DER ERSTE TAG IM WINTER

Außenseiterfiguren sind ja oft die spannendsten Charaktere, mitunter sogar die heimlichen Sympathieträger. Von dem Anti-Held Valerio (Mattia de Gasperis) aus Mirko Locatellis Coming-of-Age-Drama kann man das nicht behaupten. Immer wieder spannt er in die Umkleidekabinen des örtlichen Schwimmbads. Eines Tages beobachtet er zwei seiner angesagten Klassenkameraden Matteo (Andrea Semeghini) und Daniele (Alberto Gerundo) beim Liebesspiel. Valerio sieht eine Chance, die Machtverhältnisse umzukehren und startet einen Erpressungsversuch…

Als Komplizen kann der Protagonist den Zuschauer nicht gewinnen. Einer heimlichen Mittäterschaft stellt sich nämlich die objektive Kamera vehement entgegen, denn der Fluchtweg aus der permanenten Beobachterrolle ist gerade mal einen Sehschlitz breit. Nur wenn Valerio selbst zum Beobachter anderer Personen, aber insbesondere intimer Zärtlichkeiten wird, dürfen wir für einen kurzen Moment lang die Geschehnisse aus seinem Blickwinkel betrachten. Die Kamera lenkt den Zuschauer nicht, legt ihm auch keine Haltung nahe, denn Emotionen kommen bei dieser distanzierten Kameraführung, aber auch aufgrund der Unnahbarkeit des unliebsamen Underdogs kaum auf. Das ist durchaus gewollt und von Mattia de Gasperis, der bereits 2004 in Locatellis Drama COME PRIMA einen schwerbehinderten Jungen spielte, sagenhaft unprätentiös umgesetzt. Zugunsten der Objektivität hat Mirko Locatelli aber auch sehr viel an Spannung geopfert. Vielmehr überzeugt er in immer wiederkehrenden Handlungsabläufen und mehr dokumentierend als psychologisierend die Zuschauer davon, dass das Leben des jungen Valerio – genau wie die kahle Landschaft der ersten Dezembertage – grau und monoton ist. Abgesehen von dem klapprigen Mofa, das ständig kaputt ist und dem Fitnesstraining im Zimmer hat der Junge wenig Raum und Mittel, sich zu entwickeln. Die Motivation für Valerios gemeine Tat ist nachvollziehbar und erstaunlicherweise nicht allein von dem Wunsch getragen, mehr Anerkennung in der Klasse zu bekommen. Abgesehen von rein pragmatischen Gründen könnte er auch die Nähe zu Matteo, dem Schwächeren der beiden Jungen gesucht haben, um mit seinen Forderungen und Drohungen die dominante Position dessen Freundes Dani einzunehmen. Valerios homosexuelle Neigung wird jedoch sehr vage angedeutet, so dass sie nur eine Vermutung bleibt.

Prägend für das musikalisch von einem schwermütigen Cello unterlegte Drama sind lange statische Einstellungen, wenig Ellipsen im Erzählablauf und die Plansequenz als filmstilistisches Mittel. Letztere wird auch der Hauptgrund gewesen sein, warum die Kritiker des Internationalen Filmfestivals von Venedig den Film mit Gus van Sants ELEPHANT (2004) verglichen haben, in dem ebenfalls Handlungsfolgen in einem Zug abgedreht und ohne Schnitt dem Publikum präsentiert wurden. Über endlos scheinende Korridore der Highschool war die Kamera den Schülern stets im Nacken und folgte ihnen auf dem Fuße. Eine derartige Sequenz findet sich auch in DER LETZTE TAG IM WINTER, doch dessen raffinierter Dramaturgie mit seinem subtilen Spannungsaufbau kommt Locatellis düsteres Drama mit seinen Längen nicht hinterher.

° Originaltitel: IL PRIMO GIORNO D’INVERNO

° Deutscher Titel (bei Abweichung): DER ERSTE TAG IM WINTER

° Produktionsland: Italien

° Jahr der Fertigstellung: 2008

° Regisseur: Mirko Locatelli

° Darsteller: Mattia de Gasperis, Michela Cova, Andrea Semeghini, Alberto Gerundo, Teresa Patrignani, Giuseppe Cederna

° Drehbuch: Mirko Locatelli, Giuditta Tarantelli

° Produktion: OFFICINA FILM

° Kamera: Ugo Carlevaro

° Musik: Giovanni Sollima

° Schnitt: Mirko Locatelli

° Verleih: Salzgeber

° DVD VÖ: 23.11.2009

© Edition Salzgeber

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