LONDON NIGHTS

Zwei Menschen aus unterschiedlichen Ländern hat das Schicksal in dieselbe Stadt, in dasselbe Haus geführt. Axl aus Madrid ist nach London gekommen, um sich zu erinnern. Vera aus Belgien macht dort Station, um zu vergessen. Axl (Fernando Tielve) ist auf der Suche nach seinem englischen Vater, der die Familie verlassen hat, als er noch ein kleiner Junge war. Jeden Abend betrinkt er sich bis zur Besinnungslosigkeit und wacht in einem anderen Bett neben einer fremden Person auf. Neben Mädchen. Neben Jungen. Am Morgen kann er sich nicht erinnern, was am Vorabend passiert ist. An seinen Vater hat er ebenfalls keine Erinnerung. Als er ihn gefunden hat, tritt er in seinem Maklerbüro als Wohnungsinteressent auf. Während der Besichtigungen versucht Axl etwas aus dem Leben des Unbekannten herauszufinden.

Foto: © Kool Filmdistribution

Vera (Déborah François) wohnt ein paar Zimmer weiter. Sie ist ebenfalls in dem bunten Künstlerhaus im hippen East End untergekommen. Axl trägt zwar ihre Jacke und schläft auf ihrer ausrangierten Matratze, persönlich hat er sie noch nicht kennengelernt. Vera möchte über die Trennung von ihrem Freund hinwegkommen. Als sie selbstvergessen in einem Café sitzt, begegnet sie einem interessanten Jungen (Michiel Huisman). Sie verabreden sich, ohne zu wissen, wer der Andere ist. Dabei stellen sie ihre eigenen Regeln für ihre weiteren Begegnungen auf: er sagt wann, sie sagt wo das nächste Treffen stattfinden soll. Werden sie an einem Morgen in Soho einander wiederfinden?

Foto: © Kool Filmdistribution

Die Fotografien von Nan Goldin dienten Alexis Dos Santos als Inspirationsquelle. Beide Künstler gehen mit ihrer Kamera extrem nah an die Menschen heran, fangen sie in den intimsten Momenten ein. Bei der Aufnahme beziehen sie keine Außenposition, sondern stehen vielmehr mit den Figuren in einer persönlichen Beziehung. Nan Goldin sagte einmal in einem Interview, sie mache Bilder, um sich an ihr Leben zu erinnern. Dos Santos dreht möglicherweise Filme, um sich an seine Jugend zu erinnern. Seit GLUE (2006) ist der Argentinier bekannt dafür, den Lebenswandel und die Geisteshaltung von Jugendlichen in Bildern und Beats erlebbar zu machen. In GLUE hastete die unruhige Kamera durch glühende Farbspektren eines kräftigen Gelb und feurigen Orange, immer den rastlosen Helden hinterher, stets auf der Suche nach neuen Erfahrungen und Sinneserweiterungen. Die flüchtige Spur des Augenblicks verfolgt sie auch in LONDON NIGHTS. Sinneseindrücke werden multiperspektivisch aufgenommen, Teile fügen sich durch verschiedene Ansichten zum Ganzen. Standbilder reihen sich im Sekundentakt zu einzelnen Szenen aneinander, wie eine Diashow mit rasend schneller Bildabfolge.

Foto: © Kool Filmdistribution

Nach den intensiv gelebtesten, glückstrunkenen Momenten verharrt die Kamera auf den stummen Gesichtern der Figuren. Der Stillstand gibt ihnen Zeit, mit Blicken von ihren Träumen, Wünschen und Sehnsüchten zu sprechen, und der Leere, die sie umgibt, vor der sie nicht entfliehen können. Es ist die Ungewissheit, den richtigen oder falschen Weg im Irrgarten eingeschlagen zu haben. Ihr Charakter verklangbildlicht in den Lyrics des eklektischen Soundtracks. Vera ist romantisch, selbstvergessen, sensibel und ein bisschen schwermütig wie “Cherry Blossoms” der Tindersticks. Axl ist wie „Hot Monkey, Hot Ass“ von Black Moustache: unbändig, wild, chaotisch.

Foto: © Kool Filmdistribution

Mit LONDON NIGHTS nimmt Alexis Dos Santos die Poesie eines Polaroids auf: das Bild entwickelt sich von selbst, ohne dass er eingreift. Trotz Drehbuchvorlage sieht das Endergebnis faszinierend authentisch, unverfälscht und ein bisschen retro aus. Er hat sich auf einen kleinen Ausschnitt konzentriert, um das Wesentliche in seiner Flüchtigkeit und Vagheit einzufangen. Eine Momentaufnahme mit Klangbildern, die zum Wegdriften inspiriert!

Hier meine Assoziationen, die ich nach Filmsichtung in ein paar Zeilen gezwängt habe:

Die Vergangenheit
Ein schwarzes Loch
In das ich gefallen bin
Die Nacht ist nur
eine Erinnerung entfernt
Wenn ich aufwache
Liegst du neben mir
Vertraut und fremd
Knips mir ein Polaroid
Damit ich dich wieder finde
Im Irrgarten von Soho

Ab 12. August im Kino!

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Plakat: © Kool Filmdistribution

° Originaltitel: Unmade Beds

° Deutscher Titel: London Nights

° Produktionsland: GB

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Alexis Dos Santos

° Spiel: Déborah François, Fernando Tielve, Michiel Huisman, Iddo Goldberg, Richard Lintern, Katia Winter

° Drehbuch: Alexis Dos Santos, Marianela Maldonado

° Produktion: Peter Ettedgui, Soledad Gatti-Pascual

° Kamera: Jakob Ihre

° Musik: (We Are) Performance, Michiel Huisman, Connan Mockasin, Plaster of Paris

° Schnitt: Olivier Bugge Coutté

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