WATERCOLORS

Ob die beiden Schwimmer sich wohl wiedergefunden haben, fragte ich mich heute, als ich einen Jungen vor der Schwimm- und Sprunghalle im Europa-Sportpark sein Fahrrad anschließen sah. Irgendwie kam mir plötzlich diese Annonce in den Sinn, die ich im Dezemberheft der Siegessäule, in der Rubrik „Wiedersehen“ gelesen hatte. Offenbar haben sich die beiden schon öfter vor der SSE gesehen, aber nie hat sich einer von ihnen gewagt, den anderen anzusprechen. Vielleicht war es Liebe auf den ersten Blick. So geht es auch Danny, dem jungen Protagonisten aus David Oliveras Film WATERCOLORS. Er kann Carter (Kyle Clare) nicht vergessen. Die Zeilen „Love is so short and forgetting is so long“, von Pablo Neruda sind dem Film vorangestellt. Die Vernissage seiner Ausstellung, auf der ausschließlich Zeichnungen von Carter zu sehen sind, wird zum Rückblick auf die Liebe seines Lebens.

Einem griechischen Gott gleich, vereinen sich in Carters Person männliche Kraft und weibliche Schönheit. Er ist der Schwimm-Champion an der Highschool. Die Gegensätze zwischen ihm und Danny (Tye Olson) könnten größer nicht sein. Danny ist ein wahrer Schöngeist; am liebsten zeichnet er, beschäftigt sich gerne mit Literatur und ist ein eifriger Schüler. Carter schlägt die Bücher gar nicht erst auf. Gerade an eine neue Schule gekommen, wurde er schon suspendiert. Sein missmutiger Vater (Jeffrey Lee Woods) geht das Risiko nicht mehr ein, ihn unbeaufsichtigt zu lassen und lädt ihn übers Wochenende bei Dannys Mutter (Casey Kramer) ab, die er bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt hat. So kommt es, dass Carter in dem Zimmer des Sohnes untergebracht wird. Carter wird Dannys Inspiration, doch Carter will Dannys Liebe nicht bzw. will er nicht, dass andere von seiner Beziehung zu ihm erfahren. Seine Orientierung an der Außenwelt geht so weit, dass Danny ihn in der Schule nicht grüßen darf. Sein strenger Coach (Olympia-Legende Greg Louganis *, Infos zu seiner Person unter diesem Text) setzt ihn unter einen enormen Leistungs- und Erfolgsdruck. Er raucht, nimmt Schlafmittel und andere Drogen, um dem standzuhalten zu können. Ausgerechnet vor dem entscheidenden Wettkampf überschlagen sich die Ereignisse…

Foto: © PRO-FUN MEDIA

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WATERCOLORS lebt von der Sinnenfreude David Oliveras, seinem Gespür, mit Licht und Schatten Körper zu modellieren und diese so zu arrangieren, dass Filmbilder wie Gemälde aussehen. Das Element Wasser wird als Träger einer von der starken körperlichen Präsenz Kyle Clares hervorgebrachten Erotik stilisiert. In Wasser taucht er ein oder wird von ihm benetzt. Wenn er mit Danny zusammen ist oder Modell für ihn sitzt, spielt ein bläuliches Licht auf seinem Körper, das seine Unnahbarkeit vorwegnimmt.

Schwachstellen an Oliveras Erstlingswerk sind eindeutig im narrativen Gefüge zu finden. Die Rahmung der Story wirkt nicht nur aufgesetzt, sie ist auch völlig überflüssig und verwirrt nur unnötig, zumal die Figuren auch unzureichend in die filmische Handlung eingeführt werden. Beispielsweise wird mehrfach über einen Henry gesprochen, ohne dass sich dieser Name einer bestimmten Figur zuordnen ließe. Obwohl dieser eine entscheidende Rolle für die Zuspitzung des Konfliktes spielt, erfahren die ZuschauerInnen erst zu einem späteren Zeitpunkt, um wen es sich dabei handelt.

Nach einem gewalttätigen Übergriff von besagtem Henry (Brandon Lybrand) und dessen Clique findet Danny an der Schulter des Freundes Trost und Beipflichtung. Als keine Worte mehr zwischen den beiden sind, beginnen Hände und Lippen zu sprechen – in einer wunderbaren Sprache der Leidenschaft und Hingabe. Carters Küsse sind zärtlich, seine Berührungen bestimmt. Oliveras macht Dannys Emotionen im Bild sichtbar. Während sich die beiden Jungen küssen, beginnt es im Zimmer plötzlich zu regnen. Das Wasser rinnt den Lampenschirm hinunter, Tropfen perlen an Carters Haut ab. Einen Moment lang scheint es, als hielt er inne. In einer malerischen Pose, halb über Danny gebeugt, verharrend. Sogleich lässt einen diese Lichtdramaturgie an den von der Kunstlehrerin (Golden Globe Gewinnerin Karen Black) erwähnten Caravaggio denken – die Quellen der dramatischen Ausleuchtung bleiben auch hier undefinierbar.

Foto: © PRO-FUN MEDIA

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Carter wird zum lebendigen Kunstwerk, das sich von niemandem besitzen lässt. Er übernimmt die Führung und bestimmt die Richtung, nach der Danny tanzen soll. Auch in dieser Szene ist er der aktive Part. Stets platziert er sich über Danny und überspielt mit Coolness und narzisstischem Stolz seine Unsicherheit. Danny vermittelt durch seine gerade Körperhaltung eher Anspannung als Lässigkeit, legt aber nicht halb so viel Wert auf die Urteile anderer. Die beiden Jungstars Tye Olson und Kyle Clare konnten diese Widersprüchlichkeiten gut vermitteln und wirken auch im Dialog mit erfahrenen Schauspielerinnen wie Karen Black in keinster Weise blass.
Nun ist angesichts der Eiseskälte draußen das Schwimmbad gewiss der letzte Ort, wo man sich gerne hinträumt. Das Eintauchen in WATERCOLORS aber ist ein herzerwärmend sinnliches Vergnügen.

* Die Story von WATERCOLORS könnte von dem Lebensschicksal des vierfachen Olympiasiegers im Wasserspringen Greg Louganis, inspiriert sein. Genau wie Carter war auch er im Alter von 16 Jahren ein erfolgreicher Sportler und vermutlich ebenso überzeugt davon, nichts anderes zu können. Nachdem er aber seine Karriere als Wasserspringer wegen seiner Erkrankung an AIDS beenden musste, startete er eine zweite, ebenfalls erfolgreiche Karriere als Autor und Schauspieler. Zudem fungiert er als Botschafter der Gay Games, indem er gegen die Diskriminierung homosexueller Sportler ankämpft.

° Originaltitel: Watercolors

° Deutscher Titel: Watercolors – Wenn aus Liebe Verlangen wächst

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2008

° Regie: David Oliveras

° Darsteller: Tye Olson, Kyle Clare, Greg Louganis, Karen Black, Ellie Araiza, Casey Kramer, Jeffrey Lee Woods, Brandon Lybrand

° Drehbuch: David Oliveras

° Produktion: Larry Allen, Penny Styles McLean

° Kamera: Melissa Holt, Andrew Parke

° Musik: Marcelo Cesena, Dorian Rimsin

° Schnitt: Martin Aristidou

° DVD VÖ: 02.12.2009

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