ICH, TOMEK

Um Grenzüberschreitungen in jeglicher Hinsicht geht es in dem polnisch-deutschen Sozialdrama ICH, TOMEK.

Auf dem Spielfeld dem Ball hinterherjagen ist nicht gerade Tomeks Lieblingsbeschäftigung. Viel lieber schweift der Blick des 15-Jährigen auf die Sternenkonstellation am Himmel. Als die Schule das ersehnte Teleskop für das Observatorium nicht finanzieren will, bricht für Tomek (Filip Garbacz) eine Welt zusammen. Er verlagert sein Interesse von der Astronomie auf Marta (Anna Kulej), ein Mädchen, das er in der Dorfdisco „Zodiac“ kennengelernt hat.

Foto: © Edition Salzgeber

In seiner Verliebtheit will er ihr die Sterne vom Himmel holen. Für die Erfüllung ihrer ausgefallenen Wünsche reicht sein spärliches Taschengeld aber nicht aus und leihen kann ihm auch niemand etwas. So schlägt er den Weg seines besten Freundes Ciemny (Daniel Furmaniak) ein und bedient pädophil veranlagte Sextouristen aus Deutschland. Je weiter er über seine moralischen Grenzen hinausgeht, desto mehr stumpft Tomek ab. Er verliert die Begeisterung für alles, was ihm einmal wichtig war. Aus dem einst umgänglichen, wissbegierigen Jungen wird erst ein abgebrühter Stricher und schließlich ein skrupellos korrupter Zuhälter…

Foto: © Edition Salzgeber

Jenseits der territorialen Abgrenzung zwischen Polen und Deutschland hebt Regisseur Robert Glinski (CZESC TERESKA, dt. Titel HI TERESKA 2001, UNKENRUFE – ZEIT DER VERSÖHNUNG, 2005) auch das Spannungsfeld zwischen den beiden entgegen gesetzten Grundtendenzen der Filmgeschichte auf: der dokumentarischen und der fiktionalen Richtung. Historisches Ereignis (der Beitritt Polen zum Schengen-Raum) und individuelles Erleben (das Milieu aus der Sicht eines Teenagers) verschmelzen zu einem paradokumentarischen Spielfilm mit einer Vielzahl authentischer Elemente. Dabei imitiert Glinski aber nicht die Sehgewohnheiten des menschlichen Auges, sondern kreiert eine ganz eigene Realität mit merklichen Kamerabewegungen, engem Blickwinkel und flacher Tiefenwahrnehmung. Die Montage arbeitet voyeuristischen Tendenzen entgegen; allein die letzte Sequenz des Films wird von keinem Schnitt unterbrochen. Die Beharrlichkeit des Draufhaltens der Kamera auf den Tötungsakt erinnert an Krzysztof Kieślowskis KRÓTKI FILM O ZABIJANIU (EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN, 1988).

Foto: © Edition Salzgeber

Glinski und Drehbuchautorin Joanna Didik zeichnen Tomeks Einstieg in die Prostitution episodenhaft und ohne jegliche dramatische Überspitzung. Die Familie hat zwar finanzielle Probleme (so wie wahrscheinlich jede zwischen Gubin und dem sächsischen Zittau). Letztendlich tut Tomek es aber, um seiner minderjährigen Freundin den teuren Zahnarzttermin für Veneers zu finanzieren. Er opfert sich scheinbar für einen nichtigen Beweggrund auf – den zum Selbstzweck gesteigerten Konsum nämlich. Als Marta ihn für Arek verlässt, bleibt Tomek erstaunlicherweise auf seiner Bahn und steigt sogar in immer extremere Geschäfte ein. Offenbar misst er den Wert des Geldes weniger an dem Erwerb von Konsumgütern als an einem Zugewinn von Macht. Darin unterscheidet er sich von den anderen jugendlichen Prostituierten. Jene Teenager, die sich für Geld und Luxusartikel wie Klamotten, Kosmetik oder Handys verkaufen. In Polen werden sie „Świnki“ („Schweinchen“) genannt, eine Bezeichnung, die dem Film seinen Originaltitel gab.

Foto: © Edition Salzgeber

Ein düsterer, erschütternder Film mit gewagter Sozialkritik und einem großartigen Hauptdarsteller, der – unglaublich, aber wahr – mit dieser Glanzleistung sein Schauspieldebüt gibt. Eigentlich schade, dass der Film in Polen keinen Verleih gefunden hat und hierzulande nicht in Originalsprache mit Untertitelung gezeigt wird, denn nicht alle deutschen SynchronsprecherInnen sind so überzeugend wie die SchauspielerInnen.

ICH, TOMEK läuft ab 10. Juni im Kino. Vorab ist/war er im Rahmen der Gay-Filmnacht im CinemaxX zu sehen.

Plakat: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Świnki

° Englischer Titel: Piggies

° Deutscher Titel: Ich, Tomek

° Produktionsland: Deutschland, Polen

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Robert Glinski

° Darsteller: Filip Garbacz, Rolf Hoppe, Daniel Furmaniak, Tomasz Tyndyk, Heiko Raulin, Marek Kalita, Bogdan Koca, Dorota Wierzbicka, Katarzyna Paczynska, Ewelina Bogdanowicz, Marcin Sitek

° Drehbuch: Joanna Didik, Robert Glinski

° Produktion: Eike Goreczka, Witold Iwaszkiewicz, Thomas Jeschner, Mario Schneider

° Kamera: Petro Aleksowski

° Musik: Cornelius Renz

° Schnitt: Krzysztof Szpetmanski

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