Kein Sturm auf das Hotel, keine wilde Schießerei und nicht ein einziger Tropfen Blut. Mit elf Dollar und der Armbanduhr des Vaters befreit Sebastian (Adrian Grenier) ein junges Mädchen aus den schmierigen Fingern des Zuhälters Chinatown. Travis Bickle aus Martin Scorseses TAXIDRIVER hatte sich für dieselbe Aktion ein ganzes Waffenarsenal zugelegt und damit ein verheerendes Blutbad angerichtet. Sebastians Strategie ist hingegen, auf charmante Art unverschämt zu sein, womit er gleichsam entwaffnend ist. Eigentlich sehr passend für einen Film, dessen Titelvorspann schon mit einem gewaltigen Crash beginnt.

Foto: © cmv-Laservision

Abenteuer wie Hemingway will der junge Protagonist erleben; dabei ist zu Hause schon die Hölle los. Der Stiefvater (Clark Gregg) hat sich für eine „Geschlechtsumwandlung“ entschieden, woraufhin die Mutter (Margaret Colin) zurück in die alte Heimat, nach England flüchtet. Es wird Zeit, dass Sebastian auf die Überholspur wechselt – und zwar noch bevor er den Highschool-Abschluss in der Tasche hat…

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Tod Williams rasanter Retro von 1998 spielt in den Achtzigerjahren. Faszinierend an diesem als Drama etikettierten Film ist vor allem seine spannungsreiche Story. Eine gewaltige, fast spielfilmfüllende Rückblende setzt kurz vor dem Punkt an, als Sebastian aufgrund der Zerrüttung der Familie seinen Halt verliert. Ohne Längen und bar jeglicher Sentimentalität rast die Story über Fragmente dieses kurzen, aber kritischen, Lebensabschnitts hinweg: die „Abenteuer“, die der Held auf dieser kurzen Strecke erlebt, sind vielmehr typische Erfahrungen eines Teenagers.

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Auf dieser rasanten Fahrt und in musikalischer Begleitung von den L.E.S. Stitches, Greg Kihn oder Blondie zieht der Kleinstadtmief von Dutchess County, New York mit seinen menschenleeren Straßen und engstirnigen Bewohnern schemenhaft im Rückspiegel vorüber. Noch bevor er sich aber in seiner Trostlosigkeit wie eine Dunstglocke über die Story legen kann, reißt Williams das Lenkrad immer wieder um und legt eine andere Gangart ein, bis die nächste scharfe Kurve kommt. Treibstoffe sind dabei die pointierten Dialoge mit der entsprechenden Körpersprache, der sozialkritische Unterton und die zahlreichen Genre-Persiflagen auf das Roadmovie, den Highschool- sowie den von Bruce Lee geprägten Martial-Arts-Film. Das Figureninventar ist typenhaft gezeichnet, ohne aber den Respekt vor den Charakteren zu verlieren. Eklatant auffallend ist die Besetzung von Hank/Henrietta mit Clark Gregg, der auch mit Make-up und Damenkleidung wie ein richtiger Kerl aussieht. Trotz des folgenreichen Beschlusses, als Frau leben zu wollen, nimmt sie dankenswerterweise nicht die Position des bemitleidenswerten Opfers ein, das einen Schicksalsschlag nach dem anderen zu verkraften hat. Sie weiß sich auch in der anderen Rolle zu behaupten und zur Wehr zu setzen.

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Mit ihrem staubtrockenen Humor, den gekonnt eingeflochtenen Zitaten auf Meilensteine der Filmgeschichte und einem brillanten Adrian Grenier in der Hauptrolle ist dieser Film es wert, wieder- oder neu entdeckt zu werden.

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° Originaltitel: The Adventures of Sebastian Cole

° Deutscher Titel: Die Abenteuer des Sebastian Cole

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 1998

° Regie: Tod Williams

° Darsteller: Adrian Grenier, Clark Gregg, Aleksa Palladino, Margaret Colin, John Shea

° Drehbuch: Tod Williams

° Produktion: Karen Barber, Jasmine Kosovic

° Kamera: John Foster

° Musik: Elizabeth Swados

° Schnitt: Affonso Gonçalves

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