L-SHORTS

Mitten in der Nacht schleicht sich Lilith (Megan Fahlenbock) in SUCCUBUS auf ein fremdes Grundstück. Nachdem der Karabiner am Gurt befestigt ist, klettert sie behände einen haushohen Baum hoch und landet mit einem Satz auf der Brüstung des Gebäudes. Mit einem Dietrich knackt sie das Türschloss. Auf leisen Sohlen nähert sie sich dem schnarchenden Hausherren, setzt ihn mit einer Betäubungsspritze außer Gefecht. Dann schlägt sie die Bettdecke zurück und…

Foto: © Alison Reid

Liliths Motiv für ihre Tat: sie und ihre Partnerin, die Genforscherin Athena (Angela Vint), wünschen sich ein Baby, das mit beiden von ihnen blutsverwandt ist. Da auf die Weiterentwicklung der Forschung kein Verlass ist, muss frau eben auf herkömmliche Methoden zurückgreifen.

In PÉPITA, LAURA, KITTY ET L’UTÉRUS ARTIFICIEL setzen die beiden Heldinnen bei der Familienplanung lieber auf Hokuspokus und überreden ihre Freundin, die Neurobiologin Kitty, eine medizinische Weltpremiere zu wagen. Warum es wohl für eine erfolgreiche Verschmelzung der beiden Eizellen auf das Miauen des Stubentigers und einen Trunk aus Lindenblüten und Walderdbeeren ankommt? Die beiden Regisseurinnen Caroline Fournier und Nathalie Haziza ließen sich für ihr Kurzfilmprojekt von der Jungfrauengeburt der Labormaus Kaguya im Jahr 2004 inspirieren. Kaguya war das erste Säugetier, das keinen Vater hat und von dem japanischen und koreanischen Forscherteam um Tomohiro Kono durch die Verschmelzung zweier Eizellen gezüchtet wurde. Treiben es Fournier und Haziza eher bunt mit phantastisch-verspielten Elementen, greift die Kanadierin Alison Reid mit SUCCUBUS auf Stilmittel des Agenten-/Spionagefilms und Comic-Verfilmungen wie CATWOMAN oder BATMAN zurück. Wie in ihrem Spielfilmdebut THE BABY FORMULA von 2008, mit dem sie die Idee von der vaterlosen Schwangerschaft weiterspinnt, lässt sie augenzwinkernd die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Die Idee zu THE BABY FORMULA kam ihr übrigens, als sie während der Dreharbeiten von SUCCUBUS entdeckte, dass Megan Fahlenbock und Angela Vint gerade schwanger sind.

Foto: © Edition Salzgeber

PITSTOP von Melanie McGraw ist ein sehr dezenter, tiefsinniger Kurzfilm mit einer schönen Drehbuchidee. Die introvertierte Maggie (Shawnna Youngquist) ist mit ihrer Familie unterwegs. Auf dem Highway, an einer verlassenen Tankstelle wird eine kurze Rast eingelegt. Das introvertierte Mädchen geht im Lärm und Toben ihrer vielen Geschwister unter. Stumm blickt sie durch ihre Fotokamera, ohne jemals den Auslöser zu drücken. Ihre Familie scheint sie gar nicht richtig wahrzunehmen und setzt die Fahrt ohne sie fort. Maggie wartet auf ihre Rückkehr und kommt dabei mit June (Andrea Helene), der Besitzerin der Tankstelle, ins Gespräch…

Wie auf einem Bahnhof geht es im Zürcher Copyshop “Easy Tiger” zu. Während ihrer Nachtschicht macht Elena die seltsamsten Begegnungen. Der Laden ist 24 Stunden geöffnet, aber zum kopieren kommt keiner her. Alle sind auf der Suche nach etwas, was sie dort gar nicht finden können. Elena braucht Geld für eine Reise nach Griechenland, weil sie ihren schwerkranken Vater noch kennenlernen möchte, doch dann lernt sie die attraktive Lia kennen, die in eine ganz andere Richtung will… Die in Berlin aufgewachsene Alkmini Boura hat den an ein modernes Bühnenstück anmutenden Kurzfilm während ihres Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste gedreht.

Foto: © Edition Salzgeber

Rätsel gibt Cassandra Nicolaous Beitrag HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, DAISY GRAHAM auf. Daisy (Barbara Gordon) hat 43 Jahre lang in Grey County als Lehrerin gearbeitet. Einen Tag vor der Einweihung des nach ihr benannten Mathematik-Zentrums bekommt sie von ihrem Arzt eine niederschmetternde Diagnose. Sie erinnert sich an ihre Jugend, ihren Versuch, sich zu erschießen, aber auch, wie sie sich in Emily (Brenda Bazinet) verliebt hat. In einem Geschäft verlangt sie nach Munition für ihr Gewehr…Ein emotional bewegendes Drama über einen in die Sackgasse geratenen Lebensweg.

Foto: © Edition Salzgeber

Erwachte Liebe und erweckte Leidenschaft, der Beginn neuen Lebens und Erinnerungen am Lebensabend, aufkeimende Hoffnung und niederschmetternde Enttäuschung – das sind die Themen und Ideen, die von Regisseurinnen aus Europa und Nordamerika in stimmungsvolle Bilder gesetzt wurden. Nicht alle Beiträge sind kinematografisch und narrativ so überzeugend wie PITSTOP und SUCCUBUS, doch insgesamt ist L-SHORTS eine abwechslungsreiche Auswahl aus amüsant-anregenden oder melancholisch-bedächtigen Momentaufnahmen. Die besten Minuten aus der L-Kurzfilmnacht eben – zum träumen, lachen und sinnieren.

L-SHORTS ist im Programm der Edition Salzgeber

Cover: © Edition Salzgeber

° Originaltitel: L-Shorts

° Regie: Alkmini Boura (EASY TIGER), Alison Reid (SUCCUBUS), Melanie McGraw (PITSTOP), Caroline Fournier und Nathalie Haziza (PÉPITA, LAURA, KITTY ET L’UTÉRUS ARTIFICIEL), Laura Terruso (DYKE DOLLAR), Cassandra Nicolaou (HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, DAISY GRAHAM), Catherine Crouch und Kelly Hayes (BUTTER TOP),
Bonuskurzfilme: Chris Deacon (TWISTED SHEETS), Susan Justin (LISTEN)

° Spiel: Megan Fahlenbock, Angela Vint, Shawnna Youngquist, Andrea Helene, Barbara Gordon, Brenda Bazinet, Rebecca Indermaur, Margarita Breitkreiz u. a.

° DVD VÖ: 20.07.2010

Print

Related posts:

  1. ROCK HAVEN
  2. MASAHISTA
  3. PRINZ IN HÖLLELAND
  4. 11 MEN OUT
  5. WAS LIEBE HEISST

Einen Kommentar hinterlassen