MR. RIGHT

Auch Lieben will gelernt sein! Wer das Schlachtermesser schon gewetzt im Nachtkästchen verstaut hat, dem sei ein Crashtest in Sachen Beziehung wärmstens ans Herz gelegt. Ratschläge für Mars-Venus-Konstellationen erteilt ab nächster Woche ein Beziehungscoach in der Bar jeder Vernunft. Zu Verständigungsproblemen kommt es allerdings auch dann, wenn Marsbewohner unter sich bleiben, wie uns die britische Romantikkomödie („Hom-Rom-Com“) MR. RIGHT vorführt.

Foto: © PRO-FUN MEDIA

Louise (Georgia Zaris) ist verzweifelt. Die Anziehungskraft des Planeten Mars hat die Umlaufbahn ihres Mr. Right (Jeremy Edwards) gestört. Von Venus hat er nur abweichen können, weil sie ihn unvorsichtigerweise in ihre Gay-Clique integriert hat. Die besteht aus Alex (Luke de Woolfson), einem verkannten Schauspiel-Genie, das mangels Rollenangeboten Catering macht und seit einem Jahr mit dem gutmütigen Fernsehproduzenten Harry (James Lance) liiert ist. Zu Bruch geht ihre harmonische Zweisamkeit, als der attraktive Lars (Benjamin Hart) bei einem Gastauftritt in Harrys Sendung beeindruckt. Eine Chance für das Ex-Model, das sich von dem wohlhabenden Künstler Tom (gespielt von Regisseur David Morris) aushalten lässt und nun eine Karriere im Musikbiz anstrebt. Im Gegensatz zu Alex verzeiht Tom jeden Seitensprung, aber genau diese Narrenfreiheit langweilt Lars. Er liebt den Luxus, genießt es, begehrt zu werden und spielt seine Verehrer gerne gegeneinander aus.

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Ganz schön intrigant ist auch die neunjährige Tochter des Antiquitätenhändlers William (Rocky Marshall). Sie duldet es nicht, dass sich der Soap-Star Lawrence (Leon Ockenden) zwischen sie und ihren Vater stellt. Bei einem gemeinsamen Abendessen, das die ganze Clique mit ihren Partnern zusammenbringt, kommt es zum Schlagabtausch: Sexy Lars baggert an Lawrence. Dieser ärgert sich über seinen einstigen Rivalen Alex und macht deshalb seinem Freund William eine Szene. Und Harry steht plötzlich als Betrüger da, weil Lars zweideutige Anspielungen macht. Nicht nur Alex verletzt er damit, sondern auch Tom. Fasziniert von dem Spektakel ist einzig und allein Paul, die neue Flamme von Louise. Alex kann zwar nicht beim Casting, dafür aber in der Rolle des gekränkten Betrogenen überzeugen und kommt schließlich zu der Einsicht, dass sein wahres Talent in einer Kunst abseits der Bühne liegt…

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Schauspieler, Friseur, Modedesigner… Warum eigentlich nicht Busfahrer oder Lagerarbeiter? Den Vater von Alex befremdet es, dass alle schwulen Männer auf eine Künstler-Laufbahn fixiert sind. Bei dieser Beobachtung zieht er eine Parallele zwischen der schwulen Identität seines Sohnes und dessen Überzeugung, Talent fürs Schauspielen zu haben. Alex hat sich zwar von der ländlichen Gegend und seiner Arbeiterklassen-Herkunft gelöst, doch seine Bildungslücken machen ihm den Aufstieg in Künstlerkreise des schicken Soho nicht gerade leicht. So naiv die Feststellung seines Vaters auch sein mag, er spricht gelassen aus, was dem Publikum auch schon aufgefallen sein müsste. Für einen Ensemblefilm sind die Berufe der Figuren tatsächlich sehr homogen auf den künstlerischen Bereich festgelegt. Dabei war es den Geschwistern David und Jacqui Morris nach eigenen Angaben im Zuge der Verwirklichung ihres selbstfinanzierten Filmprojektes sehr wichtig, keine Klischees zu statuieren. In Bezug auf die Nivellierung von Unterschieden zwischen homo- und heterosexuellen Beziehungen ist ihnen das auch geglückt. Dann aber wird Pauls vermeintliche Heterosexualität durch die Dekoration seines Schlafzimmers mit Fanartikeln des FC Arsenal bewiesen und Alex bringt sein Schwulsein mit Duftkerzen und schweinchenrosa gestrichenen Zimmerwänden zum Ausdruck.

Abgesehen von solchen gleichsam banalen wie überflüssigen Regieeinfällen wehrten sich David und Jacqui Morris gegen die Einhaltung beliebter (und verkaufsförderlicher) Muster schwuler Filme und lehnten Ganzkörpernacktheit sowie explizite Sexszenen ab. Auch Komik wird in MR. RIGHT nicht qua Veralberung schwuler Männer erzeugt.

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Ganz so lieblich wie der charmante Titelvorspann mit Computeranimationen aus bunten Blumenprints in Kombination mit dem schnulzigen Soundtrack vermuten lässt, entfaltet sich der Plot jedenfalls nicht. Der Humor ist typisch britisch, eben bissig und ein bisschen schwarz. Das Zuschauervergnügen liegt durchaus im Zynismus und in der Schadenfreude. Private Gefechte können im Rahmen einer ausgelassenen Abendgesellschaft bis zum psychologischen Showdown führen. Das Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ von Edward Albee ist wohl das Paradebeispiel dafür. Bedauerlicherweise wurde diese Situation in MR. RIGHT nicht ausgereizt. Scharfe Geschütze werden zwar aufgefahren, doch letztendlich verpulvern die Morris-Geschwister ihre Munition. Anstatt die Situation eskalieren zu lassen, gehen die Streithähne aus dem Zimmer und ausgerechnet an spannendster Stelle wird ein Schnitt gesetzt. Bis in die Tiefe menschlicher Abgründe wagt sich die Dramaturgie nicht vor.

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Die heimliche Hauptrolle innerhalb des Ensembles wird von der uninteressantesten Figur, nämlich Alex, gespielt. Viel lieber würde man Einblick in die dunklen Seiten der Psyche von Lars gewinnen oder beobachten, was in Paul vorgeht, als er bemerkt, dass er sich doch zu Männern hingezogen fühlt. Über ein gekünsteltes Augenrollen kommt Jeremy Edwards aber leider nicht hinaus. Vieles bleibt an der Oberfläche. Insgeheim dürfen wir uns aber trotzdem freuen, dass man uns gestattet hat, anderthalb Stunden ein Misanthrop zu sein – und das, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Die Figuren machen es uns leicht, sie zu hassen. Als Paartherapie eignet sich MR. RIGHT wohl kaum, dafür aber umso besser als Antidepressivum für beziehungswillige Singles bei akuten Frustanfällen. Menschen mit derartigen Symptomen sollten sich unbedingt ein Exemplar dieses Films in den Giftschrank legen, denn nach Sichtung bekommt TGIF eine ganz neue Bedeutung: Thank God I’m FREE!

MR. RIGHT ist im Programm von Pro-Fun Media

Cover: © PRO-FUN MEDIA

° Originaltitel: Mr. Right

° Produktionsland: UK

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: David Morris, Jacqui Morris

° Spiel: Luke de Woolfson, James Lance, Benjamin Hart, David Morris, Georgia Zaris, Jeremy Edwards, Rocky Marshall, Leon Ockenden

° Drehbuch: David Morris

° Produktion: Jacqui Morris

° Kamera: Michael Wood

° Musik: Jacqueline Kroft

° Schnitt: Warren Meneely

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