Seitdem die Berlinale vorbei ist, hat man am Wochenende wieder mehr Zeit für anderes, zum Beispiel Kunstaustellungen. Sollte man also Pop Art Fan sein und den Dokumentarfilm BEAUTIFUL DARLING von James Rasin verpasst haben, dann auf nach Hamburg! Denn in der Hamburger Kunsthalle läuft noch bis zum 9. Mai die spektakuläre, wenn auch umstrittene Ausstellung «Pop Life». Unter anderem ist ein Selbstporträt von Andy Warhol in Drag zu sehen, mit platinblonder Perücke. Die Faszination für weißblondes Haar teilte er mit seinem Underground Star Candy Darling. Diese wollte schon im Kindesalter (als sie noch James Lawrence Slattery hieß) eine Filmdiva wie Kim Novak oder Lana Turner sein. Das geht aus ihrem Tagebuch hervor. Ihr langjähriger Freund Jeremiah Newton, der wiederum mit dem Regisseur gut befreundet ist, hat nach ihrem frühen Tod mit nur 29 Jahren ein ganzes Archiv mit Hinterlassenschaften von Candy zusammengestellt. Allein von ihrer Asche hat er sich viele Jahre nicht trennen können. Gegen Ende des Films gelingt es ihm schließlich.

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Durch Jeremiah gewinnt das Publikum abseits von verklärenden Aussagen, von denen viele Dokumentarfilme über verstorbene Berühmtheiten leider ausschließlich leben, einen sehr persönlichen Einblick in Candys Leben. Dieses für Außenstehende doch sehr glamourös erscheinende Dasein beschrieb sie in einem ihrer Tagebucheinträge als ein aus Verzweiflung, Einsamkeit und Sehnsucht gezimmertes Gefängnis. Auf Vernissagen und Empfängen verzehrten sich die Männer nach der auffallenden Erscheinung. „Wenn sie gewusst hätten, was unter dem Kleid ist, hätten viele von denen mich wohl lieber umgebracht“, resümiert sie ihre paradoxe Situation als transsexuelle Frau in einem New York der Sechziger- und Siebzigerjahre. Mindestens fünf Herrenkleidungsstücke hatten Drag Queens und Trans* zu tragen, wenn sie einer Verhaftung entgehen wollten. „Wurden sie von Polizisten in der Öffentlichkeit zusammengeschlagen, hätte niemand eingegriffen. Im Gegenteil – Passanten hätten die Polizei wohl noch dazu ermutigt“, bestätigt dies Holly Woodlawn in einem der zahlreichen Interviews (u. a. mit Paul Morrissey, George Abagnalo, Helen Hanft, John Waters).

Viele Bereiche des Lebens waren Candy durch ihren Entschluss, keine geschlechtsangleichende Operation vornehmen zu lassen, verschlossen. Neben dem Verzicht, schwimmen gehen zu können, hielt sie es für unmöglich, wahre Liebe zu finden. Die bittere Kehrseite des schillernden Factory-Lebens an der Seite Andy Warhols, der seine Trans*-Stars übrigens in der Öffentlichkeit als „Freaks“ bezeichnete. Anfang der Siebzigerjahre hatte er dann plötzlich genug von „Chicks with dicks“ und ließ auch Candy wie eine heiße Kartoffel fallen. Der filmische Subtext verwehrt sich angenehmerweise dagegen, Candy als Opfer der Warhol- Star-Produktion oder gesellschaftlicher Marginalisierung zu stilisieren und dadurch zu einer Rehabilitation ihres Rufes beizutragen. Angesichts von Narzissmus, Selbstglorifizierung oder körperlichem Verschleiß bewahrt Rasin eine neutrale Haltung, sammelt unterschiedlichste, auch weniger schmeichelhafte Statements als die von Jeremiah, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann. Durch die Erinnerung der ihr nahestehenden Weggefährten soll es lediglich eine Candy jenseits der divenhaften Posen kennenlernen und sie als ganz normalen Menschen ansehen, der wie alle anderen auch, nicht frei von Ängsten und Selbstzweifeln gewesen ist. Zu Lebzeiten hat sie ihren großen Traum von Ruhm und Erfolg mit eisernem Willen verfolgt und verwirklicht. Wenn man Holly Woodlawn im Interview sieht, denkt man unwillkürlich, dass der Alterungsprozess Candy wahrscheinlich weniger würdig gewesen wäre als der viel zu frühe Tod. Ihren Fans ist sie dadurch so in Erinnerung geblieben, wie sie immer sein wollte.

Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

° Originaltitel: Beautiful Darling: The Life and Times of Candy Darling, Andy Warhol Superstar

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: James Rasin

° Darsteller: Archiv: Candy Darling, Jackie Curtis, ,Jeremiah Newton, Holly Woodlawn, Paul Morrissey, George Abagnalo, Helen Hanft, John Waters, Tennessee Williams

° Drehbuch: James Rasin

° Produktion: Gill Holland, Jeremiah Newton

° Kamera: Martina Radwan

° Musik: Gerald Busby

° Schnitt: Zachary Stuart-Pontier

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