Aus Liebe zu Steven Russel (Jim Carrey) überwindet Phillip Morris (Ewan McGregor) seine größte Angst. Niemals zuvor hatte er es gewagt, diesen Ort des Schreckens auch nur mit der Fußspitze zu betreten. Als schwuler Blondschopf ist der Gefängnishof eben nicht der richtige Wirkungskreis für ihn. Angesichts der massiv tätowierten Schlägertypen, die ihn grimmig mustern, zögert er noch, doch dann läuft er durch das große Gittertor, einmal quer über das ganze Terrain. Als Steven ihn bemerkt, reißt er sich sofort von den Wachen los und schmettert ihm entgegen: „I love you Phillip Morris!“

Foto: © Alamode

Das Liebesnest der beiden Gefängnisinsassen, ihre gemeinsame Zelle, ist wegen Stevens Verlegung zwar erst mal Vergangenheit, doch der Ex-Polizist hat stets einen kreativen Einfall, um sich sein Dasein so komfortabel wie möglich einzurichten und lebt das krasse Gegenteil seiner einstigen Standard-Vorzeige-Existenz.

Damals in Texas führte Steven das Leben eines spießigen Durchschnittsamerikaners – mit Ehefrau, Kind, Haus, Hund und Kirchenchor. Bei einem Auffahrunfall gerade noch mal mit dem Leben davongekommen, beschließt er bei seinem Abtransport ins Krankenhaus, fortan keine Schrankschwester mehr zu sein. “I’m going to be a fag. A big fag!”, brüllt er aus vollem Halse den gleichgültigen Sanitätern entgegen. Von Houston/Texas zieht er nach Key West, wo er keine Party und keinen knackigen Typen mehr auslässt. Allerdings kann er auch an keiner noch so teuren Rolex-Uhr, Designerklamotte oder Luxuslimo vorbeigehen. Auf ehrliche Art ist so ein Lebensstandard natürlich nicht zu finanzieren. Versicherungsbetrug und kleinere Gaunereien arten zu handfestem Betrug mit 14 verschiedenen Identitäten und Hochstapelei aus, bis Russell schließlich dort landet, wo er aufgrund seiner Erfahrung als Cop am allerwenigsten hin will: im Knast.

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Steve Mcvicker hat die auf einer wahren Begebenheit beruhende Story in jahrelanger Arbeit aus Zeitungsartikeln und Interviews mit Steven Russell zusammengetragen und einen Roman über die unglaubliche Geschichte verfasst. Erst sollte Gus Van Sant die Regie führen. Als er absprang, setzten sich die beiden Drehbuchautoren Glenn Ficarra und John Requa zum ersten Mal auf den Regiestuhl. Die für den Film adaptierte Story weicht von der Romanvorlage etwas ab, ist aber genau wie Russels Leben eine Achterbahnfahrt. Auf dem höchsten Punkt der Komik angelangt, geht es in erstaunlichem Tempo wieder nach unten in Richtung Tragödie.

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Nach Rollen wie in THE MASK oder DER DUMMSCHWÄTZER sollte man aufgrund seines Gummigesicht-Images meinen, Jim Carrey habe als schicksalsgeprüfter Leidender an Glaubwürdigkeit verloren. Umso erstaunlicher ist es, dass man sich tatsächlich von seiner alle Tabus brechenden letzten betrügerischen Inszenierung aufs Glatteis führen lässt. Seine darstellerische Leistung als Steven Russel gleicht eher der Wandlungskunst, wie er sie bereits 1998 in der TRUMAN SHOW bewiesen hat. Seine pfiffige Maskerade im Zuge seiner Gefängnisausbrüche, die dem leibhaftigen Russell innerhalb von fünf Jahren Haft vier Mal gelangen, verleiht er die notwendige Chuzpe. Russell hatte in der Tat grandiose Einfälle; zum Beispiel sammelte er über einen langen Zeitraum grüne Marker im Kunstunterricht und färbte damit seine weiße Gefängnisuniform grün ein. Da die Kittel der Ärzte diese Farbe hatten, öffnete man dem Häftling alle Tore in die Freiheit.

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Ewan McGregor spielt seine Rolle für mein Empfinden etwas zu rührselig. Fast könnte man ihm unterstellen, er wolle das patriarchalisch geprägte starker-Mann-schwache-Frau-Rollengefüge imitieren. Das ist angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der Liebe und Sex zwischen Männern in diesem Film stattfindet, etwas bedauerlich. Fraglich ist auch, warum die Regie so sehr bemüht war, die Szenerie möglichst künstlich und das Spiel so übertrieben wie möglich zu halten. Ein bisschen weniger von allem hätte dem Genre-Mix aus Komödie, Romanze und Drama gutgetan. Für einen erfrischenden knallbunten Sommerhit reicht es aber allemal!

Hier könnt ihr euch Steve Russel und Phillip Morris in natura ansehen und lesen, wie Steve Mcvicker die Story entwickelte.

Foto: © Alamode

° Originaltitel: I Love You Phillip Morris

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Glenn Ficarra, John Requa

° Darsteller: Jim Carrey, Ewan McGregor, Leslie Mann, Rodrigo Santoro

° Drehbuch: John Requa, Glenn Ficarra, Steve McVicker (Romanvorlage)

° Produktion: Andrew Lazar, Far Shariat

° Kamera: Xavier Pérez Grobet

° Musik: Nick Urata

° Schnitt: Thomas J. Nordberg

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