ELOÏSE

Kann man einen Film mit geschlossenen Augen sehen, indem man ihn fühlt, habe ich mich heute gefragt, nachdem ich mir endlich ELOÏSE von Jesús Garay auf DVD angesehen habe. Bestimmt hätte ich das Gefühl eines freien Falls gehabt, von Leichtigkeit, ohne zu wissen, ob es eine harte oder sanfte Landung werden wird. Für euch habe ich aber natürlich genau hingesehen.

Schritte auf dem Korridor, in der Düsternis ist der Hinterkopf eines kleinen Mädchens zu erahnen. An der Hand der Mutter geht es schnurstracks auf eine Lichtquelle zu, während die Stimme von Àsia aus dem Off ertönt: „Eloïse, Eloïse..Ich habe geträumt, dass ich sterbe.“ „Keine Angst, erwidert diese, „das war ein Alptraum. Er ist vorbei.“ Schnitt. Unter Wasser: Àsia taucht nackt auf uns zu und ruft „Eloïse“. Das Telefon klingelt. Schnitt. Àsias Mutter erfährt, dass ihre Tochter einen Unfall hatte und im Krankenhaus liegt. Ein Rückblick, der immer wieder von dem Hier und Jetzt der Krankenhaus-Szenen und Fragmenten aus Àsias subjektiven Kindheitserlebnissen unterbrochen wird, erzählt die Vorgeschichte, wie es zu diesem tragischen Unfall kam.

Foto: © PRO-FUN MEDIA

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Àsia (Diana Gómez) hat gerade ein Studium begonnen und sich in ihren Kommilitonen Nat (Bernat Saumell) verliebt. Alles scheint perfekt zu sein – doch dann hat sie die Eingebung, einfach mal „etwas Impulsives“ tun zu müssen. Kurzerhand beschließt sie, einem Kunststudierenden Modell zu stehen. Sie erschrickt, als sich die Künstlerin als der „Freak“ herausstellt, über den ihre Freundinnen Erika (Carolina Montoya) und Norah (Miranda Makaroff) immer ablästern. Àsia entscheidet sich trotzdem dafür. Das Verhältnis zwischen Künstlerin und Modell wird allmählich vertrauter und sie spürt, wie sie sich in Eloïse (Ariadna Cabrol, die in DAS PARFUM – DIE GESCHICHTE EINES MÖRDERS, 2006 von Tom Tykwer mitspielte) verliebt…

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Jésus Garay führt die stets dunkel gekleidete, mysteriös schöne Eloïse über das Buch Demian von Hermann Hesse in die Handlung ein, wodurch sie mit der Titelfigur parallelisiert wird. Wie Demian ist auch Eloïse für ihr Alter sehr reif. Àsia orientiert sich an ihr, auch, weil sie ihr hilft, Selbstvertrauen zu entwickeln und den Blick auf eine ganz neue, noch verschlossene Dimension öffnet. In einer Schlüsselszene lehrt sie Àsia, ihr Umfeld mit geschlossenen Augen wahrzunehmen und ein Gespür für ihre Sinne zu entwickeln. In der Gesellschaft von Eloïse fühlt sie sich geborgen, entwickelt Selbstvertrauen und baut eine bisher unbekannte seelische Verbindung auf.

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Die Figuren um Àsia sind abgesehen von Nat verhältnismäßig negativ konnotiert; da ist die mannstolle Erika, die hinter ihrem Rücken mit ihrem Freund knutscht, eine emotional unterkühlte Mutter, die kein Verständnis für ihre einzige Tochter aufbringen will und ein für tot ausgegebener (in Wahrheit per gerichtlicher Verfügung auf Abstand gehaltener und demnach absenter) Vater. Àsias Kindheitserinnerungen sind sehr düster und unbarmherzig gezeichnet. Im Gegensatz zu den in warmen Farbtönen gehaltenen Sequenzen mit Eloïse überwiegt hier ein kühles Blau. Der Verlust des Vaters ist auch noch im Erwachsenenalter eine traumatische Erinnerung; als Zeichen ihrer inneren Verbundenheit mit ihm trägt sie stets seine Silberkette mit einem Anhänger aus Engelflügeln um den Hals. Was der Vater genau getan hat (offenbar war er eine Zeit lang inhaftiert), warum die Mutter derart verletzt ist, wissen wir nicht. Entscheidend ist auch nur, dass sie ihren persönlichen Konflikt auf das gemeinsame Kind, das den Vater liebt, überträgt. Wie Emil Sinclair aus Hesses Demian fällt Àsia immer wieder zurück in ihre frühere Haltung. In diesen Etappen scheint ihr eine Liebesbeziehung mit Eloïse angesichts des gesellschaftlichen Drucks unmöglich. Sie weist Eloïse zurück, sucht sie dann aber wieder auf. Aus der Realität flieht sie für kurze Momente in eine Traumwelt, indem sie Skizzen von jenen Personen anfertigt, in die sie verliebt ist.

Die Alternation der Zeitebenen spiegelt die innere Zerrissenheit der Protagonistin wider, Traum und Realität, Diesseits und Jenseits gehen ineinander über. Ob es ein Erwachen aus dem bösen Traum im Diesseits geben wird, bleibt ungewiss.

° Originaltitel: ELOÏSE

° Produktionsland: Spanien

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Jesús Garay

° Darsteller: Diana Gómez, Ariadna Cabrol, Bernat Saumell, Laura Conejero, Carolina Montoya, Miranda Makaroff, Núria Hosta

° Drehbuch: Cristina Moncunill

° Produktion: José Antonio Pérez Giner

° Kamera: Carles Gusi

° Musik: Carles Cases

° Schnitt: Anastasi Rinos

° DVD VÖ: 04.11.2009

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