NEWCASTLE

Wellen werden hierzulande gerade eher von Menschen als vom Wind erzeugt, rollen mit brachialer Geschwindigkeit durch Zuschauertribünen in Fußballstadien anstatt auf eine Küste zu. In beiden Fällen aber transportieren sie Energie und benötigen ein Medium. Und während die La Ola die ganze Nation schon erfasst hat, surft Kelly Slater in THE ULTIMATIVE WAVE TAHITI über die 588 Quadratmeter große Leinwand des IMAX Kinos im Sony Center. Ob Fußball oder Wellenreiten – der Testosteronpegel wird in beiden Disziplinen auf Höchststand gehalten; für Queertreibende scheint es hier wie dort keinen Halt zu geben. Regisseur und Drehbuchautor Dan Castle hat sich zum ersten Mal mit 33 Jahren auf ein Brett gestellt und erlebte die Subkultur der Surfer auf eine ganz andere Art – hilfreich, freundlich und tolerant. Mit seinem Spielfilmdebüt NEWCASTLE will er dem Mythos von der Homophobie in Surferkreisen den Wind aus den Segeln nehmen. Das gelingt ihm mit spielerischer Leichtigkeit, indem er den Konflikt auf einen anderen Erzählstrang legt und den Underdogs ganz beiläufig in eine Clique sonnengebräunter Beach Boys integriert.

Foto: © PRO-FUN MEDIA

Zwischen zwei rivalisierenden Surfer-Brüdern stehend, nimmt Fergus (Xavier Samuel) nicht nur aufgrund seiner sexuellen Orientierung eine Außenseiterrolle innerhalb des Familiengefüges ein. Sein Zwillingsbruder Jesse (Lachlan Buchanan) ist entschlossen, den geplatzten Traum des wesentlich älteren Halbbruders Victor (Reshad Strik) weiterzuträumen. Er möchte nicht wie er als Hafenarbeiter enden, sondern strebt eine Profi-Karriere an. Für dessen Verwirklichung muss er sich zunächst einen Titel in der hiesigen Junior Surf Competition erkämpfen. Bereits bei der Vorauswahl wird er aber auf den dritten Platz gestuft und ist somit vom Wettbewerb disqualifiziert.

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Ein gemeinsames Wochenende mit seiner Clique und Traumfrau Deb (Debra Ades) vertreibt zunächst den Frust und lässt ihn den Neid auf seinen talentierteren Freund Andy (Kirk Jenkins) vergessen. Dieser nimmt sich indessen Fergus an und bringt ihm das Surfen bei. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich Victor mit seinen beiden Kumpels auf und bevor die Sonne am Horizont untergeht, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war…

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Anhand der Synopsis wird ersichtlich, dass es sich bei NEWCASTLE mehr um einen Film mit als über einen Schwulen handelt. Die eigentliche Hauptfigur ist Jesse, der mit seinen eher negativen Charakterzügen eine spiegelbildliche Ähnlichkeit mit Victor aufweist: Aggressionsbereitschaft, Rücksichtslosigkeit und Verbissenheit prägen beide Figuren, wohingegen Fergus und Andy das Gegensatzpaar bilden. Ihr Radius dreht sich nicht allein um die eigene Person, beide versuchen ein- und nicht auszugrenzen. Als Jesse sich durch sein Handeln von der Gruppe isoliert, ist es Fergus, über den er wieder zurückfindet. Fergus hebt sich im Gegensatz zu Andy aber durch sein Aussehen, blass und dunkelhaarig, von den anderen Jungs ab. Seine düstere Körperinszenierung steht im Widerspruch zu seinem freundlichen Wesen.

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Bei Victor ist das anders; ihn umgibt stets eine negative, destruktive Kraft, die Atmosphäre und Tonalität zu verändern vermag. Surfen – das ist für Jesse Freiheit und Befreiung, aus der Enge des düsteren Elternhauses und einem Dasein als Arbeiter. Beide Welten liegen in der australischen Hafenstadt Newcastle unmittelbar nebeneinander, greifen ineinander und heben sich dabei voneinander ab. Die dumpfen Grau- und Brauntöne von Beton und Eisen der Industrielandschaft kontrastieren mit dem intensiven Türkisblau des Meeres, den feinen weißen Sandstränden und dem azurblauen, wolkenlosen Himmel (gedreht wurde in Newcastle, Tamarama Beach und Hunter Valley).

Von der Bewegung der Surfer in diese magische, faszinierende Welt getragen, entgrenzt sich mit der Befreiung der Kamera aus ihrem Stativ der Bildraum und das Wohnzimmer verwandelt sich zum Wonn-Zimmer. Richard Michalak fängt nicht nur solide Surfkünste mit rasanten Manövern und Sprüngen ein, sondern taucht auch unter Wasser, in Strudel aus Wellen und Licht, die sich auf den muskulösen Körpern brechen. Der Choreographie von auf der Haut abperlenden Tropfen, Brust- und Body-Shots und in das Wasser ein- und auftauchende Körper unterlegen Castle und Filmkomponist Michael Yezerski mit sphärischen und fetzigen Klängen (Bole 2 Harlem, The Cloud Room, Bobnoxious u. a.).

An der musikalischen Gestaltung waren außer Yezerski Dan Castle und seine Crew beteiligt. So wurden einige Songs von Israel Cannan (Scotty) komponiert und von Ben Miliken (Nathan) gesungen. Im Laufe der Produktion wurde dieser Film zum Gemeinschaftswerk, denn bei dem Bestreben, die Weltsicht seiner 17-Jährigen Figuren so authentisch wie möglich wiederzugeben, hat er sie gleich miteinbezogen. Gegenüber den liebe- und kunstvoll gedrehten Surf-Sequenzen endet der Film sehr abrupt. Viele der angerissenen Erzählstränge bleiben offen, fast so, als hätte die Drehzeit nicht mehr gereicht. Angesichts der während des Films aufgebauten Nähe zu den Figuren ist das aus Zuschauerblick ein bisschen unbefriedigend. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass man die Perspektive eines Surfers zu sehr verinnerlicht hat, denn der ist sein ganzes Leben überzeugt davon, dass die absolut perfekte, die ultimative Welle erst noch kommen wird.

NEWCASTLE ist im Programm von PRO-FUN MEDIA

Cover: © PRO-FUN MEDIA

° Originaltitel: Newcastle

° Produktionsland: Australien, Japan

° Produktionsjahr: 2008

° Regie: Dan Castle

° Darsteller: Lachlan Buchanan, Xavier Samuel, Kirk Jenkins, Reshad Strik, Israel Cannan, Ben Milliken, Debra Ades, Rebecca Breeds

° Drehbuch: Dan Castle

° Produktion: Naomi Wenck

° Kamera: Richard Michalak

° Musik: Michael Yezerski

° Schnitt: Rodrigo Balart

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