A SINGLE MAN

Als Modedesigner für Gucci und Yves Saint Laurent hat sich Tom Ford mit weniger dramatisch fallenden Stoffen als Christopher Isherwoods Roman „Der Einzelgänger“ (1964) auseinandersetzen müssen. Seit einigen Jahren betreibt er nicht nur eine nach ihm benannte Modemarke, sondern auch seine eigene Filmproduktionsfirma. Mit A SINGLE MAN ist ihm nun als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor seine erste Kollektion in Celluloid gelungen – und auch hier stehen Stil, Form und Farbe im Vordergrund seiner künstlerischen Arbeit.

Foto: © Senator

Der Unfalltod seines Lebensgefährten Jim hat in dem Leben von George Falconer (Colin Firth) eine nicht zu schließende Lücke hinterlassen. Der Literaturprofessor verharrt seitdem in einer Zeitzone zwischen Gegenwart und Erinnerung. Verlust und Trauer haben seine Wahrnehmung betäubt; anstelle von erlebter Wirklichkeit ist der Rückzug in seinen einsamen Singlehaushalt und die Reflexion der Außenwelt getreten. Sogar seine beste Freundin Charley (Julianne Moore) muss von ihren Überredungskünsten Gebrauch machen, um ihn für ein gemeinsames Abendessen aus seiner Festung zu locken.

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Heute, an diesem Novembermorgen im Jahr 1962, soll das anders werden. Mit George erwachen seine Sinne zu neuem Leben und er beginnt, seine Umwelt wieder wahrzunehmen. In der Begegnung mit dem Studenten Kenny (Nicholas Hoult, ABOUT A BOY 2002, THE WEATHER MAN 2006) öffnet George sich ihr und erfährt dabei eine Bewusstseinsveränderung…

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Wie Aldous Huxley, mit dessen Novelle „Nach vielen Sommern“ er sich in seinem Seminar beschäftigt, ist George ein nach Kalifornien ausgewanderter Brite. Seine Herkunft und sexuelle Orientierung machen ihn zum Außenseiter einer dekadenten Gesellschaft. Huxley experimentierte seinerzeit mit Mescalin, dessen psychedelische Wirkung noch nicht erforscht war. Als stünde auch die Hauptfigur George unter dem Einfluss dieser Droge, stellt Tom Ford seine subjektive Wahrnehmung verzerrt dar. Traum, Wirklichkeit und Erinnerung gehen unvermittelt ineinander über, wobei die Grenze zwischen realer Begegnung und Halluzination unscharf ist. Georges Farbempfinden ist hinsichtlich seiner Intensität gesteigert und die sinnliche Wahrnehmung (insbesondere sein Geruchssinn) scheint geschärft zu sein. Zeitsprünge in die Vergangenheit werden mittels unmarkierter Rückblenden versinnbildlicht, so dass die Vergangenheit als Abspaltung der Gegenwart fungieren kann. Interessanterweise ist die Vergangenheit der Antriebsmotor für seine Handlungen. Allein diese veranlassen ihn, sich auf soziale Begegnungen einzulassen. Die Vorstellung von der leeren Couch zu Hause treibt ihn an, zu Charley zu gehen und Jim hat er in eben jener Bar kennengelernt, in der er sich nun auf ein Gespräch mit Kenny einlässt.

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Sowohl im Roman als auch im Film wird der schöngeistige George durchaus in seiner Körperlichkeit – von niederen Trieben übermannt – dargestellt. Mit seinen 58 Jahren scheint er an einem Punkt angelangt zu sein, an dem er sich nicht mehr weiter-, sondern allenfalls rückentwickelt. Ford übersetzt diesen Gedanken in ein symbolisches Bild, das George in einer Art pränatalem Stadium, völlig nackt und von Wasser umgeben, zeigt. Auch gegenüber Kenny gibt er zu, im Alter nicht weise, sondern immer einfältiger geworden zu sein.

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Anders als im Roman lässt Ford seinen Protagonisten mit Selbstmordgedanken spielen, nichtsdestotrotz ist sein Charakter im Film insgesamt geradliniger und sympathischer. Die Teilnahme an der Beerdigungszeremonie von Jim (Matthew Goode, MATCH POINT, 2005, WIEDERSEHEN MIT BRIDESHEAD, 2008) wird ihm im Film von dem anrufenden Verwandten verwehrt, wohingegen er im Roman dankend ablehnt. Die Einladung der in Ungnade gefallenen Nachbarin Mrs. Strunk (Ginnifer Goodwin) schlägt er im Film sofort aus, wohingegen er sich im Buch unverständlicherweise anbiedert, sehr gerne vorbeikommen zu wollen. Ford erfindet zudem eine ehemalige Affäre zwischen ihm und Charley. Bei Isherwood ist übrigens nicht George, sondern Jim derjenige gewesen, der ein Verhältnis mit einer Frau hatte. George besucht sie, inzwischen schwerkrank, im Hospital. Diese Szene hat Ford durch einen Bankbesuch ersetzt, im Zuge dessen der Held sein Schließfach auflöst. Aus der hausbackenen Isherwood-Charley mit ihrem Hang zu Esoterik macht Ford einen exaltierten Vamp, der weder die Homosexualität von George, noch Jim als vollwertigen Partner anerkennen will. Wie bei allen anderen Begegnungen an diesem Tag entzieht sich George dieser Vereinnahmung seiner Person. Zuvor hat er eine Einladung von Kenny zum Kaffee, jene von Mrs. Strunk zum Drink und den spanischen Escort Carlos (Top Model Jon Kortajarena) abgelehnt.

Foto: © Senator

Der handlungsarmen Romanvorlage, für die minutiöse Beschreibungen von Eindrücken und Empfindungen in langen Passagen innerer Monologe stilbildend sind, ergänzt Tom Ford um zusätzliches Konfliktpotential und Figurenbegegnungen. Das hinzuerfundene Motiv des Selbstmordversuches erforderte zudem eine Neuinterpretation einzelner Szenen. Der freie Umgang mit dem Stoff kam dem Spannungsbogen des Plots, nicht aber der Figurenpsychologie zugute. George und Charley in ihrer Persönlichkeit haben wenig mit jenen der Romanvorlage gemein. Sogar recht unbedeutende Randfiguren wie Kennys Freundin Lois Yamaguchi werden von Fords Designerhänden neu erschaffen. Die zarte Japanerin mutiert zu einer ultracoolen, kettenrauchenden Blondine. Auf Ausstattung, Dekor, Kostüme und Make-up wurde betont viel Wert gelegt. Dass auf dem Regiestuhl ein Modedesigner saß, ist ihm hinsichtlich des Gespürs für Stil, Farbe und Formen durchaus anzumerken. Das Ergebnis ist in seiner geschmackvollen Zusammenstellung durchaus sehenswert. Schwachstellen innerhalb der Dramaturgie und Figurenentwicklung werden auf der visuellen Ebene, einer gelungen stilsicheren Mise en scène sowie ein perfekt aufeinander abgestimmtes Figureninventar ausgeglichen.

Ab Donnerstag im Kino!

Filmplakat: © Senator

° Originaltitel: A Single Man

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Tom Ford

° Darsteller: Colin Firth, Julianne Moore, Matthew Goode, Nicholas Hoult, Jon Kortajarena, Paulette Lamori

° Drehbuch: Tom Ford, David Scearce, Christopher Isherwood (Romanvorlage)

° Produktion: Tom Ford, Andrew Miano, Robert Salerno, Chris Weitz

° Kamera: Eduard Grau

° Musik: Abel Korzeniowski

° Schnitt: Joan Sobel

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