Ein Pulsband sollte die Schnittwunden nach einem Selbstmordversuch verdecken. Im Freitod sah Michael Stock als Teenager den einzigen Weg, um den sexuellen Übergriffen des betrunkenen Vaters entkommen zu können. Ein Aufschrei, der erst vernommen wird, als er sich der Familie offenbart, der Mutter, der Schwester und dem Bruder von den Vergewaltigungen erzählt. Das geschieht erst dann, als sich Michael gegen den Vater zur Wehr gesetzt hat. Da war er bereits sechzehn. Eine Befreiung von acht langen Jahren Martyrium. Es ist vorbei – und trotzdem immer da – das Gefühl von Ekel, Schmerz, Demütigung, Scham und Schuld. Alkohol, Tabletten, Drogen und Sex sollten diese Empfindungen verdrängen, doch Michaels Psyche wurde immer wieder davon eingeholt. In einer Phase der Selbstzerstörungswut infizierte er sich mit HIV, sah im Aidstod den adäquaten Beweis, dem Vater zu zeigen, dass er sein eigenes Kind umgebracht hat.

Nach dem durch Rosa von Praunheim inspirierten Low-Budget-Film PRINZ IN HÖLLELAND (der in Ausschnitten zu sehen ist) schrieb Stock 1994 an einem Drehbuch für einen nie realisierten Spielfilm, der von seiner Missbrauchsgeschichte erzählen sollte. Bereits damals zielte er mit dem Projekt auf Aussöhnung – und nicht auf Anklage des Täters, was letztendlich aber der Grund für die Ablehnung des Drehbuchs gewesen ist. Der Entschluss, einen Dokumentarfilm aus dem Stoff zu machen, wurde gefasst, als Mutter und Sohn zusammen in Thailand Urlaub machten. Aus der „Gesundungsreise“ nach Michaels Schlaganfall wurde eine gemeinsam angetretene Höllenfahrt tief in die Abgründe der Vergangenheit.

Foto: © Edition Salzgeber

Idylle und entsetzliche Realität liegen in POSTCARD TO DADDY so eng beieinander, dass sie so untrennbar miteinander verschmolzen sind wie Bildebene und Tonspur eines Films. Stock hat diese abgründige Divergenz auch auf technischer Ebene umgesetzt, wenn er alte Familienfotos, Videoaufnahmen von den Kindern seiner Schwester Anja und die atemberaubend schönen Landschaftsbilder Thailands mit unverhohlenen Schilderungen des Missbrauchs aus dem Off unterlegt. Damit enttarnt er die Idylle als durch und durch verlogene Phantasmagorie. Der Keim allen Übels ist im Prinzip die Sehnsucht nach einer heilen Familie gewesen, die so groß war, dass die Mutter die Ignoranz und Trunksucht ihres Mannes und Michael den Missbrauch des Vaters über lange Jahre hinweg ertrug.

Von Beginn an kreist der Film um die brennende Frage: ‚Wie kann es sein, dass niemand in der Familie etwas bemerkt hat?’ Diese Frage stellt man sich natürlich schon, bevor der Film überhaupt begonnen hat. Der Kindesmissbrauch hinterließ sichtbare Spuren wie die Flecken auf dem neuen Bezug der Biedermeiercouch. Sie wurden gesehen, doch niemand hat sie zu deuten gewusst, zumal sie in die Irre führten und ausgerechnet von demjenigen, der sie offen legen hätte müssen, verwischt wurden. Wie ein Nebenbuhler versteckt sich der missbrauchte Sohn unter dem Ehebett, als die Mutter in das Szenario hineinplatzt und lauert dort über Stunden, bis alles schläft und er sich unentdeckt aus dem Zimmer hinausstehlen kann.

Die anfängliche Wut auf Zuschauerseite über die unversehrt gebliebenen Geschwister und die ahnungslose Mutter versiegt, sobald man einen Einblick in die Familienkonstellation gewonnen hat. Der Film ist derart logisch strukturiert und sinnvoll aufgebaut, dass nicht viel Filmzeit verstreicht, bis diese transzendent wird. Es ist ungerecht und abwegig, eine Mitwisserschaft innerhalb der Familie zu unterstellen. So kritisch und hart Stock auch zu sich selbst ist, in diesem Fall gab es nur einen einzigen Täter – und ausgerechnet dieser lässt die Schwere seines Deliktes nicht direkt an sich herankommen, wenngleich er die Konfrontation nicht scheut. Aus leichter Untersicht blickt die Kamera zu ihm hinauf. Wie er es denn selbst verkrafte, damit zu leben, nachdem seine Tat lebensbegleitende Auswirkungen gehabt hat, wird er vom Sohn gefragt, in dessen Stimme keinerlei Hass, Verachtung oder gar Selbstmitleid mitschwingt. Er habe einfach ein dickeres Fell, erwidert der Vater. Sein Auftritt ist von kurzer Dauer, aber dennoch sehr einprägsam, ja erschütternd und man ahnt, dass diese Geschichte zu keinem Ende kommen kann.

Als die Lichter im Kino angehen, fühlt man sich ausgebrannt und erschöpft. Erschöpft durch die Wucht der Emotionen, die während der gesamten Filmsichtung über einen kamen: Hass, Ekel, Mitleid, Unverständnis, Wut, Abscheu, Entsetzen und schließlich eine all diese negativen Gefühle überstrahlende und bleibende Hochachtung vor Michael Stock als Drehbuchautor, Filmemacher, Sohn – als Mensch.

Plakat: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Postcard to Daddy

° Produktionsland: Deutschland

° Produktionsjahr: 2010

° Regie: Michael Stock

° Darsteller: Michael Stock, Margret Bartholomé, Anja Stock-Hüttl, Christian Stock, Roland Stock, Rémi Kaltenbach, Harry Baer, Matthias Frings

° Drehbuch: Michael Stock

° Produktion: Hubert Schäfer

° Kamera: Guido Diek, Michael Stock

° Musik: Michael Stock, Josef Tieks

° Schnitt: Martin Kayser-Landwehr, Till Koistinen, Robert Quante, Michael Stock

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  1. DER JUNGE MIT DEN STRAHLENDEN AUGEN « Dvd « Unnikath – Kino Queerbeet says:

    [...] (eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dennis Cooper aus dem Jahr 1991, in dem übrigens Michael Stock mitspielte), löste wegen seiner Gewalt- und Pornoszenen Kontroversen aus. Als Queercore bezeichnet [...]

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