THE BIG GAY MUSICAL

Halbnackte Jungs, Engelsflügel, Hot Pants, Glitter, Federn und Girlanden – Casper Andreas und Fred M. Caruso hätten sich wie beim Dreh ihres Films THE BIG GAY MUSICAL gefühlt, wenn sie am Samstag auf der Parade des Berliner CSD gewesen wären. Jedenfalls hätten sie gleich vor Ort casten können, aber ihre Version der Schöpfungsgeschichte ist ja bereits vollendet.

Foto: © cmv-Laservision

Die geht so: Am Anfang ist die Langeweile. Im Himmel sowieso (deswegen erschafft Gott ja auch die Engel), aber zunächst auch bei irdischen Wesen. Kolumnist Michael Musto verlässt empört die Aufführung von ” The Small Straight Play”. Sein Wunsch nach einem Gay Musical ward ihm sogleich erfüllt und so steht die Premiere des Off-Broadway Stückes „Adam and Eve, Just The Way God Made ‘Em“ an. In den beiden Hauptrollen: Paul (Daniel Robinson) als Adam und Eddie (Joey Dudding) als Steve. Während auf der Bühne die Welt durch sie erschaffen wird, droht die ihres Alltagslebens gerade zusammenzubrechen. Paul wird von seinem Freund Sebastian verlassen und beschließt in seiner Enttäuschung, sich zur Schlampe zu wandeln anstatt weiterhin vergeblich nach Mister Right zu suchen. „The hell with romance / Just drop your pants / I wanna be a slut“, trällert er sein Vorhaben von der Bühne. Trotz der Hilfe seiner erfahrenen Freunde ist die Männerjagd dann doch schwieriger als er immer dachte. Eddie ist in diesen Dingen noch unerfahren. Weder geoutet noch Sex gehabt, plagen ihn zudem ganz andere Sorgen als seine Jungmännlichkeit. Er steckt in der Zwickmühle, seitdem sich seine streng gläubigen Eltern als Premierenzuschauer angekündigt haben. Es sieht ganz danach aus, als müsse er tatsächlich bei Adam und Steve anfangen, wenn er dieses Problem in den Griff bekommen will …

Foto: © cmv-Laservision

Bühneninszenierung und filmische Wirklichkeit, Schauspiel versus Tanz und Gesang gehen nicht wie bei einer Vielzahl von Hollywood Musicalfilmen ineinander über, sondern sind als zwei verschiedene Bereiche markiert. Musicaleinlagen und dargebotene Songs unterbrechen die Narration, ohne den Handlungsverlauf zu irritieren. Die zwei Erzählebenen sind zwischen den beiden Regisseuren klar aufgeteilt, so dass merkliche (und durchaus gewollte) Unterschiede hinsichtlich des Regiestils bestehen (bspw. die dramatische Lichtregie des Musicals). Fred M. Caruso, der auch das Drehbuch verfasste, setzte das Bühnenspektakel in Szene. Vor Jahren hat er einmal ein Musical verfasst, das nun als Vorlage diente. Der gebürtige Schwede, Casper Andreas, hat bereits drei Spielfilme abgedreht (SLUTTY SUMMER, 2004; A FOUR LETTER WORD, 2007; BETWEEN LOVE & GOODBYE, 2008) und arbeitet derzeit an einer Romantikkomödie VIOLET TENDENCIES, in dem sich eine Fag Hag von ihrem schwulen Wirkungskreis distanziert und auf Partnersuche geht.

Foto: © cmv-Laservision

Die in den Film eingebetteten Musicalchoreographien, ob Off-Broadway oder im Rahmen der „Mostly Sondheim“ Show im Duplex, haben stets Aufführungscharakter inklusive eines sichtbaren Publikums. Die Inszenierung von „Adam and Eve, Just The Way God Made ‘Em“ ist übersteigert künstlich, verspielt und unter Einbettung aller möglichen Klischees und Stereotypenbilder verniedlichend. Dementsprechend drastisch muten die in der Verkitschung angesprochenen Wahrheiten in Bezug auf Religion und Homosexualität an, sobald sie von den Figuren im Alltag erlebt werden. So tauschen Paul und Sebastian vor einer Thomas Road Baptist Church Zärtlichkeiten aus, an der ein homophober Anschlag von Jerry Falwell angebracht ist, auf dem er AIDS als Strafe für eine Homosexualität tolerierende Gesellschaft anprangert. Ebenso krass ist das Kontrastbild zwischen theatraler Romantisierung und Gefühlskälte. Paul muss sich zum Kuscheln einen Callboy bestellen und wenn jemand aus dem Ensemble bei einem HIV-Test positiv getestet wird, muss man auf der Bühne trotzdem ausgelassene Glückseligkeit demonstrieren.

Foto: © cmv-Laservision

Die melodramatischen Momente sind natürlich vergleichsweise seicht, so dass das Stimmungsbarometer stets moderate Werte erreicht und sich auf Entertainment ultra light einpendelt. Dieser Film will nicht an seinem Anspruch, sondern an Körperlichkeit und Choreographie gemessen werden. Trotz des niedrigen Budgets werden Andreas und Caruso den an einen Musicalfilm gestellten Ansprüchen gerecht und engagierten vornehmlich professionelle Musicaldarsteller, die gleichermaßen attraktiv wie musisch und tänzerisch talentiert sind. Das zahlt sich aus, denn der anmutige Joey Dudding mit seinem unschuldigen Blick und der athletische Daniel Robinson machen in den 17 Tagen Drehzeit eine hinreißende Show. Einfach göttlich ist auch Steve Hayes, bekannt aus TRICK (1999) von Jim Fall. Last but not least, die sich aufdrängende Frage: Was macht dieses Gay Musical so B I G? Um darauf antworten zu können, müssen wir den Werbeslogan eines bekannten Online-Zahlungssystems bemühen: THE BIG GAY MUSICAL ist eben schwulerererer als alle anderen Gay Musicals – Camp at its best!

THE BIG GAY MUSICAL ist im Programm von cmv-Laservision

Foto: © cmv-Laservision

° Originaltitel: The Big Gay Musical

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Casper Andreas, Fred M. Caruso

° Darsteller: Daniel Robinson, Joey Dudding, Jeff Metzler, Liz McCartney, Brian Spitulnik, Andre Ward, Steve Hayes, Jim Newman, Celina Carvajal, Michael Schiffman, Marty Thomas, Kate Pazakis, Brent Corrigan

° Drehbuch: Fred M. Caruso

° Produktion: Casper Andreas, Fred M. Caruso

° Kamera: Jon Fordham

° Musik: Jack Aaronson

° Schnitt: Alexander Hammer

Print

Related posts:

  1. PRAYERS FOR BOBBY
  2. Casper Andreas im Interview
  3. CRUTCH
  4. DVD-Verlosung: ICE BLUES
  5. DIE ABENTEUER DES SEBASTIAN COLE

One response so far, want to say something?

  1. Casper Andreas im Interview « Queerbeet « Unnikath – Kino Queerbeet says:

    [...] Der schwedische Import Casper Andreas sieht blendend aus, steht vor und hinter der Kamera und hat vor sechs Jahren seine eigene Filmproduktionsgesellschaft EMBREM ENTERTAINMENT, LLC gegründet. Er lebt als Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent offen schwul in New York. Das Unnikath entlockt dem Multitalent alle Geheimnisse über den kürzlich auf DVD erschienenen Sommerhit THE BIG GAY MUSICAL. [...]

Einen Kommentar hinterlassen