Tunesische Herkunft und schwule Identität – unvereinbar, unaussprechlich, schier unmöglich und bisher ein totgeschwiegenes Tabuthema, das auf keine Filmrolle zu passen schien. Bisher, denn nachdem wir Mehdi Dehbi in LA FOLLE HISTOIRE D’AMOUR DE SIMON ESKENAZY in den Armen eines jüdischen Musikers über die Leinwand haben tanzen sehen, kommt jetzt ein Film von einem gebürtigen Tunesier in die Kinos, der eine Romanze zwischen zwei arabischen Männern mit einer fast unverfrorenen Leichtigkeit angeht. Und das in einem Land, in dem Homosexuelle noch immer strafrechtliche Sanktionen zu befürchten haben.

Foto: © PRO-FUN MEDIA

Malik (Antonin Stahly-Vishwanadan) und Bilal (Salim Kechiouche: Pierre et Gilles-Muse in EIN KRIMINELLES PAAR, 1999; GRANDE ÉCOLE, 2004; GIGOLO, 2005) sind Fremde in der eigenen Heimat. In Tunesien aufgewachsen und lange Zeit in Frankreich gelebt, waren es eher missliche Umstände, die sie zu einer Rückkehr veranlassten. Hinsichtlich ihres sozialen Hintergrunds liegen Welten zwischen ihnen. Malik ist steinreich, Bilal bitterarm. Aber sie sind beide schwul und fühlen sich trotz der sozialen Kluft, die zwischen ihnen liegt, voneinander angezogen. Bilal erledigt kleinere Arbeiten in Haus und Garten für Maliks Mutter (Claudia Cardinale) und kann dafür im Gesindehaus wohnen. Malik ist Architekt und spricht im Gegensatz zu Bilal fließend Arabisch. Nach dem Tod seines Vaters möchte Malik für die Mutter da sein und zieht in das prunkvolle Haus seiner Kindheit zurück.

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Die familiären Bande haben ihm in seiner Vergangenheit schon psychische Probleme bereitet: er bildete sich ein, an eine Schnur gebunden zu sein, die ihn in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Nun glaubt er sich befreit von ihr und ist entschlossen, sich der Mutter gegenüber zu outen. Dann aber geht er den Weg des geringeren Widerstands und verkündet seine Vaterschaft und baldige Vermählung mit Siryne (Ramla Ayari), die in Wahrheit lesbisch ist und ihr Kind mit Partnerin Leila (Abir Bennani) großziehen möchte. Maliks starke Liebe zu Bilal sprengt schließlich das aufgetürmte Lügengebäude und lenkt sein Schicksal in eine ganz andere, völlig unerwartete Richtung…

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Regisseur und Drehbuchautor Mehdi Ben Attia und sein Ko-Autor Olivier Laneurie legen den dramaturgischen Schwerpunkt auf den Bruch mit gattungsspezifischen Konventionen und der Erwartungshaltung auf Zuschauerseite. Die Gangart des Films fällt für ein Drama überraschend beschwingt und leichtherzig aus. Passend dazu leuchten die pastellenen Farben von innen heraus und die Kamera scheint zu schweben, als Malik sich in Bilal verliebt.

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Schwulsein wird erfreulicherweise nicht als auslösend für eine Familientragödie benutzt und weder Malik und Bilal, noch ihr lesbisches Pendant Siryne und Leila, sind in einer Opferrolle gefangen. Die gesellschaftliche Tabuisierung/Stigmatisierung von Homosexualität wird genau wie soziale Ungleichheit und Geschlechterhierarchien durch banale Vorkommnisse in Alltagsbegebenheiten entlarvt. So kann Ben Attia am besten einen kritisch-ironischen Blick auf die den Status quo goutierende, saturierte Gesellschaftsschicht werfen. Maliks Verbundenheit mit seiner Vergangenheit stellt er auf einer physischen und gleichwohl symbolischen Ebene dar. Die Schnur verknüpft Gegenwart, Erinnerung und Imagination miteinander. Die Verschränkung dieser drei Wahrnehmungs- und Bewusstseinsebenen innerhalb des Erzählflusses irritiert allerdings gewaltig.

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Absoluter Höhepunkt des Films ist Maliks Coming-out. Eine derart sagenhaft inszenierte Szene, dass man sich wünscht, der ganze Film wäre in der gleichen Intensität und kraftvollen Spannung gedreht worden. Es ist der Morgen nach der ersten gemeinsamen Liebesnacht zwischen Malik und Bilal: die Kamera fährt gemächlich an ihren ineinander verkeilten Beinen entlang, bringt die friedlich Schlafenden ins Bild. Sie verweilt auf dem Gesicht von Malik. Er öffnet die Augen. Etwas außerhalb des Bildes erregt seine Aufmerksamkeit. Er blickt erstaunt zur Seite, erhebt sich dabei. Schnitt auf das Gesicht seiner erzürnten Mutter, die mit vor Zorn gekräuselten Lippen auf einem Stuhl vor dem Bett sitzt und ihn mit funkelnden Augen anstarrt.

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Das sind die Momente, die für das furiose Schauspielerinnentemperament von Claudia Cardinale wie geschaffen sind. Wenn rasende Wut die undurchdringlich starke Fassade zusammenbrechen lässt und ein Fundament aus Verletzlichkeit, Schmerz und Enttäuschung freilegt. Bereits in ihren ersten Hauptrollen bei namhaften Regisseuren wie Fellini und Visconti war Cardinale die personifizierte Energie und Leidenschaft (8 ½ und IL GATTOPARDO, 1963, SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, 1968).

Nach dieser schauspielerischen Meisterleistung hat das Autorenduo den Großteil seiner Munition allerdings verpulvert und nichts mehr nachzuladen. Der Erzählfluss gerät ins Stocken und läuft schwerfällig und reizarm auf das voraussehbare Ende zu. Sei’s drum – allein wegen dem grandiosen Dreigespann Claudia Cardinale – Salim Kechiouche – Antonin Stahly-Vishwanadan und der Coming-out-Szene lohnt sich der Kinobesuch! Start ist der 13. Mai.

Berliner und Berlinerinnen haben übrigens morgen (10.5., 22 Uhr) im Rahmen der Mongay-Reihe im Kino International nicht nur Gelegenheit, den Film vor seinem offiziellen Kinostart zu sehen, sondern auch Mehdi Ben Attia kennenzulernen. Er wird anwesend sein.

Plakat: © PRO-FUN MEDIA

° Originaltitel: Le fil

° Deutscher Titel: Le fil – Die Spur unserer Sehnsucht

° Produktionsland: Frankreich, Belgien, Tunesien

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Mehdi Ben Attia

° Darsteller: Antonin Stahly-Vishwanadan, Salim Kechiouche, Claudia Cardinale, Driss Ramdi, Ramla Ayari, Abir Bennani, Ali Mrabet

° Drehbuch: Mehdi Ben Attia, Olivier Laneurie

° Produktion: Anne-Cécile Berthomeau, Farès Ladjimi, Edouard Mauriat

° Kamera: Sofian El Fani

° Musik: Karol Beffa

° Schnitt: Chantal Hymans

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