JAY

Der Leichnam eines jungen schwulen Mannes wird in seiner Wohnung aufgefunden. Polizisten bergen den blutüberströmten Körper, stellen die Tatwaffe sicher. In Bacolor/Pampagna bricht der Tag an. Die Sonne schiebt sich vor die dichte Wolkendecke, als Luzviminda Mercado die Augen aufschlägt. Sie denkt an Jay, ihren ältesten Sohn. Noch weiß sie nicht, dass er ermordet wurde. Dies war die Beschreibung eines Ausschnitts aus der Reality-Soap „Geliebte Verstorbene“. Auf der Basis des Mordfalls hat Channel 8 seine eigene Geschichte inszeniert. Bevor wir also das Kamerateam bei seinen Dreharbeiten begleiten und die Entstehungsgeschichte des Films verfolgen, sehen wir das fertige Produkt.

Foto: © cmv-Laservision

Der TV-Produzent Jay Santiago (Baron Geisler) hat stimmungsvolle Bilder und einen sentimentalen Ton für sein Gefühlskino im Reality-Show-Format gefunden. Er konnte mit der Vorgabe nobler Absichten überzeugen und bringt die trauernde Familie dazu, mit dem Sender zu kooperieren. Schließlich sind beide Seiten daran interessiert, dass der Täter geschnappt wird. Die arme Witwe Nanay Luz (Flor Salanga) hofft auf Hilfe vonseiten der Öffentlichkeit. Seit dem Tod des Vaters sicherte Jays Einkommen die Existenzgrundlage der Familie.

Im Laufe der Dreharbeiten lernen Mutter und Geschwister des Verstorbenen, wie man die manipulative Macht der Medien für seine eigenen Belange nutzen kann. Die Ausgebeuteten werden zu Ausbeutern. Durch ihre Mitarbeit wird aus einem Schicksalsschlag eine makabre Inszenierung des Schmerzes und der Trauer, im Zuge derer der Tote glorifiziert und die Mutter sich als Märtyrerin stilisiert. Den Höhepunkt dabei bildet die Wiederholung des Drehs im Leichenschauhaus, als Nanay Luz ihren Schmerz beim Anblick des toten Sohnes nachspielen soll und eine oskarreife schauspielerische Leistung abliefert. Die Tränen fließen auf Knopfdruck. Als sie ihr Spiel unterbricht, um sich einen besseren Text zu überlegen und Make-up aufzulegen, schwenkt die Kamera auf das angeekelte Gesicht des TV-Produzenten.

Foto: © cmv-Laservision

Baron Geisler spielt die bigotte Persönlichkeit dieser Figur gekonnt aus. Mit scheinheiliger, nahezu schmieriger Sanftmut erschleicht er sich das Vertrauen der Familie, verfolgt seine Ziele aber stets mit einer gehörigen Portion an Skrupellosigkeit. Die Beziehung zwischen ihm und der Familie Mercado wird zunehmend intimer; man gewährt ihm Einblick in wohl behütete Familiengeheimnisse. Er wird nicht nur in die Familie integriert, sondern nimmt zeitweilig die Rolle des verstorbenen Sohnes und älteren Bruders ein. Zu Luzviminda Mercado sagt er Nanay (also Mama) und er begehrt Edward, den Ex-Freund des Verstorbenen (Coco Martin). Er scheint mit dem verstorbenen Jay weitaus mehr gemein zu haben, als bloß den Vornamen und dass sie beide schwul sind. Theoretisch könnte er ohne Weiteres dessen Platz einnehmen.

Foto: © cmv-Laservision

Im Gegensatz zu Nanay Luz ist sich Reporter Jay der Schändlichkeit, den Schmerz zu vermarkten, jedoch bewusst. Gegen Ende des Films sehen wir, dass er sich die ethischen Grundregeln des Journalismus an die Wand geklebt hat. Die finanzielle Notlage zwingt die Hinterbliebenen in die Abhängigkeit der Medienleute. Eine Gage ist zwar nicht zu erwarten, aber ein vor der Kamera geäußertes Versprechen verpflichtet. Das weiß sogar Nanay Luz. Channel 8 macht Politik, wenn er dem Bürgermeister seinen Text vorgibt. Und auch die Festnahme des Mörders muss fernsehtauglich nachgespielt werden und kulminiert in einer heiklen Verfolgungsjagd im Stil eines Actionfilms.

Foto: © cmv-Laservision

Regisseur, Autor und Produzent Francis Xavier Pasion, der das Filmemachen als „spirituelle Reise“ ansieht, arbeitete jahrelang für das Fernsehen. Er schrieb Drehbücher für Soaps. Seine Tätigkeit als Produzent eines Doku-Dramas inspirierte ihn schließlich zu JAY. Geplant ist eine Trilogie. Auf JAY würden dann KAYE und L. folgen.

Interessant ist der doppelte Referenzrahmen des Mediums in JAY, ein Schachtelprinzip, das das Bild im Bild sichtbar und uns zu Beobachtern zweiter Ordnung macht. Unsere Position alterniert zwischen Rezipient und Produzent. Der Blickwinkel der Kamera, hinter und davor von derselben Person geführt (Carlo Mendoza), steuert unsere Emotionen. Wenn die Tränen, die uns soeben noch gerührt haben, als falsche enttarnt werden, merken wir, wie einfach es ist, uns emotional zu manipulieren.

Foto: © cmv-Laservision

In gleicher Manier referiert das moralisch zwiespältige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Mensch und Medium auf die Situation philippinischer Indie-Filmemacher. In Anbetracht ihrer Mittellosigkeit sind sie auf eine positive Resonanz im Ausland angewiesen und haben stets die Absatzchancen ihrer Filme in den USA oder Europa im Blick. Es wäre schade, wenn die Orientierung am Markt diesen außergewöhnlichen Filmen an Kraft rauben würde. Umso erfreulicher ist es, dass JAY im eigenen Land auf große Anerkennung stieß. Auf dem Cinemalaya Independent Film Festival wurde er in drei Kategorien ausgezeichnet: Bester Film, bester Schauspieler (Baron Geisler) und bester Schnitt.


JAY ist im Programm von cmv-Laservision

Cover: © cmv-Laservision

° Originaltitel: Jay

° Produktionsland: Philippinen

° Produktionsjahr: 2008

° Regie: Francis Xavier Pasion

° Spiel: Baron Geisler, Flor Salanga, Coco Martin, Rjay Payawal, Angelica Rivera, Jericho Espiritu, Carlo Mendoza

° Drehbuch: Francis Xavier Pasion

° Produktion: Francis Xavier Pasion

° Kamera: Carlo Mendoza

° Musik: Gian Gianan

° Schnitt: Chuck Gutierrez, Francis Xavier Pasion, Kats Serraon

° DVD VÖ: 23.07.2010 (Verkauf)

Print

Related posts:

  1. PRAYERS FOR BOBBY
  2. DVD-Verlosung: ICE BLUES
  3. DIE ABENTEUER DES SEBASTIAN COLE
  4. ZEROPHILIA
  5. DVD-VERLOSUNG!!!

Einen Kommentar hinterlassen