Eine einsame Braut gibt Fersengeld. Sie dreht sich mehrere Male um, nur um sicherzugehen, dass ihr auch niemand gefolgt ist. Ein filmisches Zitat von Garry Marshalls DIE BRAUT, DIE SICH NICHT TRAUT? Sie läuft die steilen Sandsteintreppen zu einem Gebäude hinauf, in dem ein junger Mann sie erwartet. Sie zieht eine Pistole, zielt auf ihn, schließlich richtet sie sie gegen sich selbst. Ein Schnitt versetzt uns von der Erinnerung der Großmutter (Ilaria Occhini ) in die Gegenwart, denn ihr Enkelsohn Tommaso (Riccardo Scamarcio) steht an demselben Punkt – zwischen Rebellion und Selbstaufgabe. Auch er möchte seiner Lebenslüge endlich ein Ende setzen. Die beste Gelegenheit, mit der Wahrheit herauszuplatzen, ist – wir wissen es seit DAS FEST von Thomas Vinterberg – die Familienfeier. Tommaso klopft an sein Glas, um all das loszuwerden, was er zuvor seinem Bruder Antonio (Alessandro Preziosi) gebeichtet hat. Nein, er möchte nicht die Verantwortung für den Familienbetrieb, die Pasta-Fabrik übernehmen, sondern Bücher schreiben, studiert habe er nicht Betriebswirtschaftslehre, sondern Literatur und außerdem sei er schwul. Bevor er aber den Mund aufmachen kann, ist ihm sein Bruder Antonio mit seinem eigenen Coming-out zuvorgekommen. Der Vater Vincenzo (Ennio Fantastichini) ist fuchsteufelswild, wirft ihn noch hinaus, bevor er eine Herzattacke erleidet. Jetzt lastet die ganze Verantwortung der Fabrik auf Tommasos Schultern. Ein zweites Coming-out würde der Vater wohl kaum überleben. Bevor Tommaso so werden kann, wie ihn die Familie haben möchte und all seine Träume dafür aufgibt, reisen seine Freunde aus Rom an und bringen ihn zurück ins richtige Leben…

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Mit Typisierungen und Klischees geizt der aus der Türkei stammende Wahlitaliener Ferzan Ozpetek zwar nicht gerade, aber da jede/r sein Fett abbekommt, ist gerade das amüsant. Wir lachen über gefräßige italienische Kinder, einen aufbrausenden Vater, der wegen dem Spott der Leute zu Hause wie ein Baby heult, eine kurzsichtige und trunksüchtige Tante, die beim Liebesspiel „Haltet den Dieb“ schreit und eine resolute Autofahrerin, die ihren Kofferraum zum Schuhschrank umfunktioniert hat.

Foto: © PROKINO

Letztere, Tommasos Kollegin Alba (Nicole Grimaudo), ist von allen Figuren am unstimmigsten herausgearbeitet. Die larmoyante Geschichte mit ihrer todkranken Mutter und ihr Anhimmeln Tommasos passen einfach nicht zu ihrem Charakter und bilden die dramaturgischen Tiefpunkte. Extrem erheiternd hingegen ist der Aufmarsch Tommasos schwuler Freunde in Lecce. Prompt quartiert man sie als Gäste in den ohnehin schon chaotischen Haushalt ein. Deren Versuch, besonders straight zu wirken, verkehrt sich ins Gegenteil. Sie erfinden sich zwar eine andere Identität mit klassischen Berufen, können sich aber nicht zurückhalten, unter der Dusche zu singen oder am Strand zu tanzen.

Foto: © PROKINO

Ozpetek gestaltet aus ernsten Themenkomplexen eine raffinierte Familienkomödie, indem er sich des Stilmittels der Übertreibung bedient. Komik entsteht vordergründig aus den unvermittelten Wendungen von absurd zu melancholisch in lustig, dem pointierten Sprachwitz und der parodistisch überzeichneten Eigenarten des Figurenensembles mitsamt dessen vortrefflicher Körperbeherrschtheit. In seinem Debütfilm HAMAM – DAS TÜRKISCHE BAD von 1997 hatte er bereits ein homoerotisches Motiv eingearbeitet.

MINE VAGANTI ist eine erfrischende und geistreiche Komödie mit Italiens Frauenschwarm Nr. 1 Riccardo Scamarcio in der Hauptrolle, an der sowohl ein Mainstream- als auch ein queeres Publikum seine Freude haben kann.

Ab 15. Juli in deutschen Kinos!

Foto: © PROKINO

° Originaltitel: Mine Vaganti

° Deutscher Titel: Männer al dente

° Englischer Titel: Loose Cannons

° Produktionsland: Italien

° Produktionsjahr: 2010

° Regie: Ferzan Ozpetek

° Darsteller: Riccardo Scamarcio, Alessandro Preziosi, Nicole Grimaudo, Elena Sofia Ricci, Ennio Fantastichini, Ilaria Occhini, Carmine Recano

° Drehbuch: Ferzan Ozpetek, Ivan Cotroneo

° Produktion: Domenico Procacci

° Kamera: Maurizio Calvesi

° Musik: Pasquale Catalano

° Schnitt: Patrizio Marone

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