MICHAEL

Wenn ihr mal ganz großes Kino der Emotionen erleben wollt, dann solltet ihr die Retrospektive von Carl Theodor Dreyer nicht verpassen. Noch den ganzen März zeigt das Arsenal seine Regiearbeiten in einer Retrospektive. Einer der Stummfilme, MICHAEL von 1924, hat sogar einen schwulen Subtext. Hierbei handelt es sich um die Verfilmung des Romans “Mikaël“ des homosexuellen Theaterregisseurs und Schriftstellers Herman Bang aus dem Jahr 1904. Ich habe mir ihn am Donnerstagabend angesehen und fand ihn großartig. Am Montag (15.3.) wird er noch mal gezeigt und wieder von Eunice Martins am Flügel begleitet. Aber nun zu dem Film:

Foto: © DFI/Stills & Posters Archive

Die Gabe des Regisseurs ist das Scheitern seines Protagonisten. Wie kaum ein anderer verstand sich Carl Theodor Dreyer darauf, die menschliche Seele auf der Leinwand sichtbar zu machen. Dem begnadeten Maler Claude Zoret (Benjamin Christensen) will es hingegen nicht gelingen, die Augen seiner Porträtierten, der Prinzessin Zamikoff (Nora Gregor), zu treffen. Zoret muss seine Inspiration aus einer anderen Quelle schöpfen. Dafür hat er sich den Jungbrunnen direkt in sein prunkvolles Anwesen geholt. Michael (Walter Slezak), der zu ihm kam, weil er malen wollte und geblieben ist, weil er das Modell des Meisters und dessen Pflegesohn wurde. Es ist eine einseitige Liebe. Gebunden ist Michael an Zoret allein der materiellen Vorteile und des Prestiges wegen. Aus ebendiesem Grund möchte sich auch die Prinzessin Zamikoff von Zoret porträtieren lassen. Michael, der von Zoret gebeten wird, ihre Augen zu malen, verliebt sich in sie. Er geht eine Verbindung mit ihr ein und kehrt sich von Zoret ab, der Michael trotz seines Zorns, der Eifersucht und des Kummers weiterhin finanzielle Unterstützung gewährt. Als die Zamikoff bankrott ist, trifft Michael eine folgenschwere Entscheidung …

Foto: © Deutsche Kinemathek

Das Frühwerk antizipiert die stilbildenden Close-ups von Dreyers berühmtestem Film DIE PASSION DER JUNGFRAU VON ORLÉANS (1929). Die Homosexualität Zorets wird zwar nicht explizit ausgesprochen, lässt sich aber anhand der Figurenkonstellation erschließen. Michael hat den Platz des Journalisten Charles Switt (Robert Garrison) eingenommen, der nun gegen den Jüngling intrigiert. Das Verhältnis von Zoret zu Michael wird mit der ebenfalls unglücklichen Liebesbeziehung der verheirateten Alice Adelsskjold (Grete Mosheim) zu dem Duc de Monthieu (Didier Aslan) parallelisiert. Christensens Körpersprache, seine Blicke – das gewaltige mimische Repertoire des Schauspielers eben – lässt darauf schließen, dass es sich nicht um väterliche Gefühle, sondern Liebe handelt. Eifersucht, Zorn, Verzweiflung, Schmerz, Selbstmitleid, aber auch das Glück, erfahren zu dürfen, was Liebe ist.
Die dramatische Lichtführung auf Christensens charismatischem Gesicht verstärkt derartige Emotionen in ihrem Ausdruck. Er, der große Künstler Zoret, ein Einsamer, Ungeliebter, Ausgebeuteter – mit Hiob identifiziert er sich, jener tragischen Figur, der alles Glück genommen wird. Gleichzeitig aber scheint er an der Zelebration seines Schmerzes Gefallen zu finden. „Jetzt kann ich sterben, da ich die Liebe gesehen habe“, sind seine letzten Worte.

Ein halbes Jahrhundert später wird R. W. Fassbinder das Leiden an der Liebe zu einem Hauptthema seiner Filme machen. „Derjenige, der liebt, ist ans Kreuz geschlagen“, heißt es dann bei ihm. In ihrer Intention sind die alten Meister vielleicht moderner als wir glauben. Man sollte sich öfter auf sie einlassen.

Foto: © Deutsche Kinemathek

° Originaltitel: Michael

° Englischer Titel: Chained: The Story of the Third Sex

° Produktionsland: Deutschland

° Produktionsjahr: 1924

° Regie: Carl Theodor Dreyer

° Darsteller: Benjamin Christensen, Walter Slezak, Nora Gregor, Robert Garrison, Max Auzinger, Karl Freund, Alexander Murski, Grete Mosheim, Didier Aslan

° Drehbuch: Herman Bang (Roman), Thea von Harbou, Carl Theodor Dreyer

° Produktion: Erich Pommer

° Kamera: Karl Freund, Rudolph Maté

° Musik: Hans Joseph Vieth

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