„Lass dich testen, hör mit dem Rauchen auf, mach den Führerschein, verschwinde aus deinem Zellenbüro und schau dir die Welt an!“ – der letzte Wunsch des aidskranken Kevin (Josh Ubaldi) ist, dass sein bester Freund John (Tim Swain) endlich sein Leben ändert. Und wer könnte ihm besser dabei behilflich sein als Kevins exaltierte Freundin Solange (Mahogany Reynolds), die es mit ihren diversen Auftritten in Giallo- und Horrorfilmen zu Popularität gebracht hat? Nach Kevins Tod stellt sie John sogleich als persönlichen Assistenten und Kameramann ein. Für den Dreh geht es zunächst nach Paris, dann nach Mailand und Berlin. Für kurze Zeit begeistert sich John für die atemlosen Zwischenstopps in den europäischen Film- und Mode-Metropolen, bis sich herausstellt, dass der Tod Solange auch abseits der Leinwand auf dem Fuße folgt…

Foto: © PRO-FUN MEDIA

Todd Verow lässt stets Persönliches in seine Filme einfließen. In DER JUNGE MIT DEN STRAHLENDEN AUGEN sind es weniger autobiographische Begebenheiten, als dass er seine Grundsatzprinzipien gegenüber der Filmproduktion offenlegt. Wie ein Verow-Film entsteht, lässt sich am besten anhand der folgenden Szene darlegen: Solange und John besuchen ein Restaurant in Paris. Aus dem Stegreif filmt John Solange beim Repetieren eines belanglosen Statements über das Lokal. Die Lichtverhältnisse sind schlecht und Solange dilettiert beim Dreh, dennoch bleibt es bei dieser einen Aufnahme. John solle einfach aufs Geratewohl filmen, das Rohmaterial könne man nachbearbeiten, meint Solange.

Eine Filmfigur legt dar, wie der Regisseur gearbeitet hat. Verows Herangehensweise ist experimenteller Art und zielt primär auf den absichtlichen Regelverstoß gegen konventionelle Erzählweisen ab. Er widersetzt sich stringent einer Kommerzialisierung von Filmen und somit auch standardisierten Ansprüchen an technische Voraussetzungen. Film ist für ihn Kunst, nicht Ware. Seine Haltung begründet er im Verzicht auf ein kostspieliges Equipment sowie die Aufteilung einzelner Bereiche innerhalb einer Filmcrew, denn die Postproduktion seiner Low- bzw. No-Budget-Filme übernimmt er selbst, nachdem er das Filmmaterial mit einer digitalen Videokamera aufgezeichnet hat. Diese wird per Hand geführt, so dass die Kamerabewegungen stets merklich, manchmal abrupt und nicht immer durch die Figuren motiviert erscheinen. Die Produktion ist billig – und das soll man dem fertigen Film auch ansehen. Unter-, Überbelichtung, grelle Farben, eine miserable Akustik (insbesondere John als Off-Erzähler), hart aneinander geschnittene Szenen ohne Übergang und dramaturgische Inkohärenz geben dem Werk den erwünschten Billig-Look. Todd Verow will sein künstlerisches Schaffen nicht in Abhängigkeit von Fördergeldern oder Zuschüssen stellen. Sobald er eine Idee für ein neues Filmprojekt hat, setzt er sie sofort um.

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THE BOY WITH THE SUN IN HIS EYES basiert auf dem ersten Roman seines Freundes und Arbeitskollegen Jim Dwyer, mit dem Verow seit seinem Spielfilmdebüt FRISK zusammenarbeitet. FRISK (eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dennis Cooper aus dem Jahr 1991, in dem übrigens Michael Stock mitspielte), löste wegen seiner Gewalt- und Pornoszenen Kontroversen aus. Als Queercore bezeichnet man die Kategorie, in die Verow ab da an eingeordnet wurde.

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Meist arbeitet Todd Verow mit Amateurschauspielern, wobei nicht einmal der Versuch unternommen wird, deren schauspielerisches Unvermögen zu kaschieren. Das Ensemble kann sich geschlossen nicht vor der Kamera bewegen und bekommt angesichts der mangelnden Überzeugungskraft dann auch noch banale Sätze in den Mund gelegt wie „Ich bin eher die falsche Person am falschen Ort zur richtigen Zeit“ (Solange). Die Distanz zu den hölzern agierenden Figuren kann bis zum Abspann nicht abgebaut werden. Starke Episoden gibt es nur vereinzelt: wenn der Film damit ausklingt, dass sich Vergangenheit, Traum und Realität durch das Motiv des Erschossenwerdens ineinanderschieben und Johns selbstbestimmten Neuanfang heraufbeschwören…Wenn man von traumartigen Wisch- und Shutter-Collagen aus Großstadtimpressionen und Konzertausschnitten im Stil von Musikclips aus den Achtzigern in den Bann und hinein in einen bonbonbunten Bilderrausch gezogen wird (Electro, Garage, Italo Disco, Hip Hop und Synth von Sally Shapiro, Plateau Repas, Team Plastique und Ben Onono).

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Emotional berührend sind allenfalls die Szenen mit Kevin und jene zwischen John und Alain (Valentin Plessy), währenddessen Solange ihre Ausstrahlung und einnehmende Erscheinung durch ihr unglaubwürdiges Spiel regelrecht abtötet. Die Möglichkeit auf Spannungserzeugung wie bei dem unerwarteten Aufeinandertreffen mit dem zu Schaden gekommenen Giacomo (Yann de Monterno) in seinem Apartment wird schlichtweg verschenkt. Anstatt Solange bei ihren kriminellen Machenschaften beobachten zu können, hören wir ein unmotiviert vorgebrachtes Geständnis ihrer Taten. Die Figuren mit einem Hauch von Skrupellosigkeit und Verruchtheit zu umgeben, bleibt ein Konzept in der Vorstellung des Autor-Regisseurs, ohne klare Konturen anzunehmen.

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Mit Temperament, Wut und Eifer engagiert sich Todd Verow in seinem wortgewaltigen, für den TEDDY Award verfassten Manifest des Queer Cinema für die unabhängige Kunst und macht damit jungen mittellosen Filmemachern viel Mut. Das lesenswerte Plädoyer für das Niederreißen der Gatekeeper-Barriere birgt dennoch die Gefahr einer brachialen Überflutung des Filmmarktes mit Schundfilmen in sich. Eine kontraproduktive Inflationierung von Kunst könnte dies zur Folge haben. Wie schwierig es ist, sich aus der Herrschaft des kommerziellen Mainstream-Kinos zu befreien, zeigt die Tatsache, dass Verow sein Geld als Filmvorführer in einem Multiplex-Kino verdient. Es ist schon abstrus und auch irgendwie tragisch, dass seine rebellische Emanzipation vom Etablissement ihn direkt wieder in die finanzielle Abhängigkeit von ihm treibt.

TIPP: Wer sich für diesen Film begeistert, dem/der könnte auch WRECKED …abgef***ed gefallen.

Cover: © PRO-FUN MEDIA

° Originaltitel: The Boy with the Sun in His Eyes

° Deutscher Titel: Der Junge mit den strahlenden Augen

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2009

° Regie: Todd Verow

° Spiel: Tim Swain, Mahogany Reynolds, Josh Ubaldi, Valentin Plessy, Yann de Monterno

° Drehbuch: Jim Dwyer (Romanvorlage), Geretta Geretta, Todd Verow

° Produktion: Jeffrey Keefe .

° Kamera: Todd Verow

° Musik: Guglielmo Bottin

° Schnitt: Todd Verow

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