Aus einer geöffneten Blüte sprießen sonnengelbe Staubblätter in die Höhe. Der Kamerablick streift über eine üppige Blumenflora – Dahlien, Hortensien und Azaleen – schwenkt zu einem blumengemusterten Kleid hinüber, das ihn durch den Garten begleitet, schweift einen überladenen Buffettisch entlang und sucht die Gesellschaft einer Damengruppe, die himbeerroten Saft aus zylinderförmigen Gläsern nippt. Der kitschig-grellen Vorstadt-Idylle als Anfangssequenz mit farbenprächtigen Blumenbeeten vor Gartenzäunen – wir wissen es seit BLUE VELVET von David Lynch – ist in ihrer stilisierten Harmlosigkeit nicht zu trauen. Umso wagemutiger erscheint einem der zugezogene Protagonist Göran Skoogh (Gustaf Skarsgård), der sich fröhlicher Mine und forschen Schrittes auf seine neuen Nachbarn zubewegt und mit einer wohltuenden Selbstverständlichkeit seinen Ehemann Sven (Torkel Petersson) vorstellt, als nach der Gattin gefragt wird. Die Erwartungshaltung der Umstehenden wird zwar kurzzeitig enttäuscht, trotzdem ist das Eis gebrochen.

Foto: © Edition Salzgeber

Görans Leben in dem beschaulichen schwedischen Vorort scheint perfekt zu sein: Er führt eine glückliche Beziehung in einem liebevoll eingerichteten Haus mit großem Garten und hat gerade seinen neuen Posten als ortsansässiger Allgemeinarzt in der Nachfolge eines ungeliebten Vorgängers besetzt. Allerdings strebt er exakt den Lebensstil an, den Sven aufgegeben hat, als er sich von Frau und Tochter trennte – er wünscht sich ein Baby. Das Sozialamt macht den beiden Männern wenig Hoffnung auf ein Adoptivkind, obwohl homosexuellen Paaren seit 2002 in Schweden die Möglichkeit auf Adoption gegeben ist. Der bürokratische Apparat wird in Bewegung gesetzt – und siehe da – nur kurze Zeit später wird tatsächlich ein Kind gefunden. Patrik, 1,5 Jahre hat keine Eltern und kommt aus zerrütteten sozialen Verhältnissen. Görans Glück ist der Zweifel Svens; in schlaflosen Nächten holt Sven Zigarettenschachtel und Whiskyflasche wieder aus dem Versteck. Das Kinderzimmer wird geschmückt, die Babykamera installiert, doch zur Überraschung aller ist das Wunschkind Wiege und Schaukelpferd schon lange entwachsen. Vor der Tür steht ein 15-jähriger Rabauke, der homophobe Parolen drischt und vor dem die Küchenmesser in Sicherheit gebracht werden müssen. Die Babykamera dient allenfalls der Überwachung zum Wohle der beiden Erwachsenen und das Sozialamt hat über die Feiertage geschlossen. Was für eine gelungene Osterüberraschung!

Foto: © Edition Salzgeber

Der Plot teilt sich in zwei verschiedene Handlungsstränge auf: zum einen ist da der Konflikt zwischen Göran und Sven, zum anderen ein Waise, der von Heim zu Pflegefamilie weitergereicht wird. Während Göran sich in seinem kleinbürgerlichen Umfeld zu integrieren versucht und seine Nachbarschaft als Schablone für seinen Lebensstil heranzieht, ist Sven im Grunde mit dem Status quo zufrieden. Görans sehnsuchtsvoller Blick auf den Kindersegen der Mitmenschen spiegelt seine Empfindung wider, das eigene Leben als inkomplett anzusehen. In diesen Momenten wird er stets allein im Bild gezeigt, was seine Einsamkeit in Bezug auf einen Familienwunsch herausstellt. Unverfroren artifiziell erscheint die Farbgebung, während die Figurendarstellung absolut glaubwürdig ist. Gustaf Skarsgård ist die perfekte Verkörperung des verträglichen und rücksichtsvollen Softie. Seine devote Anpassungswilligkeit rückt ihn in die Defensive. Der vollständigen Assimilation an sein heterosexuelles Umfeld stehen immer wieder Vorurteile, Neid und Aggressionen im Weg, die er insbesondere in seiner Tätigkeit als Arzt zu spüren bekommt.

