NEW YORK MEMORIES

Dekadent, prosperierend, rassistisch, weltoffen, vulgär, spießig – Rosa von Praunheims filmischer Querschnitt durch die Dekaden legt das in der „Alltäglichkeit der Extreme“ liegende Faszinosum New Yorks offen. Darin liegt auch der magische Punkt, wo sich die Lebenswege der Personen mit unterschiedlichsten Geburtsjahrgängen und die des Regisseurs kreuzen. Aus der kriminellen und sexuellen Energie des Schmelztiegels am Hudson River schöpfte von Praunheim Ideen und trug Material für einige seiner zahlreichen Filme zusammen. NEW YORK MEMORIES baut auf demselben Organisationsprinzip wie sein bislang erfolgreichster Dokumentarfilm, ÜBERLEBEN IN NEW YORK von 1989, auf. Die aus Interviews gewonnenen individuellen Erlebnisse von drei nach Übersee emigrierten deutschen Frauen wurden durch die Montage mit gesellschaftlichen Ereignissen ihres unmittelbaren sozialen Umfelds verknüpft. In NEW YORK MEMORIES ergänzt er die autobiographischen Erlebnisberichte durch seine subjektive Perspektive in Form von Erinnerungsbildern. Seine Generationserlebnisse aus den „glorreichen 70ern“, den „verhängnisvollen 80ern“ und den „hoffnungsvollen 90ern“visualisiert er durch Filmausschnitte von ÜBERLEBEN IN NEW YORK, POSITIV (1990) SCHWULER MUT – 100 JAHRE SCHWULENBEWEGUNG (1998), und TRANSSEXUAL MENACE (1996). Zeitsprünge zwischen den Jahrzehnten bei gleichzeitigem Perspektivenwechsel schaffen eine gedankliche Verbindung zwischen Lebensgeschichte und Umwelt und zeigen auf, inwiefern die eigene Biografie durch gesellschaftliche Ereignisse geprägt wurde.

Foto: © Basis-Film

Von Praunheim nimmt dabei die Spuren von zwei seiner Protagonistinnen, Anna Steegmann und Claudia Steinberg, wieder auf und setzt sie in Relation zu jenen der Schwestern Marie und Lucie Pohl, die heute an derselben Weggabelung wie damals Claudia und Anna stehen. Auch sie haben sich für das Leben am Limit, für eine zwar unsichere, dafür aber umso aufregendere Existenz als frei schaffende Künstlerinnen im Big Apple entschieden und müssen Opfer für ihren gemeinsamen Traum bringen. Marie nimmt nach ihrem erfolgreichen Erstlingswerk „Maries Reise“ von 2007 ihr zweites Buchprojekt über Geister in Angriff und Lucie jobbt berufsfremd, nachdem sie in Berlin ein Schauspielstudium absolviert hat. Claudia ist wegen Barbara, ihrer großen Liebe, nach New York zurückgekehrt, nachdem sie über ein Jahr bei der Vogue in München gearbeitet hat. Nun wohnt sie in einer der nobelsten Gegenden Manhattans, in der Nähe des Gramercy Parks. Sie taucht als Journalistin in die Glamour-Welt der Stars und Steinreichen ein. Ob sie in der pulsierenden Metropole bleiben kann, ist trotzdem ungewiss. Anna ist mit ihrem Partner Roman nach Harlem gezogen und hat sich ihren Traum vom Schreiben erfüllt.

Foto: © Basis-Film

Von den wilden Siebzigern mit seinen ersten schwul-lesbischen Demonstrationen, der Befreiungswut aus einem spießigen Umfeld und der offenen Auslebung von Sexualität spannt von Praunheim den Bogen zu den durch das Aufkommen von AIDS motivierten politischen Attacken gegen den damaligen Bürgermeister Ed Koch und Präsident Ronald Reagan, die Zerstörung der Schwulen- und Trans*-Szene durch Lokal- und Discoschließungen im Zuge des Null-Toleranz-Programms von Rudolph Giuliani, den Schock über 9/11 über die Präsidentschaftswahl Barack Obamas bis hin zu dem Wahlkampf von Reverend Billy & the Church of Stop Shopping gegen den amtierenden Bürgermeister Michael Bloomberg.

