SAGWAN

Philippinische Filmemacher sind mit ihren Regiearbeiten in den letzten Jahren gerade bei einem europäischen Publikum auf sehr viel positive Resonanz gestoßen. Neben Raya Martin, Lav Diaz oder Khavn de la Cruz natürlich vor allem Auraeus Solito mit MAXIMO OLIVEROS BLÜHT AUF (Ang pagdadalaga ni Maximo Oliveros) auf der Berlinale 2006 und Brillante Mendoza, der für KINATAY auf den Filmfestspielen in Cannes letztes Jahr mit der goldenen Palme für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Digitale Videokameras machten es möglich; erst durch sie konnte trotz bescheidener finanzieller Mittel eine beachtenswerte Independent-Filmszene entstehen, ansonsten wird der Markt nämlich auch hier von Hollywood-Importen dominiert.

Foto: © cmv-Laservision

Monti Parungao ist natürlich kein neuer Mendoza, aber SAGWAN erinnert mich in Bezug auf die Wiederholung immer gleichartiger ritueller Handlungen ein wenig an dessen Erstling MASAHISTA (The Masseur, 2005). Dieser erzählt nämlich auch von einem Jüngling, der den Beruf Masseur mit anderen Diensten am Kunden verbindet. Bei SAGWAN handelt es sich um eine Gruppe junger Bootsmänner, die ihre wunderschönen Körper für Geld an Touristen verkaufen. Eine andere, profitbringende Verdienstmöglichkeit gibt es im Armenquartier Tatalon in der Stadtgemeinde Calauag nicht. Das Leben der Einwohner ist so ruhig wie der Fluss, dessen Lauf ihr Leben bestimmt. Alfred (Ryan Dungo) ist einer dieser Guides. Er ist der Einzige, der sich nicht prostituieren will, obwohl er seinen besten Freund Eman (Dennis Torres) schon etwas wegen dessen Geschäftstüchtigkeit beneidet. Alfreds „Paddel“ (Sagwan in Filipino) hingegen bringt ihm kein Geld ein. Wenn immer Alfred erotisch involviert ist, durchlebt er ein Trauma, das mit dem Schicksal seines Vaters zu tun hat. Das hindert ihn daran, zum Höhepunkt zu kommen. Seltsamerweise projiziert er sich in dieses Szenario selbst hinein, ohne Zeuge dessen gewesen sein zu können. Zu seiner Freundin Cecilia (Martina Wilson), bei der er zur Untermiete wohnt und die auch mit Eman ein Verhältnis hat, bewahrt er Distanz. Sie möchte so schnell wie möglich heiraten – wahrscheinlich um sich aus der Vormundschaft ihres strengen Vaters zu befreien. Die gemeinsame Liebesnacht zwischen Alfred, Cecilia und Eman scheint die Vergangenheit heraufzubeschwören. Genau wie bei seinem Vater, könnte auch Alfreds Schicksal durch ein Paddel besiegelt werden…

Foto: © cmv-Laservision

Erste Liebe, Coming-out, Dreiecksbeziehung, Armut und Prostitution, Vater-Sohn-Konflikt, Vater-Tochter-Konflikt – die Story ist ganz schön überfrachtet. Zu allem Überfluss setzt Parungao noch eins drauf, indem er einen Schönheitswettbewerb von Ladyboys einfügt, an dem die „Puffmutter“ Taliyah (Heherson ‘Giggle’ Esmeralda) teilnimmt. Monti Parungao hätte entweder einen malerischen, sehr sinnlichen, aber konfliktarmen Film drehen können (für den er mit dem paradiesischen Schauplatz und den außerordentlich attraktiven Amateurdarstellern die besten Voraussetzungen hatte) oder aber die Ausgangssituation problematisieren und daraus ein erschütterndes Drama entwickeln, welches die Lebenssituation auf den Philippinen zwischen strengem Katholizismus und sexueller Ausbeutung thematisiert. Daraus hätte sich gewiss ein ereignisreicher Plot schmieden lassen. SAGWAN ist stattdessen eine groteske Mischung aus Elementen dieser beiden Möglichkeiten – etwas zu trist für einen Erotikfilm und zu affirmativ, um ein Sozialdrama zu sein.

Foto: © cmv-Laservision

Prostitution an sich wird in SAGWAN stark ästhetisiert dargestellt, als wäre es die einfachste Sache der Welt, an der man noch seinen Spaß haben kann. Fast ein bisschen naiv und unschuldig wird die Abfertigung der Freier in Szene gesetzt, denn die Kunden agieren durchweg liebesdienerisch, sie spenden eher Lust, als welche zu empfangen. Es grenzt ein wenig an Ironie, wenn man liest, dass sich der Film trotz seiner nur angedeuteten Sexszenen ein X-Rating eingehandelt hat.

Foto: © cmv-Laservision

Unnötig war auch, die Handlung von Alfred aus dem Off kommentieren zu lassen. Eine derartig dominante Erzählerfigur macht in den seltensten Fällen Sinn und ist hier sogar kontraproduktiv, weil dem Publikum dadurch die Möglichkeit gegeben wird, auf Distanz zu gehen und die filmische Handlung von einer Außenposition aus wahrzunehmen. Angesichts der sinnlich aufgeladenen Bilder, deren Nähe der Zuschauer ja gerade auskosten will, grenzt das fast an Selbstzerstörung.

Auch wenn der Film technisch, dramaturgisch und hinsichtlich der schauspielerischen Leistung nicht formvollendet ist, werden nach der Sichtung sicher einige von euch eine Reise auf die Philippinen antreten wollen – ohne Rückflug selbstverständlich.

Cover: © cmv-Laservision

° Originaltitel: Sagwan

° Produktionsland: Philippinen

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Monti Parungao

° Darsteller: Ryan Dungo, Dennis Torres, Martina Wilson, Mark Portus, Heherson ‘Giggle’ Esmeralda, Alexander ‘Tsoknut’ Castillo, Arnold Mendoza

° Drehbuch: Franklin Jundak, Arnold Mendoza, Monti Parungao

° Produktion: Rene Lopez, George Roca

° Kamera: Monti Parungao

° Musik: Arjieh Juwiao As

° Schnitt: Gary Parungao

° DVD VÖ: 19.02.2010

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