PRAYERS FOR BOBBY

Mit der Popularität von Filmschauspielerinnen und Filmschauspielern ist es wie an der Börse. Jetzt, da AVATAR zum erfolgreichsten Film aller Zeiten avanciert ist, wird auch der Kurs von Sigourney Weaver wieder kometenartig in die Höhe steigen. Welche Rollen hat sie wohl vor AVATAR gespielt? Wie heißen die Regisseure, mit denen sie in den letzten Jahren zusammengearbeitet hat? Fragen wie diese, die die Filmwelt bewegen, werden der LGBT-Comunity ein breites Grinsen auf die Lippen zaubern, denn: direkt vor ihrer Rolle als Dr. Grace Augustine spielte sie in dem Fernsehfilm PRAYERS FOR BOBBY von Russell Mulcahy mit!

Foto: © cmv-Laservision

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Der australische Regisseur drehte zu Beginn seiner Karriere in den Achtzigerjahren Musikvideoclips für Queen, Elton John und Duran Duran. Seinen ersten großen Erfolg als Filmregisseur konnte er 1986 mit HIGHLANDER verzeichnen. „Danach gelang Mulcahy kein großer Erfolg mehr“, meint Wikipedia dazu. Okay, Mulcahy ist kein Cameron, aber er hat Sigourney Weaver für eine Charakterrolle auf den Fernsehbildschirm geholt. Fast vier Millionen Zuschauer verfolgten letztes Jahr die Erstausstrahlung der tragischen und auf einer wahren Begebenheit beruhenden Geschichte im US-amerikanischen Kabelfernsehen. Ist das etwa kein Erfolg? Außerdem hat er, nebenbei bemerkt, auch ein paar Staffeln QUEER AS FOLK abgedreht (2000-2001).

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PRAYERS FOR BOBBY beruht auf einer wahren Begebenheit. Schon die erste Sequenz nimmt bildlich den Grundkonflikt vorweg. Durch Parallelmontage kreuzen sich zwei Handlungsstränge, wobei die eine mit der anderen symbolisch verschmilzt: die Mutter, Mary Griffith (Sigourney Weaver), sitzt an der Nähmaschine und verrichtet ihre alltägliche Arbeit. Währenddessen steigt ihr Sohn Bobby (Ryan Kelley, der u. a. in STILL GREEN, 2007 von Jon Artigo und Letters from Iwo Jima, 2006 mitspielte) über die Brüstung einer Autobahnbrücke, breitet die Arme aus und springt rücklings hinunter; direkt vor einen Laster. Die Mutter löscht das Licht aus. An dem Tod ihres Kindes war sie zwar nicht direkt beteiligt – und doch war sie es, die den Ausschlag dieser Verzweiflungstat gab. Sie wollte nicht akzeptieren, dass sie einen schwulen Sohn hat. Homosexualität war für die streng gläubige Presbyterianerin eine Sünde. Durch Gebete und einen starken Willen könne Bobby ihrer Überzeugung nach davon „geheilt“ werden. Bobby fühlte sich nicht verstanden – und was noch viel schlimmer war – er dachte, er sei der Liebe Gottes nicht mehr würdig. Nach jahrelangem Hadern mit sich selbst nimmt er sich am 27. August 1983 das Leben; zu einer Zeit, als er sich durch seinen Umzug nach Portland zu seiner Kusine bereits von dem Drangsal der fanatischen Mutter befreit und sogar einen liebevollen Freund gefunden hatte.

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Mulcahy und Drehbuchautorin Katie Ford legen es nicht darauf an, mittels des voraussehbaren Freitods Spannung aufzubauen oder diesen in einem dramatischen Höhepunkt gipfeln zu lassen. Der Ausgang von Bobbys Schicksal ist der Erzählung vorweggenommen, so dass auch auf eine Wendung zum Guten nicht gehofft werden kann. Erst Monate nach dem Tod des Sohnes kann die Mutter nachempfinden, was ihren verlorenen Sohn bewegte. Sie beginnt, sich mit ihm zu beschäftigen – liest sein Tagebuch und sucht das Gespräch mit einem Geistlichen der Community Church und bei PFLAG mit anderen Eltern von schwulen und lesbischen Kindern. Dass die Mutter nach seinem Tod ihren Glauben hinterfragt und zur Einsicht kommt, ist vor dem Hintergrund von Bobbys Tod nicht besänftigend und es fällt sogar als Zuschauer trotz der emphatischen Rede und ihres Engagements schwer, dieser Figur zu vergeben. Die Einsicht kam, aber sie kam zu spät. In der Romanvorlage von Leroy F. Aarons ist Mary Griffith Abkehr von der Presbyterianischen Kirche wesentlich stärker herausgearbeitet, was ich an dem Film vermisst habe.

Mulcahy konzentriert sich weniger auf ein Anklagen seiner Figuren, als auf das Sichtbarmachen ihrer Empfindungen und schafft es, das Bedrückende an Bobbys Elternhaus für den Zuschauer direkt erfahrbar zu machen. Bevor Bobby Suizid begeht, reihen sich in schnellen Schnitten sprunghaft Erinnerungsfetzen aneinander. Seine Versuche, angehört und verstanden zu werden, waren vergebens. „I need you to listen. I need you to answer“, fleht Marty Haugen in ihrer Hymne, während die Nähmaschine im Büro der Mutter rattert. Immer wieder wird das Motiv des offenen Dachbodens eingeschnitten, wo sich Bobby zurückzog. Als die Eltern seines Partners David nach der Reaktion seiner Familie fragen, ist er in seiner auditiven Wahrnehmung beeinträchtigt; er hört die Stimmen verzerrt und hallend.

Mit dieser Rolle hat Sigourney Weaver bewiesen, dass jenseits ihrer Begabung, starke und selbstbewusste Kämpfernaturen zu spielen auch ganz viel Raum für Verzweiflung und Verletzbarkeit ist. Man sollte sich auf diesen Film emotional ganz und gar einlassen, dann aber auch Taschentücher parat haben, denn Tränen fließen ganz bestimmt.

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° Originaltitel: Prayers for Bobby

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Russell Mulcahy

° Darsteller: Ryan Kelley, Sigourney Weaver, Henry Czerny, Scott Bailey, Rebecca Louise Miller, Dan Butler

° Drehbuch: Katie Ford (Drehbuch), Leroy Aarons (Romanvorlage)

° Produktion: Damian Ganczewski u. a.

° Kamera: Thom Best

° Musik: Christopher Ward

° Schnitt: Victor Du Bois

Siehe auch: Artikel bei Queer.de

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