Am zweiten Tag des Verzaubert Film Weekends, dem Sonnabend, spielte sich vor meinen Augen das absolute Kontrastprogramm ab –Trainspotting meets Rosamunde Pilcher sozusagen. Teil 1 meines geplanten Double Features war WRECKED, ein Independent-Film der Brüder Bernard und Harry Schumanski.

Foto: © Attitude International Sales

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Ryan (Forth Richards) hat sein Leben ganz gut in den Griff bekommen. Mit 18 schon eine eigene Bude und an seinem großen Traum, Schauspieler zu werden, arbeitet er gerade fleißig. Er hat seine Prinzipien, die auch für seinen Verflossenen, Daniel (Benji Crisnis), gelten, der plötzlich auf seiner Veranda steht und ihn bittet, wieder bei ihm wohnen zu dürfen. Ryans Bedingungen für das Asylgesuch lauten: keinen Drogenkonsum und dass Daniel sich einen Job sucht. Der denkt aber gar nicht daran, sich an Ryans strikte Hausordnung zu halten, lebt stattdessen allein für den Rausch, den er sich durch sexuelle Ekstasen und exzessive Drogentrips verschafft. Ryan ist nicht stark genug, um sich Daniel zu entziehen und gerät immer mehr in den selbstzerstörerischen Sog einer ihn verschlingenden Abhängigkeit…

Die dünne Story – gutgläubiger Mensch wird von einem parasitären Hausbewohner nach Strich und Faden ausgenutzt – hat in ihrem elementaren Zügen etwas von Molières Tartuffe, allerdings wird in WRECKED auf jeglichen an Molière erinnernden Dialogwitz verzichtet. Die Szenenfolge nimmt eher unfreiwillig komische Züge an, wenn Daniel gleich im Anschluss an Ryans Mahnung einen regelrechten Drogenexzess zelebriert. In einer anderen Szene schnappt er sich Ryans Notebook, auf dem in großen Lettern „Dn’t touch!“ draufsteht und fängt sofort an zu onanieren, ohne sich überhaupt etwas im Internet näher angesehen zu haben. Als er schließlich kommt, zieht er eines von Ryans Oberhemden vom Bügel und ejakuliert darauf. Die von den Schumanski-Brüdern eingesetztten Mittel der Provokation sind dermaßen gestellt und platt, dass man einfach nicht schockiert sein kann und sogar die im Akkord abgedrehten Sexszenen als Füllsel für eine hohlen Plot und bornierte Dialoge ansieht. Das Regie-Duo legt es ganz offensichtlich darauf an, dass sich der Zuschauer während der Laufzeit nicht wohlfühlt: das Filmmaterial ist grobkörnig und überbelichtet, die Haut der Protagonisten wirkt gelb-grünlich, die Handkamera wird ruckartig geführt und katapultiert uns aus unsere Beobachterrolle, der Haupt-Schauplatz, die Wohnung von Ryan ist verwüstet und dreckig. Appetitlich darin sind einzig und allein die schnuckeligen Protagonisten; insbesondere Forth Richards ist sehr schön anzusehen und strahlt viel jugendliche Erotik aus.

Foto: © Attitude International Sales

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Zu Gute halten kann man den Schumanskis ihren Mut, die Regeln für das Abdrehen ihres Low Budget Films selbst definiert zu haben. Mit einer großen Selbstbewusstheit, sich nicht an bisherige Maßstäbe zu halten, leiten sie eventuell mit ihrer eigenwilligen Art eine neue Strömung des Gay Films ein, so dass ich es keineswegs bedauere, mir diesen Streifen angesehen zu haben. Nichtsdestotrotz finde ich es schade, wenn es ausreicht, schlampig abgedrehten Filmen das Etikett „Independent“ aufzukleben, um technische und dramaturgische Unzulänglichkeit als Bestandteil des Regiekonzeptes auszuweisen. Raffiniert inszenierte und sorgfältig arrangierte Filme erfordern nicht zwangsläufig ein hohes Budget. Das wurde spätestens mit dem Aufkommen der Dogma-Filme unter Beweis gestellt.

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° Originaltitel: Wrecked

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Bernard Schumanski, Harry Schumanski

° Darsteller: Forth Richards, Benji Crisnis, Peter Petersen, Theo Montgomery

° Drehbuch: Bernard Schumanski, Harry Schumanski

° Produktion: Bernard Schumanski

° Kamera: Stephan Jones

° Musik: Bill Bevam

° Schnitt: Bernard Schumanski

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  1. DER JUNGE MIT DEN STRAHLENDEN AUGEN « Dvd « Unnikath – Kino Queerbeet says:

    [...] Wer sich für diesen Film begeistert, dem/der könnte auch WRECKED gefallen. Cover: © PRO-FUN [...]

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