Foto: © Edition Salzgeber

Patrik (Thomas Ljungman) ist der ausgestoßene Rebell, der sich mangels Anpassungsfähigkeit nicht zu integrieren vermag. Auch in dieser Familie, die das Sozialamt als Notlösung ansah, ist er nicht willkommen. Das Mobiliar des Zimmers, in das man ihn einsperrt, macht ihm seine Anwesenheit psychisch zur Qual. Bei dem Aufeinandertreffen der drei Figuren bringt man Verständnis für beide Verhaltensweisen auf, so dass es dem Zuschauer unmöglich erscheint, Partei zu ergreifen. Göran und Patrik, grundverschieden in Bezug auf ihren Charakter, sind gleichermaßen Außenseiterfiguren, denen die „Normalität“ als Ideal erscheint. Erst als sie sich selbst und gegenseitig annehmen, eine Einheit bilden, werden sie auch von ihrer Außenwelt akzeptiert.

Die Eingliederung eines Teenies in eine fremde Familie war für Autor-Regisseurin Ella Lemhagen bereits in TUR & RETUR (IMMEDIATE BOARDING) ein Thema. In dem Kinderfilm von 2003 tauschten ein knabenhaftes Mädchen und ein mädchenhafter Junge die Rollen (Hanni und Nanni als Crossdressing-Version). Das Szenario von PATRIK 1,5 (das auf dem Theaterstück von Michael Druker basiert) ist mit seiner unrealistischen Ausgangssituation – gemäß Lemhagens Vorliebe – wie eine klassische Verwechslungskomödie angelegt und auch die Besetzung einer Hauptrolle mit dem schwedischen Schauspieler Torkel Petersson, der aufgrund seiner zahlreichen Slapstick-Rollen zu internationaler Bekanntheit gekommen ist, lässt auf eine Komödie schließen. Fantastisch, skurril und heiter ist die Ummantelung, aus der sich nach wenigen Filmminuten ein ernster Kern herausschält. Grundlagen des Zusammenlebens und aufkommende Konflikte wie Nachbarschaftsverhältnisse, Familienplanung, Adoptionsrechte von Regenbogenfamilien, Verwaisung und Abschiebung von Kindern und Jugendlichen werden miteinander in Bezug gesetzt und auf leichtherzige, ja nahezu einfältige Art bar jeglicher Überraschungsmomente gelöst. Zu sachte erscheint mir die Kritik an der Familienpolitik des Landes, wenn man bedenkt, dass die Filmadaption von einer realen Geschichte inspiriert ist: einem homosexuellen Paar, das viele Jahre erfolglos auf ein Adoptivkind wartet. Dem flüchtigen Inszenierungsstil der Regisseurin ist es zuzuschreiben, wenn sich die Zuschaueremotion sogar in absolut stark gespielten Sequenzen in Grenzen hält. Der Film orientiert sich mit seiner unverhohlenen Bemühtheit gefallen zu wollen, sehr stark am Geschmack eines Mainstream-Publikums, was aber dem Zuschauergenuss keinen Abbruch tun muss, denn immerhin gewann PATRIK 1,5 mit seinen beiden heterosexuellen Protagonisten, die in ihrer Verkörperung eines schwulen Pärchens brillieren, im vergangen Jahr den Hauptpreis beim Verzaubert Film Festival.

Abspanngucker haben mehr vom Film – also unbedingt sitzen bleiben!!!

PATRIK 1.5 wird am 17. September im Rahmen der Gay-Filmnacht im CinemaxX gezeigt – Hier die Termine

Cover: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Patrik 1.5

° Englischer Titel: Patrik Age 1.5

° Produktionsland: Schweden

° Produktionsjahr: 2008

° Regie: Ella Lemhagen

° Spiel: Gustaf Skarsgård, Torkel Petersson, Thomas Ljungman, Annika Hallin, Amanda Davin, Jacob Ericksson, Anette Sevreus, Mirja Burlin , Carina Karlsson, Antti Reini

° Drehbuch: Michael Druker, Ella Lemhagen

° Produktion: Tomas Michaelsson

° Kamera: Marek Wieser

° Musik: Fredrik Emilson

° Schnitt: Thomas Lagerman

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