Nachdem nicht mal der Karneval geholfen hat, den unwillkommenen Dauergast namens Winter aus Deutschland zu vertreiben, müssen wir wohl selbst die Flucht antreten oder uns von Filmen in ferne Welten forttragen lassen. Wenn Kristian Petersen mit seiner FUCKING DIFFERENT-Reihe dazu einlädt, sollte man einfach spontan zusagen. Abgesehen von dem Heimspiel in Berlin (2005), hat er uns schon nach New York (2007) und letztes Jahr nach Tel Aviv entführt. Diesmal geht es nach São Paolo in Brasilien.

Im Vordergrund der Trilogie 1718, 1972 und 2009 von Monica Palazzo und Joana Galvão steht ein durch unterschiedliche Zeiten wanderndes Ölgemälde. Es regt Diskussionen über Freundschaft, Liebe und wie die Kunst das Leben beeinflusst an. RONDA von Max Julien ist eine Hommage an NOITE VAZIA (1964) von Walter Hugo Khouri, der ebenfalls von dem Verlangen heterosexueller Männer nach lesbischer Erotik erzählt. Erweckt wird es bei dem einsamen Helden, als er sich eine Sex-Show des lesbischen Paares „As Mutantes“ ansieht. In dem Trickfilm UM OLHAR (EYE CONTACT) von Joana Galvão geht es um den Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen und der daraus resultierenden Selbstbefreiung. Ricky Mastro interviewte für seinen Dokumentarfilm FELIZES PARA SEMPRE (HAPPILY EVER AFTER) ein lesbisches Paar, das seit 32 Jahren zusammen ist und ohne einander nicht leben kann. Impressionen aus der Erinnerung eines lesbischen Pärchens bringt Luiz René Guerra mit CASA (Home) auf die Leinwand. In UNDER THE SKIN von Silvia Lourenço und Sabrina Greve steht das Schicksal eines jungen Mannes im Vordergrund, der HIV positiv ist. Absoluter Publikumsliebling war die witzige Komödie DEPOIS DO ALMOÇO (AFTER LUNCH) von Rodrigo Diaz Diaz, in der zwei von ihren Männern gelangweilte Frauen ihren erotischen Träumen nachhängen und ihn letztendlich gemeinsam ausleben. DYKELAND von Gustavo Vinagre ist das Porträt einer lesbischen Band und ihren weiblichen Fans. In FLACA von Herman Barck liegen sich zwei Frauen bei einem sinnlichen Tango in den Armen. DEUS DO IMPOSSIVEL von Luciana Lemos stellt die schwullesbische Kirchengruppe ICM in den Fokus der Betrachtung.

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

An dem altbewährten, nach wie vor großartigen Konzept, mit Kurzfilmen Klischees heraufzubeschwören, um sie wiederum zu dekonstruieren, hat sich nichts verändert. Auch in FUCKING DIFFERENT SÃO PAULO lassen wir uns von lesbischen Filmemacherinnen schwule Geschichten erzählen und von schwulen Regisseuren in lesbische Universen katapultieren. Nicht nur hinsichtlich der sexuellen Orientierung, sondern auch gegenüber Ländern haben sich bestimmte Vorstellungen fest in unser Hirn eingebrannt, stellen wir während der Sichtung dieser Reihe immer wieder fest. Hatte man bei Brasilien nicht gleich die farbenprächtigen Bilder des Karnevals in Rio im Sinn? An die gewaltige Schattenseite dieses sonnigen Landes mögen wohl die wenigsten gedacht haben. Eine der anwesenden Regisseurinnen beschrieb es als ein „paradoxes Land“. Wenn auch der Gay Pride São Paulos ist mit seinen über drei Millionen Besucher(inne)n einer der größten der Welt ist, so stellt sich die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans* als äußerst gering dar. Forderungen eines Gesetzentwurfes gegen Homophobie sowie für Anerkennung der Zivilehe unter gleichgeschlechtlichen Paaren werden lauter. Als dramatisch anzusehen ist die hohe Anzahl gewalttätiger Übergriffe. Auch Hassmorde kommen leider sehr häufig vor, insbesondere im Norden des Landes.

Ich schätze mal, dass trotz dieser ernsthaften Probleme ein Großteil der ZuschauerInnen mit Heiterkeit, Frohsinn uns viel nackter Haut rechnet. Der Kurzfilm AFTER LUNCH erfüllte noch am ehesten diese klischeehaften Erwartungen und wurde wahrscheinlich deshalb mit so viel Begeisterung aufgenommen. Mich hat eher UNDER THE SKIN berührt, auch deshalb, weil er nicht nur von der Intention, sondern auch bildsprachlich im Sinne des Titels „unter die Haut“ ging.

Wie so manch gut gemachter Werbespot beweist, lassen sich richtig gute Geschichten sogar in weniger als einer Minute erzählen. Einige der Kurzfilmbeiträge ließen eine Aussage vermissen, so dass ihr Ende abrupt erschien und mitunter ein großes Fragezeichen hinterließ. Von einem Independent-Episodenfilm mit einem Zuschuss von 250€ pro Film ausschließlich starke Beiträge zu erwarten, wäre ungerecht. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich den Vorgänger, FUCKING DIFFERENT TEL AVIV, wesentlich ausgereifter und in sich stimmiger fand.

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

° Originaltitel: Fucking Different São Paolo

° Produktionsland: Brasilien

° Produktionsjahr: 2010

° Regie: Herman Barck, Rodrigo Diaz Diaz, Joana Galvão, René Guerra
Max Julien, Luciana Lemos, Sílvia Lourenço, Ricky Mastro, Monica Palazzo, Gustavo Vinagre

° Darsteller:
Mariana Barros … (“Flaca”)
Cintia Bonsai … (“Dykeland”)
Deh Bonsai … (“Dykeland”)
Dree Bonsai … (“Dykeland”)
Julia Bonsai … (“Dykeland”)
Ricardo Degam … (“Ronda”)
Miguel Dias … (“Under the Skin”)
Fernando Fechio … (“1718, 1972, 2009″)
Weber Fonesca … (“1718, 1972, 2009″)
Guilherme Gonzalez … (“Um Olhar”)
David Kawai … (“1718, 1972, 2009″)
André Koronfli … (“Um Olhar”)
Lucia Lacerda … (“Happily Ever After”)
Milena Lopes … (“Flaca”)
Gabrielle Lopez … (“1718, 1972, 2009″)
Sílvia Lourenço … (“1718, 1972, 2009″)
María Mesquita … (“Casa”)
Rogério Messias … (“Flaca”)
Gilda Nomacce … (“After Lunch”)
Taty Oliveira … (“Ronda”)
Déia Ortega … (“Ronda”)
Lulu Pavarin … (“After Lunch”)
Maria Lígia Pereira … (“Happily Ever After”)
Eduardo Revi … (“1718, 1972, 2009″)
Daniella Saba … (“Casa”)
Luciana Silvestrini … (“1718, 1972, 2009″)
Kauê Telloli … (“1718, 1972, 2009″)
Lucas Weglinski … (“1718, 1972, 2009″)

° Drehbuch: siehe Regie

° Produktion: Kristian Petersen

Print

Related posts:

  1. Liebe Filmfreaks und Queertreibende!

Einen Kommentar hinterlassen