“Du bist ein Homosexueller, willst keiner sein, doch du kannst nichts tun, um das zu ändern.“ Würde man mit solchen Sätzen heute noch ein Publikum in die Theater oder Kinos kriegen? Was für eine Frage. Wohl kaum! Im Frühling 1968, ein Jahr vor Stonewall, als das Boulevardtheaterstück „The Boys in the Band“ seine Broadwaypremiere hatte, war das anders. Der junge Mart Crowley war der erste Autor, der das Schwulsein zum Hauptthema eines Stückes machte und damit überraschenderweise ein Mainstream-Publikum ansprach.

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Lange Schlangen bildeten sich vor dem Einlass. Über tausend Mal wurde das Stück nach der Premiere gegeben und zwei Jahre später, 1970, von William Friedkin mit demselben Ensemble verfilmt (Leonard Frey als Harold, Kenneth Nelson als Michael, Peter White als Alan, Cliff Gorman als Emory, Frederick Combs als Donald, Laurence Luckinbill als Hank, Keith Prentice als Larry, Robert La Tourneaux als Cowboy, und Reuben Greene als Bernard). Und das in einer Zeit, als Homosexualität für einen Großteil der US-amerikanischen Bevölkerung noch gleichbedeutend mit Geisteskrankheit war und man befürchten musste, verhaftet zu werden, sofern man bei einer Razzia in einer einschlägigen Bar „gefilzt“ wurde. Die Ereignisse von Stonewall gaben der Community für ihr Coming-out ein bis dato nie gespürtes Gefühl der Selbstwertschätzung und des Stolzes. Das passte nicht mehr zu den von Selbsthass zerfressenen „Boys“. Schon die Handlungsbeschreibung verdeutlicht dies: Sein Geburtstag treibt Harold die Sorgenfalten ins Gesicht. Mit den Jahren schwindet seine Attraktivität. Bald wird er wohl keine Chancen mehr bei süßen jungen Typen haben. Zum Trost schenken seine Freunde ihm Cowboy, einen genauso einfältigen wie attraktiven Callboy. Das Potenzial an Gehässigkeit gegeneinander nimmt mit dem steigenden Alkoholpegel der Partygesellschaft zu und kulminiert in einem fiesen psychologischen Spiel…

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Vor Stonewall verehrt und danach verteufelt – dieser kontroversen Rezeption des Stoffes um „The Boys in the Band“ geht der Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Crayton Robey in seinem Kompilationsfilm MAKING THE BOYS nach. Er befragt Zeitzeugen (neben Crowley kommen u. a. Edward Albee, Tony Kushner und Michael Cunningham zu Wort), reiht Filmausschnitte aneinander und schneidet Originalfotos ein. Das Material ist sinnig geordnet und verständlich aufbereitet und auch die Interviews sind gut portioniert über den Film verteilt, so dass keine Langeweile durch endlose Monologe aufkommt. Ein exzellent recherchierter und fantastisch aufbereiteter Dokumentarfilm, dem ich für seine Weltpremiere auf der Berlinale dieselben Anstürme an den Kinokassen wünschen würde wie dem thematisierten Klassiker damals. Unbedingt noch reingehen!

Die nächsten Vorstellungen:

19.2., 17 Uhr: CineStar 7

20.2., 12 Uhr: CineStar 7

21.2., 20 Uhr: CineStar 7

Crayton Robey. Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

° Originaltitel: Making the Boys

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Crayton Robey

° Darsteller: Mart Crowley, Edward Albee, Michael Cunningham, Cheyenne Jackson, Tony Kushner, Paul Rudnick

° Drehbuch: Crayton Robey

° Produktion: Susan Bedusa, Crayton Robey, Douglas Tirola

° Kamera: Eric Daniel Metzgar, Charles Poekel

° Musik: Fran Minarik, Peiter Angell

° Schnitt: Seth Hurlbert

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