Als „heimlicher Eröffnungsfilm“ von dem Festivalleiter Rudi Fürstberger angekündigt, lief im Anschluss an DARE das mit vier Preisen auf dem Outfest L.A. ausgezeichnete Drama WE ARE THE MODS. Sehr kunstvoll und mit einem guten Gespür für Formen und Farb-Design der Kulisse sowie einem mitreißenden Soundtrack lässt E.E. Cassidy in ihrem Debütfilm die Sixties in der Moderne aufleben.

Bild: © We Are The Mods

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Ein Blick, ein Klick und es ist um die junge Sadie (Melia Renee) geschehen. Mit ihrem Parka, den schwarz umrandeten Augen und dem dichten Pony steigt sie von der Vespa ihres Freundes ab. Vom ersten Moment an ist Sadie von der selbstbewussten Nico (Mary Elise Hayden) fasziniert. Diese bemerkt die Beobachterin gar nicht, doch fortan begegnen sich die beiden Mädchen ständig – in der Schule, im Fotolabor und freunden sich an. Nach und nach kann Nico die schüchterne und noch unsichere Sadie auch für die Mod-Kultur begeistern, deren Lebensart sie mit Kleidung, Frisur, Musik, Filmen, als Modell vor der Kamera, auf Partys und im Drogenrausch zelebriert. Sadie versucht, Nicos Stil und Charakter bis zur Selbstaufgabe zu adaptieren. Fast wird sie die Kopie eines Originals, das selbst eine Kopie ist; ihre Orientierung an der neuen Freundin grenzt fast an Hörigkeit. Nico ist sich ihrer Wirkung und Macht sicher und treibt ein bittersüßes Spiel mit Sadie…

Besonders eindrucksstark an Cassidys Debütfilm sind die Szenen, in denen die Künstlichkeit der Kulisse jegliche Form von realem Dasein in einer modernen Welt auslöscht. So gehen in Sadies Träumen satte Farben in den Schwarzweißmodus über, die Fotoshootings sind in ihrem strikten Schwarzweiß von der 2-tone-Musik- und -Kulturszene inspiriert.

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Bild: © We Are The Mods

Die Hinterfragung von Sein und Schein, Realität und Fiktion, Wahrheit und Täuschung war auch ein Motiv in BLOW UP von Michelangelo Antonioni, der in WE ARE THE MODS nicht nur erwähnt, sondern in einer Szene sogar zitiert wird. Nach einer ernüchternden Erkenntnis nimmt auch Sadie den imaginärern Ball von zwei Pantomimekünstlern auf und wirft ihn zurück in das Spielfeld. Im Anschluss daran geht sie ganz in der Flüchtigkeit des eingefangenen Moments auf. Indem sie die Position hinter der Kamera verlässt und sich vor sie begibt, wird sie selbst zum Bild. Meinem Empfinden nach hätte Cassidy die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit nicht derart klar abstecken müssen, um dem Film mehr Rätsel aufzugeben und die Bewusstseinsveränderungen durch den starken Drogenkonsum exzentrischer zu visualisieren. Sie hätte es letztendlich in der Schwebe lassen können, ob Nico tatsächlich real existiert oder bloß eine Erscheinung ist, in der Sadies Sehnsüchte manifest werden und an denen sie Halt zu finden sucht. Aber da wir nicht EASY RIDER, sondern Mods sind, lieber koksen anstatt LSD einzuwerfen und nicht auf die Harley, sondern auf eine silberne Lambretta aufgestiegen sind, genießen wir jede Minute dieser behäbigeren, aber abenteuerlichen Vintage-Fahrt und kommen, während Velvet Underground auf der Tonspur fast überdreht, abrupt zum Stehen.

° Originaltitel: WE ARE THE MODS

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: E.E. Cassidy

° Darsteller: Melia Renee, Mary Elise Hayden, Lance Drake u. a.

° Drehbuch: E.E. Cassidy, Bruce Pavalon

° Produktion: E.E. Cassidy, Rob Poswall

° Kamera: Alison Kelly

° Schnitt: David Baum, Daniel Gabbe

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