Eine Serie von Schwarzweißfotografien: Wohnzimmer, Scheune, Schlafzimmer. Unspektakuläre, alltägliche Orte. Für Mark Anton (Jared Grey), den Kunststudenten, haben sie eine eigene Bedeutung. Eine Bildbeschreibung legt ihren subjektiven Wert offen. Es sind die Orte, wo er zum ersten Mal Sex hatte, missbraucht wurde, seinen ersten Porno abdrehte. Imagination des Künstlers oder dokumentierte Realität? Vergangenheit? Gegenwart? Vergangene Gegenwart? Gegenwärtige Vergangenheit? Die Wahrheit befindet sich an einem Ort außerhalb des Bildes, in einem für den Betrachter nicht erschlossenen Bereich, doch gerade diese Uneindeutigkeit macht den besonderen Reiz aus. Das ist bei Snuff-Filmen genauso. Die Konstruktion soll so real wie möglich aussehen oder uns daran zweifeln lassen, dass der begangene Mord in Wirklichkeit eine Inszenierung ist. Auch Pornos sind Konstrukte, laufen nach dem immergleichen Schema der allseitigen Potenz und Bereitwilligkeit ab. Einzigartig sind sie nur dann, wenn der Betrachter etwas sieht, was es zwischen den Darstellern nie gegeben hat: Leidenschaft, vielleicht sogar Liebe.

Foto: © Bildkraft

Wer aber ist Mark Anton eigentlich? Gibt es diesen Jungen von nebenan mit dem Namen des römischen Feldherrn wirklich oder ist er nur eine Projektion der Sehnsüchte von Pornoguckern? Wo hört die Fiktion auf und wo beginnt die Realität? Der dokumentarisch anmutende Prolog des Films zeugt davon, dass Mark Anton sein Studium mit dem Dreh von Pornofilmen finanziert. Jetzt will er aus dem Geschäft aussteigen. Sein Produzent versucht ihn für einen letzten Film zu gewinnen. 20.000 Dollar Cash seien ihm sicher, sofern er ein Interview vor laufender Kamera geben würde. Anton bringt den Produzenten um, schnappt sich das Geld, geht aber trotzdem zum Dreh. Ihn erwartet ein ominöser Ort ohne reales Gegenüber, wo die Fragen per Lautsprecher eingesprochen werden. Offenbar sind die Macher aber nicht an seinen Antworten interessiert. Sie wollen seinen Schmerz sehen. Schnitt.

15 Jahre später wird das Apartment, in dem besagtes Interview stattfand, von dem Journalist und Buchautor Michael Castigan (Matthew Montgomery) und dessen Lebensgefährten bezogen. Im Wandschrank findet Castigan ein Video-Tape, auf dem Mark Anton geknebelt und gefoltert wird. Wie der Fotograf aus Michelangelo Antonionis BLOW UP (1966) geht Castigan auf Spurensuche, bis sich das Visier der Kamera auf ihn richtet. Schnitt.

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Pornodarsteller Matt Stevens (Pete Scherer) hat ein Drehbuch über das Leben von Mark Anton verfasst und möchte den Stoff verfilmen. Während der Dreharbeiten identifiziert er sich mit der Figur, schlüpft in die Rolle und Identität Mark Antons. Beenden kann er das nur, wenn er sich weigert, weiterhin in diesem Film mitzuspielen…

Die von David Kittredge in einzelne Fragmente zertrümmerte Erzählstruktur kann zu einem Möbiusband zusammengelegt werden. Nichts ist also nahe liegender als die Assoziation mit einem Lynch-Film wie LOST HIGHWAY oder MULHOLLAND DRIVE. Darüber hinaus sind auch bei Kittredge Identitäten multipel und austauschbar. Abbild, Traumbild und Zerrbild lagern sich in Schichten übereinander, werden deckungsgleich oder entpuppen sich als Wahrnehmungstäuschung. Schauspieler und Schauspielerinnen werden Projektionsflächen für unterschiedliche Rollen. Gesetze von Raum und Zeit lösen sich auf.

Foto: © Bildkraft

Man möchte PORNOGRAPHY: EIN THRILLER während der Projektion anhalten und zurückspulen, denn die Auflösung des verworrenen Handlungsknotens stellt sich als kompliziertes Geduldspiel dar. Wie bei einem Puzzle müssen einzelne Teile im Geiste mühsam zusammengesetzt werden. Es erfordert ein ständiges Sortieren und Kombinieren von Bildern und Handlungssplittern zu Mustern oder zusammenhängenden Teilen. Ob ein korrektes Legen der Puzzleteile überhaupt möglich ist und sich aus dem Ganzen tatsächlich ein klares Motiv ergeben würde, ist fraglich. Die Herausforderung besteht vielleicht gerade darin, die überflüssigen Teile auszusortieren. Es könnte aber auch gut möglich sein, dass der Autor-Regisseur angesichts der beträchtlichen Anzahl von Fragmenten die Grenze des Schwierigkeitsgrades überschritten hat. Sofern man sich aber auf Kittredges Spielregeln einlässt und alle Sinne und Zellen aktiviert, kann das Puzzeln zu einer wahnsinnig spannenden Tüftelei werden.

In Berlin wird PORNOGRAPHY: EIN THRILLER im Kreuzberger Kino Moviemento und morgen (12.7.) im Rahmen von Mongay im Kino International gezeigt.

Cover: © Bildkraft

° Originaltitel: Pornograpy. A Thriller

° Deutscher Titel: Pornograpy: Ein Thriller

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: David Kittredge

° Spiel: Jared Grey, Matthew Montgomery, Pete Scherer, Walter Delmar, Dylan Vox, Nick Salamone

° Drehbuch: David Kittredge

° Produktion: Sean Abley

° Kamera: Ivan Corona

° Musik: Robb Williamson

° Schnitt: Mike Justice, David Kittredge

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