze“ zu sichern, ansonsten sitzt sie ganztags vor dem Fernseher. Precious ist nicht wie ihre Mutter. Sie hat sich noch nicht aufgegeben. Auf der obersten Stufe stehend, blickt sie auf die schimpfende Mutter hinab. Gerade hat sie erfahren, dass es für sie doch noch eine Chance auf Weiterbildung gibt. Die Alternativschule Each One/Teach One mit der geduldigen und liebenswürdigen Lehrerin Ms. Rain (Paula Patton) ist der direkte Weg aus ihrem Analphabetismus und heraus aus Harlem. Diese Perspektive gibt ihr die Kraft, ihrer despotischen Mutter Paroli zu bieten…

Foto: © PROKINO

Wenn Precious die gerade laufende Reality Show leid ist, dann zappt sie sich einfach in ein anderes Programm. Wenn der keuchende und vor sich hin brabbelnde Vater auf ihr liegt, schließt sie die Augen und – klick – ist sie ein Autogramm gebender Popstar, umschwärmt, gefeiert und begehrenswert. Ein Stilmittel, das der offen schwul lebende Regisseur Lee Daniels (Shadowboxer, 2005) der Romanvorlage „Push“ von Sapphire hinzugefügt hat, um der Story an Drastik zu nehmen. Immer wieder weist er durch diese videoclipartigen Intermezzi, aber auch merklichen Kamerabewegungen darauf hin, dass es sich um ein Wechselspiel von harter Realität und überzeichneter Inszenierung handelt. In das Spiel integriert wird dieses übergangslose Umswitchen von Rolle und Realität, als eine Mitarbeiterin vom Jugendamt in den von der Außenwelt abgeschotteten Haushalt eindringt und Mary die fürsorgliche und devot zuvorkommende Oma der kleinen Mongo spielt. Kaum ist diese aus der Tür, fällt sie schlagartig in ihre alte Rolle zurück.

Foto: © PROKINO

Dokumentarisch anmutende Sequenzen alternieren mit verkitschter Videoclipästhetik. Precious Eintritt in die Klasse von Ms. Rain spielt mittels Überbelichtung und Weißlicht auf die christliche Heilssymbolik an. Ein paar Minuten zuvor war die Protagonistin noch allein auf ihre körperlichen Bedürfnisse beschränkt. Ein immenses Hungergefühl trieb sie dazu, mit einer XL-Chickenbox unter dem Arm aus einem Fastfood-Imbiss zu flüchten und diese nach Ankunft in der Schule gleich wieder hinauszukotzen.

Foto: © PROKINO

Das Mädchen aus dem Slum ist in ihren Träumen ein Superstar, während richtige Stars aus dem Musikbusiness wie Mariah Carey und Lenny Kravitz die Sozialarbeiterin und den Krankenpfleger mimen. Während Kravitz sich sehr unscheinbar in den Plot fügt, entpuppt sich Mariah Carey überraschenderweise als Charakterschauspielerin. In ihrer ganzen Schlichtheit ist sie schöner als jemals zuvor. Welch verblüffende Wandlung!

Foto: © PROKINO

Bei Lee Daniels ist alles vermischt, abstrahiert, verdreht, überhöht, gesteigert. Fiktion, die der Realität erschreckend nah kommt, denn Menschen wie Precious gibt es überall auf der Welt. Auch der Soundtrack ist mit seinen Souleinlagen aus den Sechziger- (Mahalia Jackson) und Siebzigerjahren (Jean Carn, MFSB), Hip Hop aus den Achtzigern (Queen Latifah) und aktuellem R & B (Mary J. Blige) keine Untermalung des Zeitkolorits Ende der Achtzigerjahre, sondern transportiert eine eigene künstlerische Botschaft.

Foto: © PROKINO

Andrew Dunns Kamera tänzelt leichtfüßig um Precious’ massiven Körper, allein ihr Gesicht vermag das Bildformat zu sprengen. Dies ist mitunter einer der Glanzleistungen des Films: nicht die Heldin passt sich in das Bild ein, sondern ihre Maße geben die Kadrierung vor. So elend und vom Schicksal gebeutelt dieses Geschöpf auch sein mag, niemals wird sie von der Kamera in eine Opferhaltung gedrängt. Mitleid ist eine Gefühlsregung, die man für diese Figur nicht aufbringen kann, nicht aufbringen will. Vielmehr stellt man sich auf ihre Seite und möchte mit ihr gegen das Unrecht ankämpfen. Mit einer fast stoischen Ruhe und bei aufrechter Haltung nimmt sie den ganzen Schmutz und alles Unheil auf ihre Schultern und marschiert mutig weiter. Auch nach der niederschmetternden Diagnose HIV positiv (die in den Achtzigerjahren noch mit einem Todesurteil gleichzusetzen war), sieht sie sich in der Zukunft auf einem College – und nicht auf dem Friedhof. Als Precious nach der Geburt ihres Sohnes Abdul erneut einem cholerischen Anfall der Mutter ausgesetzt ist, flieht sie und kommt bei Ms. Rain und deren Lebenspartnerin unter. In der Schule macht sie Fortschritte und lernt, sich selbst zu lieben. „Was fühlst du gerade?“, wird sie von der Lehrerin gefragt. Und Precious antwortet: „Ich fühle, dass ich hier bin.“

Foto: © PROKINO

Die starke schauspielerische Präsenz von Gabourey „Gabby“ Sidibe ist in ihrer eigenen Vorstellung von der Rolle begründet, die sie trotz der fehlenden Übereinstimmung mit ihrem eigenen Leben selbst entwickelte. Ihre Schauspielerfahrung beläuft sich hauptsächlich auf einige Rollen für das Schultheater (u. a. spielte sie die Hauptrolle in „Torch“, der lesbischen Version des Stücks „Beirut“, an der Lehman High School in der Bronx). In der Realität hat sich also der Traum ihrer Figur erfüllt: mit der Oscar-Nominierung ist Gabby Sidibe in Hollywood angekommen und wird hoffentlich noch oft unter all den von Idealmaßen genormten Körpern über den roten Teppich schreiten.

Filmplakat: © PROKINO

° Originaltitel: Precious: Based on the Novel Push by Sapphire

° Deutscher Titel: Precious – das Leben ist kostbar

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Lee Daniels

° Darsteller: Gabourey Sidibe, Mo’Nique, Paula Patton, Mariah Carey, Sherri Shepherd, Lenny Kravitz, Stephanie Andujar, Chyna Layne, Amina Robinson, Xosha Roquemore

° Drehbuch: Sapphire (Romanvorlage), Geoffrey Fletcher

° Produktion: Lee Daniels, Gary Magness, Sarah Siegel-Magness, Oprah Winfrey, Tyler Perry, Lisa Cortés, Tom Heller

° Kamera: Andrew Dunn

° Musik: Mario Grigorov

° Schnitt: Joe Klotz

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