Der Held unserer Kreuzberger Geschichte ist nach altem Märchenbrauch eine recht schwache Figur. Auf der Bühne wie im richtigen Leben werden die Fäden von fremder Hand geführt und der “Prinz” gibt sich willenlos dem Rausche hin. Auf der kleinen improvisierten Bühne lässt der Narr Firlefanz (Wolfram Haack) für die abgewrackten Bewohnern und Bewohnerinnen der Wagensiedlung die Puppen tanzen.

Foto: © Edition Salzgeber

Dargeboten wird das Märchen vom schönen Prinzen in Hölleland, der sich in einen Müllersburschen verliebt und Hochzeit halten will. Auf die Missbilligung des Königs hin verfällt er einem bösen Zauberer, der seine Sinne mit einem Pulver betäubt. Parallel zu dem Puppentheater mit Happy End spielt sich in der Realität eine Tragödie ab. Jochen (Michael Stock) legt sein Leben in die kräftigen Hände von Drogen-Baron Ingolf (Fassbinder-Star Harry Baer), der ihn gegen ein Schäferstündchen mit Stoff versorgt. Freund und Wagen-Mitbewohner Stefan (Stefan Laarmann) sieht Jockels Drogenbeschaffungsprobleme an die Stelle seiner linkspolitischen Ideale treten. Er versucht, den Freund wachzurütteln, entfernt sich mit seinen moralischen Appellen aber immer mehr von ihm. Stefans Partner Micha (Andreas Stadler), der schon für seinen kleinen Sohn keinerlei Verantwortung übernehmen will, steht erst zwischen den beiden Freunden, wechselt dann aber auf Jockels Spur, die gerade durch die Nase und die Venen führt. Ein Ausflug ins Grüne wird zum Horrortrip. Mit dem Fall des Prinzen schließen sich die Pforten von Hölleland…

Foto: © Edition Salzgeber

Das mit einem Budget von 130.000 DM realisierte Spielfilmdebüt von Michael Stock ist in seiner Kompromisslosigkeit eine sehr persönliche und mutige Milieustudie des wiedervereinigten Berlins aus dem Jahr 1992, die im In- und Ausland Beachtung fand. Angesichts der in eine Richtung laufenden Handlung und den locker aneinandergereihten Szenen könnte man fast von der filmischen Umsetzung eines Stationendramas sprechen. Der Protagonist bewegt sich kontinuierlich auf den Untergang zu, macht aber keine innere Entwicklung durch. Im Gegensatz zu dem Märchenprinz, dessen Handlungsmotivation die unstandesgemäße Liebe ist, dreht sich der Radius von Jockel um die eigene Person. In der Auswahl seiner Sexpartner ist er wahllos. Eigentlich benutzt er sie lediglich als Medium, um sich wiederum in einen rauschhaften Zustand zu katapultieren, gibt ihnen aber das Gefühl von Macht.

Foto: © Edition Salzgeber

Die Bild-Ton-Montage ist sehr experimentell, wie man es aus früheren Filmen von Rainer Werner Fassbinder kennt. Das Bild wird an mehreren Stellen mit Nachrichtensendungen aus dem Fernseher oder Radio unterlegt, was die politische Teilnahmslosigkeit von Jockel, Stefan und Micha ins Lächerliche verkehrt. Das Kameraauge weidet sich an enorm drastischen Bildern, auf denen es verharrt und derartige Szenen bis zur Unerträglichkeit ausreizt.

Foto: © Edition Salzgeber

Die schonungslos dargestellte Realität konterkariert feste Strukturen der Gattung Märchen. Eine frei erfundene, jeglichem Raum- und Zeitbezug enthobene Phantastik rahmt die in den Kontext gesellschaftlicher und politischer Ereignisse eingebettete Binnenhandlung. Die monarchisch aufgebaute Hierarchie des Königreichs steht im krassen Gegensatz zu der alternativen Lebensweise der Wagendörfler. Der besänftigende Ausgang mit dem Sieg des Guten über das Böse inklusive des obligaten moralischen Appells bleibt bei dem realen Märchen aus. Die grotesk aussehende Prinzenpuppe (des Bühnenbildner-Duos Tomás Fitzpatrick und Roland Ascheid) scheint mit einem bösen Fluch belegt zu sein, der die Macht hat, über das Schicksal ihres Besitzers zu bestimmen.


PRINZ IN HÖLLELAND IST IM PROGRAMM DER EDITION SALZGEBER

Cover: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Prinz in Hölleland

° Englischer Titel: Prince in Hell

° Produktionsland:

° Produktionsjahr: 1993

° Regie: Michael Stock

° Spiel: Michael Stock, Wolfram Haack, Stefan Laarmann, Andreas Stadler, Harry Baer, Nils-Leevke Schmidt, Simone Spengler

° Drehbuch: Michael Stock, Stefan Laarmann, Wolfram Haack

° Kamera: Lorenz Haarmann

° Musik: Alexander Christou, Alexander Hacke, Tom Stern, Andreas Vetter, Ash Wednesday

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