MASAHISTA

Meine queere Reise durch die Filmgeschichte bringt mich an die verschiedensten Ziele. Manchmal kehre ich sogar mehrmals an denselben Ort zurück. Die Philippinen zum Beispiel bereise ich momentan öfter. Dabei bin ich auch auf alte Bekannte getroffen, wie Coco Martin. Genau das veranlasst mich, euch heute mal mit in die Vergangenheit zu nehmen, zurück in das Jahr 2005 – zu Brillante Mendozas Erstling MASAHISTA (DER MASSEUR). Eine eindrückliche Begegnung, an die ich mich gerne erinnere.

„Eigentlich ist ein Masseur doch dasselbe wie eine Hure“, meint ein Kunde geringschätzig. Genau so behandelt man die in dem Salon arbeitenden Jungs auch.

Foto: © Edition Salzgeber

Das Klientel kommt nicht allein wegen der Massage, sondern hauptsächlich wegen dem All Inclusive Service. Außer Küssen auf den Mund ist darin wirklich alles inbegriffen. Der 20-jährige Iliac (Coco Martin) arbeitet in diesem heruntergekommenen Etablissement unter unwürdigsten Bedingungen: miserable Bezahlung, mangelnde Hygiene, devote Unterordnung. Der Kunde ist King und darf sich aus einer Schar von Willigen seinen Favoriten aussuchen. Eine dumme Verwechslung bringt dem unterbeschäftigten Iliac einen Stammkunden (Allan Paule) ein. Iliacs gesamter Verdienst geht an seinen leberkranken Vater. Dessen plötzlicher Tod zieht eine Reise nach sich – zurück in die Provinz nach Pampanga und somit in seine Vergangenheit.

Foto: © Edition Salzgeber

In einem Topshot blickt die Kamera von ganz oben senkrecht nach unten auf die schachtelartig angelegten Kabinen, in denen die Kunden abgefertigt werden. Iliacs Schicksal ist wie eine dieser engen Kabinen. Lediglich die unerreichbare Deckenwand ist nach oben hin offen.

Die Richtung, in der sich das Karussel dreht, versinnbildlicht Mendoza mit einer Kreisdramaturgie – eine Endlosschleife, in der Ilias gefangen ist. Das Ende beginnt mit dem Anfang, der Anfang schließt mit dem Ende. Die Verlaufslinie für diese einspurige Richtung liegt auf der ritualartigen Ausführung immergleicher Handlungen. Das Ritual des Einölens und Massierens setzt Mendoza durch eine Parallelmontage mit der Salbung von Iliacs verstorbenem Vaters in Bezug.

Foto: © Edition Salzgeber

Eine weitere Parallelität existiert zwischen dem Verhalten von Kunde und Freundin. Nach der Triebbefriedigung erlischt das Interesse an Iliac. Ungeachtet dessen funktioniert er, verfällt in eine Art Ohnmacht. In diesem Zustand lässt er den Missbrauch über sich ergehen und fügt sich in die Mechanik des Alltags willenlos ein, ohne auch nur den Versuch zu wagen, sich aus dieser Zwangslage zu befreien. Von dieser erbärmlichen Existenz erzählt Mendoza in schlammfarbenen Nuancen, aus beklemmender Nähe und mit trockener Ironie auf den Lippen, als würde er darob wie der Schriftsteller-Kunde in einen Lachanfall ausbrechen. So bekommt Iliac nach dem Sex zwar nicht den vereinbarten Preis, dafür aber ein schäbiges Heftchen aus der Feder des Kunden mit dem Titel „Ich tat es aus Liebe“. Hinter der stets lächelnden Fassade von Coco Martins Iliac erahnt man die tiefe Traurigkeit, die diesen Menschen umgibt und die ihn langsam, aber beharrlich nach unten zieht. Eine starke Rolle für den junten und talentierten Schauspieler, die einen davor bewahrt, ihn trotz seiner Attraktivität auf eine reine Körperlichkeit zu reduzieren.

2005 wurde der philippinische Indie mit dem Goldenen Leoparden in der Kategorie Videowettbewerb ausgezeichnet.

Übrigens: die Edition Salzgeber bringt die DVD von DER MASSEUR jetzt als Neuauflage heraus.

Cover: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: Masahista

° Deutscher Titel: Der Masseur

° Produktionsland: Philippinen

° Produktionsjahr: 2005

° Regie: Brillante Mendoza

° Darsteller: Coco Martin, Allan Paule, Jacklyn Jose, Paolo Rivero, Kristoffer King, Katherine Luna

° Drehbuch: Boots Agbayani Pastor, Brillante Mendoza

° Kamera: Timmy Jimenez, Monchie Redoble

° Musik: Jerrold Tarog

° Schnitt: Nonoy Dadivas, Herbert Navasca

° DVD VÖ: 29.01.2007

Print

Related posts:

  1. JAY
  2. ROCK HAVEN
  3. SAGWAN
  4. PRINZ IN HÖLLELAND
  5. 11 MEN OUT

Einen Kommentar hinterlassen