Foto: © Basis-Film

Über drei Jahrzehnte hinweg scheinen die Maßnahmen verschiedener Politiker sowie die Wirtschaftskrise die Einigkeit der Subkulturen nach und nach zerrüttet zu haben. Die Tendenz geht immer mehr in Richtung Einzelkampf und gipfelt in der Sorge um die eigene Existenz. Wahrscheinlich würde Harvey Milk heutzutage über Facebook rekrutieren und seine Wut auf einem Youtube-Video herausschreien. Ohne eine Bewertung dieser Entwicklung abzugeben, verweist Rosa von Praunheim implizit darauf, dass es für jüngere Generationen nicht besser, sondern lediglich anders geworden ist. Wehrte man sich in den Siebzigerjahren noch gegen jegliche Form institutionalisierter Zwangsverhältnisse, so kämpfen Schwule und Lesben heute dafür, heiraten zu können.

Foto: © Basis-Film

Die Videobotschaft des dreizehnjährigen Isaacs, dem transsexuellen Sohn von ÜBERLEBEN IN NEW YORK-Kameramann Jeff Preiss, durch die er sein Coming-out hat, wird zwar im stillen Kämmerlein montiert, erreicht via Youtube aber wahrscheinlich das Tausendfache an Adressat(inn)en. An LGBT- Demos nimmt Isaac nur ungern teil. Zwischen den schillernden Drag Queens wirkt ein stinknormaler Typ wie er auch ziemlich deplatziert.

Foto: © Basis-Film

Wie Streiflichter zogen die Leben von Claudia, Anna, Isaac, Lucie und Marie an uns vorüber. Wie hart der Alltag in New York wirklich sein kann, haben wir nicht an ihnen, sondern durch sie erfahren. Sie alle müssen weiter kämpfen, auch wenn sie wie Anna und Claudia arriviert sind oder wie Lucie, Marie und Isaac aus einem gehobenen sozialen Milieu mit hohem Bildungsstand kommen. Wir sind versunken in ihren Geschichten, doch berührt haben sie uns nicht alle gleichermaßen. Gerne hätten wir auch die schnelle Kamerafahrt durch Harlem unterbrochen und ein paar dieser stumm an uns vorüberziehenden Leute zu ihrem Leben befragt. Vielleicht hätten sie uns erzählen können, wie hart das Überleben in New York wirklich ist.

NEW YORK MEMORIES ist ab morgen (15. Juli) in folgenden Städten zu sehen:
Berlin, Leipzig, Hamburg, Köln, Saarbrücken, Frankfurt, Stuttgart und München. Rosa von Praunheim ist morgen um 20 Uhr bei der Premiere im Berliner Filmtheater am Friedrichshain persönlich anwesend.

Übrigens: ÜBERLEBEN IN NEW YORK ist als DVD ab Oktober im Programm des Basis-Film Verleih!

Cover: © Basis-Film

° Originaltitel: New York Memories

° Produktionsland: Deutschland

° Produktionsjahr: 2010

° Regie: Rosa von Praunheim

° Spiel: Rosa von Praunheim, Anna Steegmann, Claudia Steinberg, Lucie Pohl, Marie Pohl, Issac Preiss, Jeff Preiss, Eva Love, Barbara Epler, Roman Pitio

° Drehbuch: Rosa von Praunheim, Anna Steegmann

° Produktion: Rosa von Praunheim

° Kamera: Lorenz Haarmann, Jeff Preiss

° Musik: Andreas M. Wolter

° Schnitt: Mike Shephard

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