Es muss diese Sehnsucht nach Ruhe und Einsamkeit, aber auch der Fluchtversuch aus dem Sündenbabel sein, was die Vorstellung von einem Leben in totaler Abgeschiedenheit auf dem Lande für Großstädter so attraktiv macht. Momentan scheint diese Sehnsucht besonders groß zu sein. Curt Worden folgte mit dem Dokumentarfilm ONE FAST MOVE OR I’M GONE Jack Kerouacs Spuren in die ihn plötzlich anekelnde Idylle des Big Sur. „Zurück zur Natur“ heißt Rainald Grebes neues Programm, das im Februar am Maxim Gorki Theater zu sehen sein wird, wie ich im tip lese.

Foto: © PRO-FUN MEDIA

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Dieser Stadt-Land-Gegensatz ist auch ein Motiv in Frank Ripplohs 1980 gedrehtem Klassiker TAXI ZUM KLO, der nun in ungekürzter Fassung und aufwendig restauriert als Directors Cut neu erlebt werden kann. Keine Klappen, Saunen, Lederkerle oder Tuntenbälle – die romantisierende Vorstellung, mit seinem Partner Frank (Frank Ripploh) als Bauer auf einer Farm zu leben, ist für Bernd (Bernd Broaderup) die beste Option für eine gemeinsame Zukunft. Er leidet unter Franks Herumstreunen durch das Berliner Nachtleben, seinem unersättlichen, promisken Sextrieb. Frank lebt ihn trotzdem hemmungslos aus, seine Gier – fast könnte man von Sucht sprechen – nach dem sexuellen Kick ist weitaus größer als die Angst, seinen Partner damit zu brüskieren…

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TAXI ZUM KLO ist ein Low Budget Undergroundfilm mit autobiographischem Hintergrund. Ripploh beschrieb ihn als „düsteres Drama“, tatsächlich lebt dieser Film aber gerade von dem Spannungsfeld zwischen Tragik und Humor. Der Komik-Effekt entsteht vornehmlich durch die spezifische Form der Bild- und Tonmontage. Zum einen ist das die Kontrastmontage, eine übergangslose Aufeinanderfolge von sehr gegensätzlichen Bildern. Beispielsweise werden beim Kegelabend des Lehrerkollegiums Schwarzweißbilder eingeschnitten, die Personen beim Gruppensex zeigen. Wenn Frank während seines Krankenhausaufenthalts auf Beutezug geht und sich mit dem Taxi quer durch Berlin chauffieren lässt, holt Bernd im Reisebüro gerade Erkundigungen wegen eines romantischen Urlaubs zu zweit ein. Die Tonspur der vorangegangenen Szene (ein Schüler liest seinen langweiligen Aufsatz vor) wird in die nächste Einstellung (Frank betritt die Klappe) hinübergezogen.

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Als Autor und Regisseur legt es Ripploh mit seiner schonungslosen Selbstdarstellung fast darauf an, sein Publikum zu provozieren und treibt den Begriff Schau“lust“ von Fellatio bis Golden Shower an den Rand des Unerträglichen. Er nimmt uns sogar mit in das Sprechzimmer des Hautarztes; „Feigwarzen“ lautet die Diagnose. Wir beobachten den von seinem Trieb gepeinigten Held beim kacken, pinkeln, blasen und ficken. Wesentlich aufsehenserregender als die exhibitionistische Offenlegung der Intimzone und die freizügig dargestellten Sexpraktiken wird heutzutage, im Zeitalter von AIDS, die Sorglosigkeit gegenüber Geschlechtskrankheiten sein. Nicht mal Hepatitis B hält Frank vom cruisen ab. So wartet man als Zuschauer regelrecht darauf, was wohl als nächstes kommen wird. Und schon ist man eine Figur in Ripplohs psychologischem Spiel, vorher einkalkuliert zu haben, dass sich sein Publikum zugleich angezogen und abgestoßen fühlen wird. Seine sogartige Wirkung bezieht der Film durch den klaren Rhythmus, der ihm seine Struktur vorgibt. Jede thematische Einheit wird bis zum Showdown von einem inneren Monolog abgegrenzt, in dem Frank sein Verhalten reflektiert. Mit dieser Taktik hatte er großen Erfolg. Beim Festival in Saarbrücken 1981 wurde TAXI ZUM KLO mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Allein in den USA spielte der nicht einmal 150.000 DM teure Film über eine Million Dollar ein. Im Gegensatz zu seinem Folgefilm TAXI NACH KAIRO (1987) setzte sich das Publikum von TAXI ZUM KLO hauptsächlich aus der schwulen Szene zusammen. Orgien hatte der Autor, Schauspieler und Regisseur Ripploh (alias Peggy von Schnottgenberg) im richtigen Leben übrigens auch mit Rosa von Praunheim, in dessen Filmen AXEL VON AUERSPERG (1974) und MONOLOG EINES STARS (1975) er mitspielte.

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° Originaltitel: Taxi zum Klo

° Englischer Titel: Taxi to the Toilet

° Produktionsland: Deutschland

° Produktionsjahr: 1980

° Regie: Frank Ripploh

° Darsteller: Frank Ripploh, Bernd Broaderup, Magdalena Montezuma, Peter Fahrni, Millie Büttner u. a.

° Drehbuch: Frank Ripploh

° Produktion: Frank Ripploh, Horst Schier, Laurens Straub

° Kamera: Horst Schier

° Musik: Hans Wittstatt

° Schnitt: Gela-Marina Runne, Matthias von Gunten

° VÖ: 04.11.2010 (WA) / DVD VÖ: 17.09.2002

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