Projiziert wird das Gesicht eines überaus attraktiven Teenagers. Während des Konsums von Fastfood, Alkohol und Zigaretten verwandelt es sich innerhalb von 30 Sekunden zu einem übergewichtigen Mann mittleren Alters. Das makellose Gesicht eines Jünglings in Nahaufnahme. Beinahe regungslos sind seine Gesichtszüge. Abrupt sticht er mit einem Messer auf einen Körper ein, ein Mal, zwei Mal, drei Mal, als sei er in Trance. Selten war Schönheit so grausam.

Bei Ersterem handelt es sich um das computeranimierte Video SLOB EVOLUTION von Simon Willows, das im Rahmen der Ausstellung WAS IST SCHÖN? des deutschen Hygiene-Museum in Dresden zu sehen ist. Letzteres ist die Anfangsszene der Neuverfilmung von DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY in der Regie von Oliver Parker. Ausstellung und Film passen sich gleichermaßen hervorragend in den zeitlichen Kontext mit seinem Schönheits- und Jugendwahn bei gleichzeitiger Vergreisung der Gesellschaft ein. Betrachterinnen und Betrachter werden aufgefordert, sich mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen: Was verstehen wir unter Schönheit? Wie fühlt sie sich an und welchen Preis sind wir bereit, für sie zu zahlen?

Foto: © Concorde

Würden wir für die ewig währende Jugend und Schönheit unsere Seele verkaufen? „Ja“, antwortet Dorian Gray (Ben Barnes), ohne die Konsequenzen bedacht zu haben. Die Last des Alters und der Sünde soll sein Porträtbild für ihn tragen, während sein jugendliches Gesicht von den Spuren seines ausschweifenden, hemmungslosen Lebens versehrt bleibt. Dem Maler des Bildes, Basil Hallward (Ben Chaplin), gefällt dieser Pakt am allerwenigsten. Es ist der Einfluss des katzenhaft-diabolischen Zynikers Lord Henry Wotton (Colin Firth), der die noch reine Seele des Jünglings mit seiner unmoralischen Lebensphilosophie vergiftet.

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Sich jeder Versuchung hingeben und dabei stets das eigene Wohl vor Augen behalten – nach diesen Maximen soll Dorian sein Leben ausrichten. Alsbald wird Henry zu seinem Vorbild und Mentor. Seiner Eitelkeit und Selbstsucht opfert er nicht nur seinen gesellschaftlichen Ruf, sondern auch die Liebe zu der Theaterschauspielerin Sybil Vane (Rachel Hurd-Wood). Fortan lebt er ausschließlich nach seinem Vergnügen, ohne aber das Glück zu finden. Das Bild, das zunehmend von seinem körperlichen und seelischen Verfall kundtut, schirmt er vor den Blicken anderer ab. Nachdem er einen Mord begangen hat, wird er von Verfolgungswahn und Schuldgefühlen heimgesucht. Kann eine neue Liebe ihn zur Läuterung bewegen?

Wie Massimo Dallamano in seiner Dorian Gray-Verfilmung von 1970 mit der kongenialen Gray-Verkörperung eines Helmut Bergers in der Hauptrolle, beginnt auch Oliver Parker mit dem grausamen Mord an Basil Hallward und erzählt die gesamte Story vermöge einer Rückblende. Derart frei wie Dallamano geht Parker mit Oscar Wildes 1891 publiziertem Roman zwar nicht um, dennoch schlägt er dessen Richtung ein, indem er der im Roman subtil angedeuteten Bewunderung von Basil für Dorian ein körperliches Begehren addiert. Basils inhärente Homosexualität wird nun zu einer offen ausgelebten und Dorian lebt sich sowieso ungeniert mit Frauen und Männern gleichermaßen aus.

Foto: © Concorde

Abgesehen davon hat Parker noch andere Veränderungen am Originaltext vorgenommen. Dorian wird als kleiner Junge von seinem Großvater Lord Kelso für den Tod der Mutter auf dem Kindbett verantwortlich gemacht und körperlich misshandelt. Dieser Regie-Einfall dient Oliver Parker allerdings nur dazu, noch vor der Präsenz des Bildes Gruselemente in den Plot einzufügen. Generell werden Erotik und Schauer besonders stark herausgearbeitet. Übrigens hat sich der Regisseur schon einmal filmisch mit Werken von Oscar Wilde auseinandergesetzt: AN IDEAL HUSBAND (1999) und In THE IMPORTANCE OF BEING EARNEST (2002). In dem Letztgenannten spielt sogar Colin Firth eine der Hauptrollen.

Foto: © Concorde

In Parkers Version spielt Sybil Vane nicht die Julia, sondern – Jungsein oder Nichtsein – die Ophelia aus „Hamlet“. Interessanterweise bricht Dorian sein Eheversprechen nicht aufgrund ihres schauspielerischen Unvermögens, sondern weil die Gute zu sehr auf Heirat beharrt. Bei Wilde nährte sich Dorians Liebe aus einem auf sie projizierten Idealbild, da sie aufgrund ihres schauspielerischen Talents imstande war, die verschiedensten Frauenfiguren zu verkörpern. Die desillusionierende Theatervorstellung verpasst Dorian bei Parker wegen eines orgiastisches Erlebnisses in einem Freudenhaus. Den Vampirsfrauen aus Dracula (1992) von Francis Ford Coppola ähnlich, erliegt der schöne Dorian den Verführungskünsten von drei Prostituierten.

Foto: © Concorde

Zu guter Letzt – und das ist die kitschigste Hinzudichtung von allen – hat Henry Wotton eine Tochter, Emily (Rebecca Hall), in die sich Dorian nach seiner Rückkehr aus dem Ausland verliebt. Wotton würde also für seine schlechte Beeinflussung indirekt bestraft werden. Die Notwendigkeit Emilys Präsenz ist weder dramaturgisch, noch in Anbetracht einer schauspielerischen Zusatzleistung einzusehen. Im Gegenteil – Rebecca Hall ist die Figur, die sich am wenigsten in das Ensemble einfügt. Herausstechend ist Colin Firth als James Wotton und Ben Barnes eingefrorene Mimik mit dem selbstgefälligen Zug um den Mund ist eine distinguierte Verkörperung des grausamen Schönlings.

Foto: © Concorde

Angesichts des Potentials an Animationen verlangte ihm die Rolle so einiges an Vorstellungsvermögen ab, denn die Sequenzen, in denen das Bild zum Verfall erwacht, wurden vor einer Green Screen gedreht. Aus der subjektiven Perspektive des Porträts blicken wir dann auf Dorian hinab. Das von Maden und Feuermalen zerfressene Angesicht begehrt am Ende gegen das Original auf. Das von Parker geschaffene Werk hätte trotz seiner visuellen Effekte gegen sein literarisches Original nichts auszurichten, denn dafür fehlt ihm an Tiefe.

Filmplakat: © Concorde

° Originaltitel: Dorian Gray

° Deutscher Titel: Das Bildnis des Dorian Gray

° Produktionsland: Großbritannien

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Oliver Parker

° Darsteller: Ben Barnes, Colin Firth, Ben Chaplin, Rachel Hurd-Wood, Rebecca Hall, Emilia Fox, Fiona Shaw

° Drehbuch: Toby Finlay, Oscar Wilde (Roman)

° Produktion: Barnaby Thompson

° Kamera: Roger Pratt

° Musik: Charlie Mole

° Schnitt: Guy Bensley

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