Ein mit Pailletten, Tüll, Federboas, Strass und Glitzer überfrachteter Wagen auf einsamer Landstraße – vier Drag Queens (eine als Mann) sind auf der Flucht. Sie haben sich in der russischen Steppe verirrt. Jene vier Typen, die ihnen heraus helfen sollten, treiben sie jetzt noch tiefer hinein, ins Nirgendwo. Die Differenz zwischen Jägern und Gejagten wird immer geringer. Lara tritt das Gaspedal durch, während sie mit zittrigen Händen die Nummer von Roza in ihr Handy tippt, doch dann macht sie eine Vollbremsung, lenkt den Wagen quer auf die Fahrbahn. Sie ist es Leid, ewig fliehen zu müssen und sucht jetzt die offene Konfrontation.

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Nach demselben Prinzip verfahren in den letzten Jahren eine Handvoll mutiger Filmemacher. Sie sprechen die Missstände in Russland offen aus und zeigen es als ein Land, in dem es von staatlichen Behörden keine Plädoyers für gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Homosexuellen und Trans* gibt und die öffentliche Meinung ein homo- und trans*phobes Echo widerhallt. Umso wichtiger ist es, für solche Filme eine Öffentlichkeit im Ausland zu finden. Die Panorama-Sektion der Berlinale war und ist stets darum bemüht. Vor zwei Jahren war bereits der Dokumentarfilm EAST/WEST – SEX & POLITICS von Jochen Hick zu sehen. Mit seiner Kamera fing Hick die gewalttätigen Übergriffe von rechtsnationalen Gruppen auf Demonstrant(inn)en zum Moskauer CSD 2006 und 2007 ein.
VESELCHAKI verpackt die hochexplosive Gesellschaftskritik in das grell glitzernde Kleid einer Travestie-Komödie.

Gerahmt wird die Story durch eine Interviewsituation, in der die fünf Protagonistinnen Roza (Ville Haapasalo), Lyusya (Danila Kozlovsky), Gelya (Ivan Nikolayev), Lara (Pavel Bryun) und Fira (Aleksei Klimushkin) einer Journalistin erzählen, wie sie zur Travestie kamen. Der Film springt dabei immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück in die Gegenwart. Kein leichtes Unterfangen für das Publikum, das bereits mit der Schwierigkeit konfrontiert ist, die Männer hinter der Maske mit dem entsprechenden weiblichen Gegenbild gedanklich zusammenzubringen.

Feliks Mikhaylov versteht sich bestens darauf, eine urkomische Situation schlagartig in eine tieftraurige umkippen zu lassen. So erinnert sich Lara, wie sich ein politischer Funktionär in einen Marilyn Monroe-Verschnitt verwandelt, dann aber vor lauter Aufregung um seine eigene Courage einen Herzanfall erleidet und sein Ruf post mortem ruiniert ist. Der Rückzug von Lyusya aufs Land beginnt mit der Ablegung des weiblichen Dekors auf der Zugtoilette und gipfelt nach Ankunft in der Enttäuschung, die Mutter völlig verwahrlost und als Säuferin vorzufinden. Als attraktives Partygirl kann Gelya ihren Erzfeind verführen. Sein Erwachen wird für ihn unvergesslich bleiben…

Mikhaylovs Spielfilmdebüt ist bunt, laut, narrativ und in Bezug auf die Ausstattung etwas überladen, die Darstellung mit ihren großen Gesten und dem gespielten Pathos etwas übertrieben, die Kameraführung sehr unruhig, so dass die Verfolgung der Geschichte recht anstrengend ist, aber sein Ziel erreicht der Regisseur und Drehbuchautor trotz aller Widrigkeiten: die Botschaft kommt an.

Nächste Vorstellungen:
12.2. 20.15 Uhr, CineStar3
13.2. 17.45 Uhr, CineStar3
19.2. 17.45 Uhr, CineStar3
20.2. 22.30 Uhr, CinemaxX 7

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

° Originaltitel: Veselchaki (Весельчаки, Jolly Fellows)

° Deutscher Titel: Lustige Typen

° Produktionsland: Russland

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Feliks Mikhaylov

° Darsteller: Ville Haapasalo, Danila Kozlovsky, Ivan Nikolayev, Pavel Bryun, Aleksei Klimushkin

° Drehbuch: Feliks Mikhaylov

° Produktion: Feliks Mikhaylov

° Kamera: Gleb Teleshov

° Musik: Andrey Danilko

° Schnitt: Inna Tkachenko, Roman Ishkinin

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2 responses so far, want to say something?

  1. Konstanze Lecter says:

    wann kommt der Film in die dt. Kinos?

  2. admin says:

    Da bin ich ehrlich gesagt überfragt. Allerdings bin ich skeptisch, ob er überhaupt jemals in deutschen Kinos anlaufen wird. Dafür müsste sich erst einmal ein Verleih finden. Die Chancen, ihn bald auf DVD sehen zu können, sind m. E. wesentlich größer. Aber wer weiß? Mal sehen, wie das Echo auf der Berlinale ist…

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