WAS LIEBE HEISST

„Am Wochenende hetero, unter der Woche schwul“, so bringt Nicolas (Michaël Cohen), aus dessen Perspektive die Story erzählt wird, seine Lebensführung auf den Punkt. In einem Frankreich unter der Vichy-Regierung im Jahr 1980 ist er nur einer von unzähligen Teilzeit-Schwulen, die sich aus familiären oder Karrieregründen nicht outen können. So liefert Nico mit seiner dreijährigen Beziehung zu Nathalie (Valérie Donzelli) eine glanzvolle Vorstellung für die Familie ab, die sich an den Wochenenden in dem schmuckvollen Anwesen in der Nähe von Paris zusammenfindet.

Foto: © Edition Salzgeber

Nicolas Schwester Isabelle (Sophie Quinton) bringt ihren neuen Freund, den blonden Lockenkopf Bruno (Nicolas Gob), zur Begutachtung mit. Abgesehen von Nicolas kann sich allerdings keiner der Familienangehörigen so recht für ihn begeistern, zumal die Tochter mit einem Tischler keine gute Partie macht und Bruno nicht mal der Vater von Isabelles ungeborenem Kind ist. Zwei Jahre später, kurz bevor Bruno den Jungen anerkennen will, wird das Paar Opfer des Bombenanschlags auf das Restaurant Goldenberg. Isa ist sofort tot, Bruno überlebt, wird aber nach der Bluttransfusion im Krankenhaus nicht mehr derselbe sein. Nicolas liebt ihn noch immer, obwohl er weiß, dass Bruno nicht auf Männer steht. In den Medien macht inzwischen Aids Schlagzeilen. Sogenannte Risikogruppen wie Schwule, Prostituierte und Heroinabhängige werden von der Gesellschaft mehr denn je stigmatisiert. In dieser angespannten Situation beschließen Nicolas und Bruno zusammenzuziehen, um Isas Kind gemeinsam großzuziehen….

Foto: © Edition Salzgeber

Wer den Namen Renaud Bertrand mit CLARA SHELLER verbindet, von der er 2005 sechs Episoden inszenierte, dem sei gleich gesagt: von der kessen französischen Leichtigkeit der französischen Serie hat dieser TV-Zweiteiler nichts geerbt. Es ist ein tragischer Stoff, den Bertrand mit ergreifenden Bildern umsetzt. Auf intelligente und feinfühlige Weise verknüpft er in seinem Familienmelodram politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Begebenheiten in dem Zeitraum von 1980 bis 2008 mit individuellen Schicksalsschlägen.

Foto: © Edition Salzgeber

Die Ausbreitung des HI-Virus ist dabei von primärer Bedeutung. Diese steht im Kontext des Blutskandals, dem größten in der Geschichte des französischen Gesundheitswesens. Trotz Warnungen und Möglichkeiten zur Neutralisierung verwendete man bekanntlich Blutkonserven weiterhin ungeprüft; zwischen drei- und sechstausend Patienten wurden durch Bluttransfusionen mit dem Aidsvirus infiziert.

Foto: © Edition Salzgeber

Der Kampf gegen die Krankheit und für die Aufdeckung des Skandals wirken sich auf Freundschaften, Beziehungen und Karrieren der Figuren aus. Ein jede von ihnen, so abwegig ihre Zusammenwürfelung aufgrund der starken Mischung von sexueller Orientierung, Alter, gesellschaftlichen Klassen und Herkunft mitunter auch erscheint, bildet einen wichtigen Baustein für den psychologischen Gesamtkomplex. Bertrand inszeniert sie mit Kameramann Marc Koninckx als in Räumen Gefangene, stellvertretend für einen größeren gesellschaftlichen Handlungsraum.

Aus dem insgesamt überzeugenden Ensemble stechen Michaël Cohen als Nicolas und Nicolas Gob als Bruno heraus. Für ihre exzellente schauspielerische Leistung wurden sie auf dem Luchon International Film Festival (2008) als beste Darsteller ausgezeichnet. Im richtigen Leben sind beide übrigens heterosexuell. Kaum zu glauben angesichts der leidenschaftlichen Kussszene im Badezimmer! Nicolas Gob, der in der TV-Serie LES BLEUS, PREMIER PAS DE LA POLICE einen schwulen Polizisten spielt, sagte in einem Interview mit einer französischen Zeitung, dass ihm diese Szene, in der er völlig nackt war, sehr schwergefallen sei. Generell fällt auf, dass die Kuss- im Vergleich zu den Sexszenen sehr energisch und intensiv herausgespielt werden.

Foto: © Edition Salzgeber

Michaël Cohen (LE HÉROS DE LA FAMILLE (2006), UN BAISER S’IL VOUS PLAÎT, 2007) schreibt nebenbei auch Romane und ist mit Emmanuelle Béart verheiratet. Diese ist übrigens auch in Renaud Bertrands neuem Film NOUS TROIS in einer der Hauptrollen zu sehen. Eines der hierzulande wahrscheinlich bekanntesten Gesichter wird der in Deutschland geborene Cyril Descours sein, der Nicolas schwulen Kumpel Jérôme spielt (bekannt aus PARIS, JE T’AIME und FRANZÖSISCH FÜR ANFÄNGER 2006, COMPLICES, 2009 und UNE PETITE ZONE DE TURBULENCES, 2009).

Cover: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Sa raison d’être

° Deutscher Titel: Was Liebe heißt

° Produktionsland: Frankreich

° Produktionsjahr: 2008

° Regie: Renaud Bertrand

° Darsteller: Michaël Cohen, Nicolas Gob, Nozha Khouadra, Clémentine Célarié, Cyril Descours, Bérénice Bejo, Valérie Donzelli, Philippe Lefebvre

° Drehbuch: Pascal Fontanille, Véronique Lecharpy

° Produktion: Laurence Bachman, François Aramburu, Pascal Fontanille

° Kamera: Marc Koninckx

° Musik: Stéphane Zidi

° Schnitt: Laurence Bawedin, Ariane Boeglin

° DVD VÖ: 30.03.2010

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