ENTER THE VOID ist eine visuelle Erfahrung, ein psychedelischer Trip im Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt, ein Film wie ein Rausch, der sich unter die Netzhaut direkt ins Unterbewusstsein schiebt.

Was sonst wäre auch von einem Film zu erwarten, der schon Applaus für den Titelvorspann bekommt? Gedreht von einem Regisseur, der im Alter von acht Jahren Stanley Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY sah und seinen ersten Trip herbeisehnte? Wenn ein mit Freibier beladener Van vor dem Cinemaxx parkt, um das geflashte Publikum mit Freibier abzufüllen? Das Special Screening auf dem Fantasy Filmfest mit ENTER THE VOID war zwar ein recht unqueerer (abgesehen einem kurzen lesbischen Intermezzo, ging es zwar ziemlich wild, doch straight her), aber total irrer Abend.

Am besten, ihr lest nicht weiter, sondern werft ihn euch einfach rein, wenn er am Donnerstag in die Kinos kommt, setzt euch auf einen Platz in den vordersten Reihen, damit ihr keine Chance habt, auf Distanz zu gehen. All jene, die einen Trip mit Sicherheitsgarantie bevorzugen, folgen mir bitte unauffällig auf dem Pfad der Story.

Foto: © Wild Bunch Germany / Capelight Pictures

Ein mit Blut besiegelter Schwur bindet Oscar (Nathaniel Brown) an seine Schwester Linda (Paz de la Huerta). Das enge, nahezu inzestuöse (?) Geschwisterverhältnis entwickelt sich nach dem Unfalltod der Eltern. Als kleiner Junge verspricht er ihr, sie niemals zu verlassen. Das traumatische Erlebnis schweißt die beiden Kinder zusammen, doch vom Schicksal werden sie immer wieder auseinandergerissen.

Foto: © Wild Bunch Germany / Capelight Pictures

Oscar ist jetzt um die Zwanzig, ein Drifter, den es nach Tokio verschlagen hat. Trotz der drakonischen japanischen Strafverfolgung gegen Drogendelikte vertickt er mit seinem zwielichtigen Freund Alex (Cyril Roy) Halluzinogene. So kann er Linda den teuren Flug finanzieren. Kaum angekommen, wird Linda schon ein Job als Striptänzerin in einem Nachtclub angeboten.

Foto: © Wild Bunch Germany / Capelight Pictures

Einer von Oscars Kunden will sich an ihm rächen und verrät ihn bei der Polizei. Oscar tappt direkt in die Falle, schließt sich auf der Toilette ein und versucht, den Stoff zu entsorgen. Durch die Tür hindurch wird auf ihn geschossen. Eine Kugel geht direkt durch seine Brust.

Foto: © Wild Bunch Germany / Capelight Pictures

Mit dem Tod des Helden löst sich der Betrachterstandpunkt von einem Individuum. Als verlorene Seele im Zwischenreich schwebt die Kamera senkrecht über den Köpfen der Hinterbliebenen, beobachtet sie, als seien es Labormäuse in Käfigen. Da ist Alex, der nicht mehr zurück in seine Wohnung kann und sich ohne Geld und Dach über dem Kopf durchschlagen muss. Lindas Schmerz, als sie vom Tod des Bruders erfährt und die Konfrontation mit dem Menschen, der ihn verraten hat, ihre Verlorenheit und die Entscheidung für eine Abtreibung, mit der sie die Wiedergeburt des Bruders unwissentlich verhindert…

Foto: © Wild Bunch Germany / Capelight Pictures

Bis zur vollkommenen Desorientierung dekonstruiert Gaspar Noé Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit. Bis zu dem Tod des Helden wird die Story aus dessen subjektiver Perspektive erzählt. Die Kamera imitiert dabei nicht nur Oscars äußere Wahrnehmung, sondern macht auch dessen innere Selbstwahrnehmung als Perception Shots sichtbar. Auf seinem Trip greifen bunt aufleuchtende tentakelartige Gebilde nach uns, ziehen uns sogartig in einen Tunnel hinein. Mit ihm sind wir in der Toilette gefangen und wissen nicht, was hinter der Tür vor sich geht. Erst als wir mit Oscar sterben müssen, befreien wir uns aus seinem eingeschränkten Blickwinkel und gewinnen die Übersicht als frei schwebende, omnipräsente Instanz. Das Visuelle emanzipiert sich in der Form, dass es zum reinen Selbstzweck einer Wahrnehmungserweiterung wird. Für den Kamerablick gibt es keine Barrieren mehr; Räume und auch Körper können durchdrungen werden. Immer wieder gibt es Zufahrten durch Objekte hindurch, Konturen verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit oder das Bild wird durch eine einzige weiße Fläche zum Nicht-Bild. Das Gesicht des Protagonisten ist in einer einzigen Einstellung als Reflexion eines Spiegelbildes zu sehen. Erinnerungssplitter werden unvermittelt in den Plot eingefügt. In diesen Flashbacks nimmt die Kamera stets eine Außenposition hinter dem Rücken von Oscar ein.

Die Bilddominanz stellt die Story in puncto Anspruch natürlich in den Schatten. Gefordert wird eine totale Hingabe gegenüber dem Bilderrausch, dessen euphorisierende Wirkung über die Dauer von zweieinhalb Stunden hinweg aber nicht gehalten werden kann.

Foto: © Wild Bunch Germany / Capelight Pictures

° Originaltitel: Soudain le vide

° Produktionsländer: Frankreich, Deutschland, Italien

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Gaspar Noé

° Spiel: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy, Olly Alexander, Masato Tanno, Ed Spear, Emily Alyn Lind, Jesse Kuhn

° Drehbuch: Lucile Hadzihalilovic, Gaspar Noé

° Produktion: Pierre Buffin, Olivier Delbosc, Vincent Maraval, Marc Missonnier, Gaspar Noé

° Kamera: Benoît Debie

° Musik: Thomas Bangalter

° Schnitt: Marc Boucrot, Gaspar Noé

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