Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, lebte eine Zeitlang ein Araber bei uns. Er gehörte zur Familie und wir spielten ganze Nachmittage ausgelassen im Garten oder gingen spazieren. Er war groß, schlank, muskulös und hatte tiefe, dunkle Augen; Lider, die aussahen, als seien sie mit Kajal umrandet. Stolz zeigte ich mich mit ihm in der Öffentlichkeit. Es kam vor, dass sich die Leute nach ihm umdrehten – so schön war er. Manchmal kam er in mein Zimmer, dann erzählte ich ihm all das, was mich bedrückte und wir schmiegten uns aneinander. Irgendwie hatte ich stets das Gefühl, dass er es spürte, wenn ich traurig war. Sein Name war Zahir. Ich liebte ihn, ohne verliebt in ihn zu sein, denn Zahir war ein Hund, ein arabischer Windhund.

Für seinen dokumentarischen Kurzfilm GELIEBT, einziger Wettbewerbsbeitrag der HFF Potsdam-Babelsberg innerhalb der Sektion Berlinale Shorts, hat der Regie-Student Jan Soldat zwei in einer WG lebenden Männer begleitet, die ein viel spezielleres Verhältnis als ich zu ihrem Hund haben. Sein Beitrag läuft in einem Block mit fünf anderen Kurzfilmen, aber man hat das Gefühl, alle seien nur wegen diesem, dem „Skandalfilm“ gekommen. Jedenfalls ist es eine kluge strategische Maßnahme der Festivalkomitees, GELIEBT als letzten Film zu zeigen, denn immerhin bestünde die Gefahr, dass Leute angesichts dieser doch recht ungewöhnlichen Bilder vorzeitig den Saal verlassen. Schon zu Beginn sehen wir einen der beiden Männer seine schwarze Mischlingshündin liebkosen. Während sich der eine der Protagonisten recht verhalten zeigt, was die Offenlegung der Art von Beziehung zu seinem Hund angeht, sieht der andere seine Hündin als Partnerin an; dementsprechend ist das Verhältnis zu ihr auch erotischer Natur: es wird gestreichelt, gekuschelt und geküsst. Auch Eifersucht und Gezicke ihrerseits gehören zu der Beziehung. Er erzählt, dass er einige Beziehungen geführt habe, aber weder mit Frauen, noch mit Männern habe es geklappt. Das Dilemma des jungen Mannes ist verständlich – seinen Eltern kann er keinen Hund als Schwiegertochter präsentieren.

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass keine (gewaltsam erzwungenen) sexuellen Handlungen zwischen Herrchen und Hund gezeigt werden und dass auch im Interview gesagt wird, die Liebe zu dem Tier habe nichts mit Sex zu tun. Im Vordergrund stehe die emotionale Bindung. Natürlich kommt im Zuge dessen die Frage auf, warum sich der Protagonist entkleidet zu seinem Hund ins Bett legt. In der Märkischen Allgemeinen habe ich gelesen, dass es wegen solcher Einstellungen Differenzen zwischen dem Regisseur und den am Dreh beteiligten Kommilitonen gegeben haben soll.

Ich hatte mir jedenfalls vorgenommen, mich auf den Kurzfilm ohne Vorbehalte einzulassen, was auch immer gezeigt würde. Meine Haltung während der Vorführung war auch eine des Verstehenwollens, wobei ich möglichst wertfrei bleiben wollte. Jan Soldat hat sich mit seiner ersten Regiearbeit auf einen schmalen Grat begeben. In vielen Köpfen werden Bilder von geschlagenen und geschändeten Tieren spuken, jene stummen Opfer der häuslichen Gewalt. TierschützerInnen haben täglich damit zu tun. Von all dem ist in dem Film nichts enthalten. Wer aber weiß schon, was hinter verschlossenen Türen passiert, wenn keine Kamera vor Ort ist? Kann man es wirklich beurteilen, ob ein Tier die körperliche Nähe zu einem Menschen aus Zuneigung oder doch nur aus reiner Unterwerfungshaltung duldet? Allein für den Mut, sich mit dem Thema Zoophilie zu beschäftigen und dafür, dass er überhaupt jemanden gefunden hat, der sich damit vor einer Kamera outet, hätte Soldats Arbeit Anerkennung verdient. Neu an dem Umgang mit dem Stoff ist jedoch nur, dass er nicht fiktiv, sondern authentisch ist und dass nicht SchauspielerInnen, sondern reale Menschen beteiligt sind (nicht so wie bspw. in dem semi-dokumentarischen Film ZOO von Robinson Devor oder dem grässlichen Theaterstück „Die Ziege oder Wer ist Sylvia“ von Edward Albee, in dem ein Familienvater mit einer Ziege fremdgeht).

Nichtsdestotrotz: GELIEBT sehe ich eher als Zumutung an, als dass ich einen künstlerischen Wert erkennen kann. Wenn Wahl des Themas und Aufnahme in den Wettbewerb in Wahrheit davon motiviert gewesen sein sollten, Aufmerksamkeit zu erregen, dann fände ich das ziemlich jämmerlich.

Als ich aus dem Kino kam und mich in Richtung U-Bahn bewegte, ging ein Mann mit einem weißen Barsoi an mir vorbei. Wie immer bei dem Anblick eines so wunderschönen, feenhaften Geschöpfes spürte ich mein Herz schlagen, doch eines steht fest: küssen werde ich weiterhin nur ein Exemplar meiner Spezies.

Weitere Vorstellungen innerhalb der Berlinale Shorts III:

14.2., 22 Uhr, CinemaxX 3
17.2., 17.45 Uhr, Colosseum 1
19.2., 16 Uhr CinemxX 6
19.2., 23.30 Uhr, Moviemento

° Originaltitel: Geliebt (Be Loved)

° Regie: Jan Soldat

° Drehbuch: Jan Soldat

° Kamera: Johannes Waltermann

° Musik: Héctor Marroquin

° Produktionsfirma: Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (Potsdam-Babelsberg)

° Produktion: Peter Golovtchiner, Cristina Marx

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  1. Schwarz says:

    Hallo Arwen

    Meiner Meinung nach sollte man doch mit etwas mehr Offenheit an das Thema Zoophilie herangehen, als Du es zu tun scheinst. Auch die vielen eher wohlwollenden Pressereaktionen sind dafür ein Beleg. Sicherlich gibt es in allen Bereichen Menschen, die sich nicht angemessen verhalten, aber das bedeutet ja nicht, dass man kollektiv über einen Kamm scheren muss.

    Das Theaterstück “Die Ziege – Oder wer ist Sylvia” gefällt Dir nicht? Das ist mir ganz unverständlich, besonders, da es nicht ausschliesslich das Thema Zoophilie behandelt, sondern tiefschürfende menschliche Probleme thematisiert. Wiederum mag mangelnde Offenheit der Grund sein für Deine Ablehnung. Manche Leute machen bei gewissen Themen einfach dicht und verschließen sich damit allen Argumenten, leider.

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