Es beginnt mit einem gewaltigen Sturz aus der Realität in die Tiefe von Kafkas (Byron Pang) Unterbewusstsein. Der Sprung in seine Erinnerung fällt mit der Gegenwart von Daniel (Thomas Price) zusammen. Noch sind sie weit entfernt, aber sie bewegen sich aufeinander zu.

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AMPHETAMINE ist nach PERMANENT RESIDENCE der zweite Teil einer Trilogie, die mit LIFE OF AN ARTIST schließen wird. In allen drei Filmen geht es um das Ausloten von Grenzen, etwa der von Leidenschaft oder von Kunst im letzten Teil. Scud, der mit bürgerlichem Namen Danny Cheng Wan-Cheung heißt, ist mit YONG JIU JU LIU (PERMANENT RESIDENCE, 2009) in Hongkong und China berühmt geworden. Hauptdarsteller Thomas Price spielte bereits in PERMANENT RESIDENCE und MOU YE CHI SING (CITY WITHOUT BASEBALL, 2008) mit. Die Rolle von Kafka hat Scud mit Byron Pang, einem ehemaligen Model und Wettbewerbsteilnehmer an der Mister Hong Kong Wahl 2005 besetzt.

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Der Name Kafka ist dem Roman „Kafka am Strand“ des japanischen Bestsellerautors Haruki Murakami entlehnt. Beide Figuren nehmen uns mit auf eine Reise in ihr Innerstes, dessen Ziel vom Schicksal vorgegeben ist. Kafkas Lebenswandel in AMPHETAMINE gleicht aber eher dem von Gregor Samsa aus Franz Kafkas Verwandlung, denn wie dieser führt er ein rein funktionalistisch ausgerichtetes Erwerbsleben, um seine Familie durchzubringen. Sein Vater starb, als er noch ein kleiner Junge war. So sorgt er sich allein um die kranke Mutter. Für seinen nichtsnutzigen Bruder hat er bloß Verachtung übrig.

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Damit er seine drei Jobs meistern und die Seelenqualen einer brutalen Vergewaltigung besser verdrängen kann, steigert er die Effizienz seines Organismus durch Amphetamin. Sein ganzes Bewusstsein kreist um jenes erschütternde (in seiner Brutalität an die Tunnel-Szene von Kubricks A CLOCKWORK ORANGE erinnernde) Erlebnis und hindert ihn daran, die Liebe von Daniel auch körperlich zu erwidern. Das Ende des Films bringt Kafka und Daniel in einer Berührung zusammen. Bildkompositorisch erinnert sie an Michelangelos Deckenfresko „Die Erschaffung Adams“. Deutet sich in ihr ebenfalls ein Neubeginn an?

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Auf thematischer, künstlerischer und formaler Ebene prallen in AMPHETAMINE Extremwelten aufeinander – Schönheit und Schmerz, zärtliche Liebe und rohe Gewalt. Scud beutet die Kulturgeschichte aus, zitiert Schlüsselbilder und verwandelt sie auf sehr poetische Weise in Kitsch. Das Arrangement unterschiedlicher Zeitebenen innerhalb der Montage ist verblüffend; exakt getimte Konfusion eben, um bei der Variation gegenläufiger Motive zu bleiben. Bereits in der Anfangsphase des Films werden Fragmente von Erinnerungen antizipiert, was die Story fast aus ihrem logischen Zusammenhang reißt. Gegenwart, Erinnerung sowie alle Formen der Imagination (Träume, Halluzination und Phantasie) gewinnen an Überhand, überlagern sich, laufen simultan ab und werden in den sukzessiven Erzählmodus eingebunden.

Fazit: Bildgewaltig, surreal und poetisch! Ein ornamentales Kunstwerk in Werbeclipästhetik.

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Trotz der behördlichen Altersbeschränkung seiner unverhohlenen Nackt- und Sexszenen war AMPHETAMINE übrigens der Abschlussfilm des 34. Hong Kong International Film Festivals und nicht zuletzt ein Highlight des queeren Berlinale-Programms. Seitdem wird der Film auf diversen Festivals gezeigt. Wann es wieder soweit ist, erfahrt ihr natürlich auf diesem Blog.

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° Originaltitel: Amphetamine

° Produktionsland: Hong Kong

° Produktionsjahr: 2010

° Regie: Scud

° Darsteller: Byron Pang, Thomas Price, Linda So, Winnie Leung, Simon Tam

° Drehbuch: Scud

° Produktion: Scud

° Kamera: Charlie Lam

° Musik: Shan Ho, Yat-Yiu Yu

° Schnitt: Heiward Mak

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  1. Tipp: AMPHETAMINE bei Mongay « Queerbeet « Unnikath – Kino Queerbeet says:

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