CRUTCH

Bei der Verfilmung von autobiographisch inspirierten Storys hat der Regisseur stets mit dem Problem zu kämpfen, indirekt Partei für seine Alter-Ego-Figur zu ergreifen und dadurch nicht mehr objektiv zu sein. Rob Moretti war sich dessen bewusst. Er entging diesem Dilemma, indem er für CRUTCH einen weiteren Drehbuchautor engagierte und die Rolle seines damaligen Konterparts, des Schauspiellehrers Kenny Griffith, selbst übernahm. Der ironische Titel CRUTCH (Halt) spielt genau auf das an, was dem 16-jährigen David (stellvertretend für Rob Moretti und gespielt von Eben Gordon) niemand geben konnte. Die alkoholkranke Mutter schläft tagsüber ihren Rausch aus und ist nicht ansprechbar. Der Vater packt seine Koffer, lässt die drei Kinder im Stich und zieht zu einer anderen Frau. Während der Abwesenheit der Eltern versucht David für seine Geschwister zu sorgen. Seine Haltlosigkeit treibt ihn in die Arme seines Schauspiellehrers; er scheint der Einzige zu sein, der David helfend zur Seite steht und das Talent des Jungen fördert. In Wahrheit aber nutzt er dessen schwache Position lediglich für seine eigenen Zwecke aus. Dass Kenny nach einer wegen Drogenabhängigkeit gescheiterten Karriere gar kein Vorbild sein kann, erkennt David erst, als er seinen Verführungskünsten längst erlegen ist und schon tief in dem Abhängigkeitsverhältnis steht. Ein böses Machtspiel nimmt seinen Lauf…

Foto: © cmv-Laservision

CRUTCH verweigert sich der klassischen Rollenverteilung von Heranwachsenden und Vorbildern in Coming-of-Age-Dramen. Themenkomplexe sind Verführung Minderjähriger, Drogensucht und Coming-out, wobei letzteres nicht das auslösende Moment für die Krise des Protagonisten ist. Das ist vornehmlich in der Kommunikationslosigkeit innerhalb des Elternhauses zu finden. Dieses Motiv hat Moretti auf sehr feinfühlige Art herausgearbeitet. Keine der Figuren – einschließlich David selbst – ist in der Lage, sich zu artikulieren. David vertraut sich nicht seiner engen Freundin Julia (Jennifer Laine Williams), sondern seinem Tagebuch an und trägt im Kurs einen erschütternden Monolog vor, den er eigens verfasst hat.

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Erwachsene nehmen keine Vorbildfunktion ein und ermuntern Minderjährige noch zum Trinken und zum Experimentieren mit Drogen. Auffallend ist auch, dass sich David ausschließlich an wesentlich Älteren orientiert. Der übertrieben tuckig dargestellte Buchhändler Zach (Tim Loftus) macht in der Hinsicht keine Ausnahme. Auch er bestärkt David darin, eine sexuelle Beziehung mit einem doppelt so alten Mann einzugehen. Der krasse Altersunterschied zwischen Kenny und David tritt im Film allerdings durch das jugendliche Aussehen von Rob Moretti weniger zutage. Die Rolle des Mittdreißigers ist mit ihm augenscheinlich zu attraktiv besetzt, denn wie eine Verzweiflungstat wirkt es nicht gerade, wenn David sich mit ihm einlässt.

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Die Story wird durchweg aus Davids Perspektive erzählt. Aus der Erinnerung offenbart er sie vor einem sich im Off befindenden Publikum. Sie setzt sich aus sukzessiv aufeinander aufbauenden Sequenzen zusammen, die durch seine Kommentierung geklammert werden. Das von Jacks und Moretti verfasste Drehbuch ist allerdings recht einlinig im Negativen verharrend und bewegt sich mangels Umschwüngen wenig von der Ausgangssituation fort. Wie bei den meisten Betroffenengeschichten sieht man sich mit einem recht passiven Helden konfrontiert, dem Dinge zustoßen oder angetan werden. In Bezug dessen hätte Moretti mehr Spielraum zeigen können, denn immerhin hat er sich letztendlich ja aus dieser ausweglos erscheinenden Situation befreit und Karriere als Schauspieler, Regisseur und Produzent gemacht. Es ist unverständlich, warum er das eigentlich Interessante, den Auslöser für Davids Umkehr in die richtige Richtung, ausgeblendet hat. Wie es mit Kenny weitergeht, bleibt im Unklaren. Ihn verliert die Story aus den Augen, ohne dass der verantwortungslose Umgang mit einer ihm übertragenen Vormundschaft Konsequenzen hat.
Die besten Storys werden in den meisten Fällen eben nicht vom Leben, sondern von einem guten Drehbuchautor geschrieben. Eine dramaturgische Überarbeitung zu Ungunsten der Authentizität hätte auch dieser Lebensgeschichte wohl kaum geschadet.

Foto: © cmv-Laservision

° Originaltitel: Crutch

° Produktionsland: USA

° Produktionsjahr: 2004

° Regie: Rob Moretti

° Darsteller: Eben Gordon, Rob Moretti, Juanita Walsh, Jennifer Laine Williams, Tim Loftus

° Drehbuch: Paul Jacks, Rob Moretti

° Produktion: Rob Moretti, Michael Philip Anthony, Eric Smith

° Kamera: Brian Fass

° Musik: Ben Goldberg

° Schnitt: Jennifer Erickson, Rob Moretti

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