GREEK PETE

Andrew Haigh hätte es tun können. Er hätte in die versifftesten Ecken des Strichermilieus abtauchen und den abgefucktesten Typen vor die Kamera zerren können. Aus hohlen Augen hätte dieser ins Leere geschaut, von der Perspektivlosigkeit und seiner exzessiven Drogensucht erzählt. Auf all das hat der Regisseur in seinem Doku-Drama GREEK PETE verzichtet. Stattdessen sieht man den Helden (Peter Pittaros) an Weihnachten in Jeans und Sweatshirt mit seinen Freunden am Tisch sitzen und Hähnchen essen. Über ein Jahr lang hat Haigh ihn mit dem Ziel begleitet, gängige Klischees über das Milieu auszuräumen und zu zeigen, dass Escorts dieselben Träume und Ziele im Leben haben wie der Rest der Gesellschaft. „Genau wie alle anderen wollen sie respektiert werden, Geld verdienen, sich verlieben und eine Beziehung führen“, sagt Andrew Haigh in einem Interview. Diese Haltung macht er mit seinem nicht mal £5000 teuren Film visuell erfahrbar. Er befriedigt nicht die Sensationsgier eines sich moralisch über den Figuren stehenden Publikums, sondern bezieht neben den Erfahrungen der vor der Kamera agierenden Menschen auch ihre Gefühlswelt mit ein. In der Nahaufnahme findet Haigh dafür das passende Format. In London, Athen, L.A., Atlanta und New York hat der Film Preise abgeräumt.

Pete ist neu in London und lebt in einem noblen Apartment im Stadtteil Covent Garden, für das er in der Woche £500 Miete zahlt. Er hat exakte Ziele im Leben und ist ganz bewusst in das Escort-Geschäft eingestiegen. In möglichst kurzer Zeit will er viel Geld verdienen, damit er unabhängig ist, sich eine elegante Wohnung in London und einen guten Laptop leisten kann. Sein Partner Kai (Lewis Wallis), ebenfalls Escort, hat weder konkrete Pläne für die Zukunft, noch einen derart starken Willen wie Pete und lebt einfach so in den Tag hinein. Er bedient nur so viele Freier, wie für seine Lebenshaltungskosten samt seinem Drogenkonsum gerade nötig sind. Mit dieser Haltung eckt er in absehbarer Zeit mit Pete an, denn dieser nimmt seinen Job ernst und möchte ihn nicht mit seinem Privatleben vermischen. Er kann das Phlegma von Kai nicht ausstehen. Pete sieht seinen Körper als Kapital an, aus dem er schöpfen kann. Er02 hat die idealen körperlichen und mentalen Voraussetzungen, um in diesem harten Geschäft zu bestehen. Seine zielstrebige, verlässliche Art und sein selbstbewusstes Wesen zahlen sich aus. „Egal, in welcher Branche man tätig ist, ob als Müllmann oder als Rechtsanwalt“, so Pete, man kann überall der beste sein.“ Für seine Freier ist er das und so wird er auf den Hookie Awards in L.A. zum Best Male Escort of the Year (2008) gekürt.

Foto: © GMfilms

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Mit GREK PETE hat Andrew Haigh seine erste Regiearbeit in Spielfilmlänge vorgelegt. Davor hat er ein paar Jahre als Schnittassistent und -trainee gearbeitet (u. a. für GLADIATOR, 2000 von Ridley Scott) und vier Kurzfilme gedreht. In diesen spielen grundsätzlich Außenseiter die Hauptrolle, so wie in FIVE MILES OUT, der letztes Jahr auf der Berlinale gezeigt wurde. Eine Drehbuchvorlage gab es für GREEK PETE nicht. Die auf authentischen Erlebnissen basierende Story existierte lediglich in Grundzügen, nach denen Szenen mit Pete und seinem Freundeskreis (Lewis Wallis, Robert Day, Tristan Field, Barry Robinson, Liam Thompson, Rachel Whitbread) improvisiert wurden. Da ein Doku-Drama die Genres Dokumentar- und Spielfilm vermischt, sind nicht alle Sequenzen just in dem Moment abgefilmt worden, in dem sie passierten. Die mit den Dreharbeiten des Films zusammenfallende Preisverleihung der Hookie Awards beispielsweise ist dokumentarischer Art, die Sexszenen zwischen Pete und Kai sind hingegen sind für die Kamera inszeniert, ihrem realen Alltagsleben aber nachempfunden.

Inzwischen ist „London Boy Pete“ aus dem Escort-Geschäft, in dem er vier Jahre lang aktiv war, ausgestiegen und betreibt ein Fish and Chip Restaurant. Er hat ein Philosophie-Studium begonnen und schreibt ein Buch. Er weiß nun, wie er sein starkes sexuelles Verlangen in Kreativität umwandeln kann, denn von Sex hat er erst mal genug.

DVD-COVER: © GMfilms

DVD-COVER: © GMfilms

° Originaltitel: Greek Pete

° Produktionsland: Großbritannien

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Andrew Haigh

° Darsteller: Peter Pittaros, Lewis Wallis, Robert Day, Tristan Field, Barry Robinson, Liam Thompson, Rachel Whitbread

° Drehbuch: Andrew Haigh

° Produktion: Andrew Haigh

° Kamera: Andrew Haigh

° Musik: James Edward Barker

° Schnitt: Andrew Haigh

° DVD VÖ: 01.01.2010

° FSK: ab 18

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