Es kommt nicht oft vor, dass man sich für das, was sich auf der Leinwand abspielt, fremdschämen muss. Bei dem österreichischen Panorama-Beitrag von Peter Kern kommen genau diese Peinlichkeitsgefühle auf. Der Beginn des Films ist eigentlich recht spannend und furios geschnitten. Wir werden Zeugen einer geheimen Versammlung von Neonazis, die ihre nächste Hetzkampagne planen. Der 16-jährige Axel (Harry Lampl) hat keine andere Perspektive im Leben und möchte Teil dieser menschenverachtenden, gewaltbereiten, misogynen und homophoben Bande werden. Aufgenommen ist er noch nicht. Dafür bedarf es noch eine Reihe fragwürdiger Mutproben. An dessen Beginn steht ein maskierter Überfall auf den verhassten Sozialarbeiter Thomas Lorenz der karitativen Suppenküche „Brot & Würde“, der immer wieder Differenzen mit dem angriffslustigen Lippi (Michael Steinocher) hat. Dieser gießt nämlich gerne mal den Eintopf über dem Kopf eines hilfebedürftigen Immigranten aus. Bei einem Tumult ersticht Axel, ohne es zu wollen, den Sozialarbeiter. Auf der Flucht vor der Polizei versteckt er sich im Keller einer Wäscherei, dessen Inhaber der 80-jährige Gustav Tritzinsky (Ex-Visconti-Star Helmut Berger) ist. Axel erinnert ihn an seine Jugendliebe Hannes, der im Zweiten Weltkrieg durch Gustavs Verschulden von den Nazis ermordet wurde. Er nimmt den Jungen auf, gibt ihm Arbeit, doch Axel zeigt sich undankbar, kann sich aus den Fängen der Neonazi-Bande nicht lösen und steht zwischen den Fronten…

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Auf dilettantische Art kontrastiert die Monatage Neonazi- und Homo-Szene, Rückblende-Sequenzen aus Gustavs Jugendtrauma sind dazwischengeschnitten. Zusätzlich zu dem spielfilmfüllenden Handlungskomplex wird noch die Mann-zu-Frau-Transition von Gustavs FreundIn Jacob Ostermann zu Christina Thürmer (gespielt von Melanie Kretschmann) erzählt. Für ihren Abflug nach Casablanca, wo sie die geschlechtsangleichende OP vornehmen lassen will, hat sie sich eine billige blonde Perücke übergestülpt und macht einem Steward am Flughafenterminal eine dümmliche Szene. Was will uns Herr Kern bloß damit sagen?

Obwohl die Polizei die Übeltäter aller Krawalle doch kennen müsste, greift sie nicht ein und so herrschen weiterhin fast anarchistische Zustände in dem österreichischen Dorf. Verleumdende Plakate werden gedruckt und überall aufgehängt, rechtsradikale Märsche führen mitten durch die Innenstadt. Wenn eine Kundin in der Wäscherei Axel wiedererkennt und einfältig fragt: „Sie gehören doch der Schläger-Bande an?“, geht ein Raunen durch den Saal. Die Klügeren unter dem Publikum haben ihn zu diesem Zeitpunkt längst verlassen. Angesichts der naiven Herangehensweise an den Stoff, seines banalen Arrangements und der teilweise pathetischen Deklamation des Textes ist es auch reine Zeitverschwendung, bis zum bitteren Ende sitzen zu bleiben.

Peter Kern; Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

° Originaltitel: Blutsfreundschaft (Initiation)

° Produktionsland: Österreich

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Peter Kern

° Darsteller: Helmut Berger, Harry Lampl, Melanie Kretschmann, Michael Steinocher, Manuel Rubey, Mathias Franz Stein

° Drehbuch: Peter Kern, Frank Maria Reifenberg

° Produktion: Franz Novotny

° Kamera: Peter Röhsler

° Musik: Boris Fiala, Andreas Hamza

° Schnitt: Petra Zöpnek

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3 responses so far, want to say something?

  1. dr. dübbel says:

    warum machen sie ihre meinung öffentlich, wo sie keinerlei voraussetzung haben etwas zu beschreiben. warum haben sie das bedürfniss sich öffentlich zu äußern, wenn sie keine ahnung haben vom filmemachen, von geschichten von zusammenhängen. sie sind allein bösartig und inkompetent. das ist wohl die primitivste form über film zu sprechen. gehen sie doch essen und lassen sie sich das essen schmecken. sie sind frustirert, aber bitte frustrieren sie nicht die öffentlichkeit mit ihren beleidigungen. werden sie polizistin oder gefängniswärterin, dann dürfen sie sich auch schämen.

  2. admin says:

    Der Text spiegelt lediglich meine subjektive Meinung wider. Die darf jede/r öffentlich kundtun, sofern sie begründet wird. Mit Bösartigkeit, Frustration oder Mangel an Kompetenz hat eine kritische Stellungnahme wohl wenig zu tun. Wer das nicht erträgt, kann ja auf PR-Texte zurückgreifen.

  3. antiteilchen says:

    @ dr. dübbel
    Ich denke, Sie haben ein Problem mit der Meinungsfreiheit. Auch Ihre Annahme der Leser sei hier frustriert, trifft jedenfalls für mich nicht zu! Ich lese hier immer wieder sehr gerne fundierte und kompetente Filmkritiken. Statt persönlich zu werden, sollten Sie sich Gedanken machen, wie Sie konstruktiv mit Kritik umgehen.

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