Vier Rollen für eine Person; ob Frau oder Mann – Mehdi Dehbi füllt ein jede in LA FOLLE HISTOIRE D’AMOUR DE SIMON ESKENAZY (HE IS MY GIRL) perfekt aus und beehrte gestern den ausverkauften Kinosaal des Berliner Arsenals mit seiner Anwesenheit. Wie bereits letzte Woche angekündigt, hatte die quirlige Komödie von Jean-Jacques Zilbermann im Rahmen des 16. Jewish Film Festivals Berlin seine Deutschlandpremiere.

Foto: © BAC FILMS

Der brillant inszenierte und dramaturgisch ausgefeilte Film erzählt wie sein Vorgänger L’HOMME EST UNE FEMME COMME LES AUTRES (A MAN IS A WOMAN, 1999) eine weitere Episode aus dem Leben des Musikers Simon Eskenazy (Antoine de Caunes). Simon hat im Zuge seiner Trennung von Ehefrau Rosalie (Elsa Zylberstein) seinen inneren Konflikt abgelegt und lebt nun im Gegensatz zu seinem Freund, dem Philosophen Raphaël (Micha Lescot), offen schwul. Gerade hat er den sinnlichen arabischen Transvestiten Naïm (Mehdi Dehbi) kennengelernt und mit ihm eine Nacht verbracht. Die Proben für seine Konzerttournee laufen auf Hochtouren, als er aufgrund mangelnden Pflegepersonals in Paris seine herzkranke und gehbehinderte Mutter bei sich aufnehmen muss. Kaum hat er diese missliche Lage einigermaßen in den Griff bekommen, kündigt sich auch noch unvorhergesehener Besuch an: seine Exfrau ist mitsamt ihrem neuen Partner und dem aus der Scheinehe hervorgegangenen, mittlerweile zehn Jahre alten Sohn Yankele aus New York angereist. Bei dem ganzen Trubel ist es für den pfiffigen Naïm ein Kinderspiel, sich als studentische Aushilfsschwester Habiba in den Junggesellenhaushalt einzuschleichen und die Sympathie von Simons Mutter zu gewinnen. Habibas/ Naïms Anwesenheit bringt nicht nur den tourneegestressten Musiker in Rage, sondern auch dessen geliebten heterosexuellen Cousin, bei dem Simon mit seinen Annäherungsversuchen immer auf Granit gestoßen ist …

Der Aufprall unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Rassen geschieht bei Jean-Jacques Zilbermann so beiläufig, dass man sie – genau wie die sexuelle Orientierung der Titelfigur – lediglich als tragendes Element für den beißend sarkastischen Humor und einiger zutiefst berührender tragikomischer Momente bezeichnen kann. Für die Entwicklung der Story spielt sie allerdings keine Rolle. Im Grunde geht es nämlich gar nicht um Glauben, Herkunft oder Sexualität, sondern allein um Liebe, die zwei Suchende gemeinsam und füreinander entdecken.

Weder Juden, Moslems, noch Schwule oder Transvestiten haben sich bisher in irgendeiner Weise durch den Film gekränkt oder beleidigt gefühlt. Demnach gab es auch bislang keine Protestschreie gegeben, wie Mehdi Dehbi gestern bei der an die Filmvorführung anschließende Q&A erzählte. Einzig und allein hat er den Regisseur davon überzeugen müssen, den Namen Mohamed gegen Naïm auszutauschen.

Foto: © BAC FILMS

Dehbi stiehlt der von Antoine de Caunes gespielten Titelfigur, aber auch dem restlichen exzellenten Ensemble mit seiner schauspielerischen Tour de force die Show. Ihm ist es gelungen, die drei so grundverschiedenen wie hinreißenden Frauenfiguren Rosa, Habiba und Angela zu verkörpern und nach dem Ablegen von Kleid und Stöckelschuhen wieder der charismatische, ein wenig dreiste Jüngling Naïm zu sein. Der damals 22-Jährige erbrachte diese erstaunliche Leistung, obwohl es erst sein zweites Engagement für einen Film war. Ein halbes Jahr hatte er sich auf die Dreharbeiten vorbereitet und dabei auch die ihm noch fremde Welt der Travestie erkundet. Im Zuge seiner Arbeit an der Rolle lernte er auch die legendäre Jenny Bel’Air kennen, die ihm hilfreiche Tipps (auch für das Laufen auf hohen Schuhen) gab. Zwei Jahre nach Drehbeginn ist die schwarze Lockenpracht von Mehdi Dehbi leider Vergangenheit. Wenn man ihn so elegant im Anzug vor dem Publikum stehen sieht, fällt es schwer, in ihm die Habiba oder Angela wiederzuerkennen, doch auch als Mehdi besitzt er die Gabe, Frauen und Männer jeglichen Alters zu bezaubern. Wie im Film war auch das Publikum bunt gemischt, aber es schien so, als wäre jede/r gleichermaßen ergriffen und beeindruckt. Der tosende Beifall beim Auftritt des talentierten Schauspielers brachte das zum Ausdruck.

Foto: © BAC FILMS

° Originaltitel: La folle histoire d’amour de Simon Eskenazy

° Internationaler Titel: He Is My Girl

° Produktionsland: Frankreich

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Jean-Jacques Zilbermann

° Darsteller: Antoine de Caunes, Mehdi Dehbi, Elsa Zylberstein, Judith Magre, Catherine Hiegel, Micha Lescot, Max Boublil, Taylor Gasman

° Drehbuch: Antoine Lacomblez, Jean-Jacques Zilbermann

° Produktion: Dominique Barneaud, Nicolas Blanc

° Musik: Eric Slabiak, Giora Feidman

° Schnitt: Dominique Gallieni

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  1. LE FIL – Die Spur unserer Sehnsucht « Kino « Unnikath – Kino Queerbeet says:

    [...] Tabuthema, das auf keine Filmrolle zu passen schien. Bisher, denn nachdem wir Mehdi Dehbi in LA FOLLE HISTOIRE D’AMOUR DE SIMON ESKENAZY in den Armen eines jüdischen Musikers über die Leinwand haben tanzen sehen, kommt jetzt ein Film [...]

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